Als Jamie Oliver dort mal ein Buch präsentierte, soll es viel voller gewesen sein. Zwar herrschte am Mittwochnachmittag im dritten Stock der Buchhandlung Hugendubel am Münchner Marienplatz einiges Gedrängel, als Margot Käßmann bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt nach dem Rücktritt im Februar ihr neues Buch über das Vaterunser präsentierte. Aber mehr als 250 Zuhörer – ein Drittel Journalisten und zwei Drittel mittelalte Idealisten meist weiblichen Geschlechts – dürften es nicht gewesen sein.

Der mit großer Spannung erwartete Auftritt war weder eine Wallfahrt zur Bischöfin der Herzen noch eine säkulare Marien-Erscheinung, sondern eine ganz normale Promi-Präsentation. Und wer vorher gemeint hatte, dass Käßmanns Verlag, das Lutherische Verlagshaus aus Hannover, mit dieser Buchvorstellung noch vor dem offiziellen Beginn des Zweiten Ökumenischen Kirchentages dem Christentreffen die Schau stehlen könnte, musste einsehen: Es war gerade aus kirchlicher Sicht eine gute Idee, Käßmanns Wiederkehr vorzuziehen. Denn nun hat man sie schon mal gesehen, ziemlich entspannt und ein klein wenig gealtert - nichts Besonderes, das hätten wir hinter uns, der Kirchentag kann sich auf wichtigere Themen wie Missbrauch oder Ökumene konzentrieren.

Bei der kurzen, nur 20-minütigen Buchvorstellung hingegen war thematisch nicht so viel zu holen. Das Büchlein („Das große Du – Das Vaterunser“, 12,90 Euro), eines von geplanten fünf der Autorin über Grundzüge des evangelischen Glaubens, – dieses Büchlein ist nur eine kurze Erläuterung der einzelnen Bitten im Vaterunser, wobei sich Käßmann an Luthers Kleinem Katechismus orientiert. Geschrieben hat sie es bereits im Dezember, also lange vor Afghanistan-Streit und Rücktritt.

Daher spielen die Auseinandersetzungen um ihre Person keine Rolle, weder bei „Vergib uns unsere Schuld“ noch bei „Führe uns nicht in Versuchung“. Und Käßmann ging auf ihre Erlebnisse in den ersten Monaten dieses Jahres auch am Mittwoch mit keinem Wort ein.

Vielmehr ließ sie sich brav von Verlagsgeschäftsführer Christof Vetter nach ihrem Anliegen befragen. Sie wolle die Menschen ermutigen, wieder zu beten, antwortete sie, das sei gar nicht so schwer. Luther habe seinem Barbier auch nur geraten, einmal am Tag das Vaterunser zu sprechen. Dieses Gebet, so Käßmann, „umfasst alles, worum wir Gott bitten können“, man könne dabei „loslassen und ausdrücken, was einen bewegt“.

Kurz erzählte sie dann, wie sie als Pastorin einmal eine Fünfjährige beerdigen musste und am Grab angesichts solchen Schreckens kein eigenes Wort gefunden habe. „Aber das Vaterunser konnte ich mit den Eltern sprechen.“ Ähnlich sei es bei der Trauerfeier für Robert Enke gewesen, wo Tausende vor der Marktkirche von Hannover in das Gebet einfielen.

Dann noch ein paar Sätze zur politischen Verantwortung der Kirche – anlässlich von „Unser tägliches Brot gib uns heute“ – aber ganz allgemein sprach Käßmann da nur vom Einsatz gegen Hunger.

Und noch etwas: Dass man nicht hoffen sollte, Gebete würden unmittelbar erhört. „Wenn meine Töchter früher gebetet hatten, dass an ihrem Geburtstag die Sonne scheinen sollte, es aber dann regnete, habe ich ihnen gesagt, dass bestimmt ein Bauer in der Nachbarschaft ganz dringend um Regen für das Korn gebetet hätte.“

Beim Beten gehe es nicht um die direkte Wirkung, sondern darum, „dass man eine andere Lebenshaltung“ bekomme, wenn man sich an Gott wendet. „Lasst euch darauf ein, seht, wie es euch verändert“, sagte Käßmann und bekam innigen Beifall.

Ja, so ist sie, immer den Blick auf die lebensverändernde, man könnte auch sagen: therapeutische, jedenfalls gefühlige Seite des Glaubens gerichtet. Theologisch nicht eben anspruchsvoll, aber auch nicht mit krassen Thesen auftrumpfend wie Eugen Drewermann oder Friedrich Schorlemmer, setzt sie eher darauf, die Menschen herzlich und ermunternd anzusprechen. Dabei immer ihre charakteristisch tiefe Stimme, die fest und warm zugleich wirkt, selbstbewusst, aber unprätentiös, und mit einem leichten ironischen Lächeln um die Mundwinkel, das sie jedenfalls beim Reden vor Kitsch-Gefahren bewahrt.

Vor dieser Frau muss die evangelische Kirche keine Angst haben. Käßmann wird auf dem Kirchentag noch einige Male auftreten und dann im Sommer für vier Monate zu Studien in die USA gehen. Und wenn sie zurückkehrt, dann ist da halt eine Frau, die eines besser kann als jeder andere in der Kirche: ohne größeren intellektuellen oder kirchenreformatorischen Anspruch die Gemüter der Leute ansprechen. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.