Sie waren fassungslos. Und sie wussten, dass etwas Schreckliches passiert war. Spätestens als die Rettungskräfte eintrafen mit Blaulicht, mit Hubschraubern, immer mehr von ihnen kamen. Doch erst als die ersten mit Blut überströmten Mitfahrer aus der Metrostation Lubjanka heraustaumelten, begannen die Unverletzten, die, die Glück gehabt hatten, zu begreifen, dass sie einer wirklichen Katastrophe entgangen waren.
Die Behörden sprachen später von einer sogenannten Hexogen-Sprengladung, die eine Sprengkraft von vier Kilogramm TNT entwickelt habe. Die Wirkung wurde grausam verstärkt, weil der Sprengkörper mit Schrauben, Muttern und Kugeln aus Kugellagern bestückt war, die menschliches Gewebe wie Schrapnelle zerreißen. Die Bombe war darauf aus, möglichst viele Menschen zu treffen.
Mindestens 37 Menschen kosteten die gestrigen Anschläge auf die Metro, das überlebenswichtige unterirdische Verkehrssystem von Moskau, das Leben. Es könnten noch mehr werden, in den Krankenhäusern der Stadt ringen Schwerverletzte weiterhin mit dem Tod. Es war ein furchtbarer Terroranschlag, soviel ist aber jetzt schon sicher.
„Wir verstanden erst gar nicht, was passiert war. Zuerst dachten wir, über dem Waggon sei die Decke eingebrochen, alle schrieen“, erzählte ein Mädchen, das im Nachbarwaggon saß, als eine Sprengladung beim Halt an Station Lubjanka zwei Dutzend Menschen in den Tod riss. „Erst als wir auf die Straße hinausliefen, erfuhren wir von der Explosion.“
Osset Kulijew spürte den scharfen Geruch von brennendem Plastik, nachdem eine eher verhaltene Explosion zu vernehmen gewesen war. Erst dann, so berichtete er Journalisten, hätten die Menschen in der Metro begriffen, dass es sich um einen Anschlag handeln müsse. Dennoch, „eine Panik hat es praktisch nicht gegeben, über Lautsprecher wurden wir angewiesen, wie wir uns zu verhalten hatten“, sagte Kulijew und lobte die Hilfskräfte, die in relativ kurzer Zeit an der Lubjanka eingetroffen seien.
Während am Lubjanka-Platz, dem Sitz des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, die ersten Hilfskräfte eintrafen, Miliz den Platz absperrte und die Eingänge zur Metro schloss, setzte sich das Drama vier Stationen entfernt fort. In der Metro-Station Park Kultury (Kulturpark, früher als Gorki-Park bekannt) zündeten Attentäter knapp dreißig Minuten später eine weitere Bombe.
„Ich stieg aus dem Zug, da ertönte eine Explosion, ich fühlte die Erschütterung“, berichtete eine Augenzeugin unmittelbar nach dem Anschlag. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. „Alle schrieen, rannten. Menschen riefen, man soll nicht in Panik verfallen, es wurde ruhiger, alle bewegten sich vorwärts, es war völlig verqualmt, kaum zu atmen. Die Rolltreppe hoch, nach links, dort sprangen sie über eine Absperrung, ein guter Onkel half mir rüber, blieb stehen und half auch anderen.“ Oben an der frischen Luft, rief sie über ihr „Mobilnik“, das Mobiltelefon, Verwandte und Freunde an, um mitzuteilen – ich lebe.
Tausende taten es ihr gleich, die Mobilfunknetze brachen zeitweise zusammen. „Um mich herum weinte alles und war hysterisch. Ich wollte auch weinen, aber ich konnte nicht“, beschrieb die junge Frau ihre Seelenlage.
Der Sprengkörper am Park Kultury glich dem an der Lubjanka, war aber mit 1,5 bis zwei Kilogramm TNT etwas schwächer. Präsident Dmitri Medwedjew versicherte, Russland werde seine harte Linie gegen den Terror fortsetzen, „ohne Kompromisse und bis zum Ende“. Premier Wladimir Putin versprach: „Die Terroristen werden vernichtet werden.“ Nicht zum ersten Mal.
Es scheint, als hätten sich die Menschen in Moskau eh mit dem Ausnahmezustand abgefunden. Wer nicht im Zentrum des Geschehens war, blieb weitgehend ruhig. Sowie man erfuhr, dass Angehörige und Freunde unversehrt geblieben waren, setzte man sein Tagwerk fort.
Doch mieden auch sie die Metro, die in normalen Zeiten zu den sichersten Nahverkehrssystemen weltweit gehört. Mit neun Millionen Fahrgästen am Tag auf einem 293 Kilometer langen Streckennetz. Mit 177 Stationen und ohne Verspätungen. In den Stoßzeiten zwischen 7 und 10 Uhr sowie 17 bis 20 Uhr fahren die Züge alle anderthalb bis drei Minuten, sonst alle zwei bis vier Minuten.
Die Täter wussten, was sie mit ihren Anschlägen, die ja die ersten nicht waren, anzurichten in der Lage waren. Die Metro, die Lebensader Moskaus zu schützen, ist praktisch unmöglich. Die Behörden vermuten eine „kaukasische Spur“, berichtete Interfax unter Berufung auf einen Experten der Sicherheitsorgane. In Frage kommen könnten theoretisch auch russische Rechtsextreme. Allerdings ziehen sie Orte für ihre Anschläge vor, wo nur wenige Russen getroffen werden können.
Der von Interfax zitierte Experte vermutete denn auch, dass es sich bei den beiden Anschlägen vom Montag um Racheakte des nordkaukasischen Untergrundes handeln könnte. In Inguschetien war dieser Tage eine Gruppe von 20 Kämpfern, erschossen worden. Es sei als Signal zu verstehen, dass einer der Anschläge praktisch vor der Tür des Inlandsgeheimdienstes verübt wurde.
Das rötlich-gelbe Gebäude war nach 1917 zum Stützpunkt des bolschewistischen Geheimdienstes geworden. Hier wurden vor allem in den Dreißigerjahren massenhaft Menschen ermordet und gepeinigt. Der FSB hatte keine Berührungsängste und blieb in dem Gebäude. Nach seiner Krise in den Neunzigerjahren wurde der FSB wieder zu einem weit verzweigten, einflussreichen Instrument des Machterhalts. Die Anschläge direkt vor seiner Nase sind ein Schlag ins Gesicht des Geheimdienstes, der eine wesentliche Rolle im Kampf gegen islamische Extremisten im Nordkaukasus spielt.
Der zweite Anschlag, ausgeführt eine knappe halbe Stunde später, zielte vermutlich auch auf das militärische Rückgrat Russlands. Unweit der Metrostation ist die Akademie der Streitkräfte zu Hause. Am Nachmittag bestätigte sich die Vermutung, dass es sich bei den Selbstmordattentätern um Frauen – vermutlich aus dem Nordkaukasus - gehandelt hat. Am Tatort Park Kultury wurden ein zweiter, nicht explodierter Sprengstoffgürtel und Körperteile gefunden, die auf eine kaukasische Herkunft deuten.
Sind die genannten schwarzen Witwen oder Schachidki (Märtyrerinnen) zurückgekehrt? Erstmals verübten zwei Frauen im Juni 2000 einen Selbstmordanschlag, als sie sich vor einer russischen Polizeistation in Tschetschenien in die Luft sprengten. Auch unter den Geiselnehmern im Moskauer Dubrowka-Theater im Oktober 2002 waren mehrere Frauen. Für die Russen stellt sich die Frage, ob ihr Land vor einer neuen Welle des Terrors steht.





