Vor zehn Tagen griff ein 13 Jahre alter Schüler in Fenouillet bei Toulouse seine Mathematiklehrerin mit einem Messer an und verletzte sie durch Stiche in die Brust schwer. Am Montag hielt ein Sechstklässler seiner Kunstlehrerin in Vaulx-en-Velin in der Nähe von Lyon ein 30 Zentimeter langes Küchenmesser unter die Nase. Mitschüler konnten den 12-Jährigen überwältigen, doch der Vorfall und die gefühlte Zunahme von Gewalt an den Schulen heizte eine Debatte an, die Frankreich nun seit gut einer Woche aufregt: Sollen künftig Waffenkontrollen in den Schulen stattfinden? Der zuständige Erziehungsminister Xavier Darcos hatte nach dem Vorfall in Toulouse auf einer Konferenz in La Rochelle laut überlegt, manche Schulen mit Sicherheitsschleusen auszustatten. Auch könne er sich Maßnahmen vorstellen, um Schulleiter rechtlich in die Lage zu versetzten Leibesvisitationen verdächtiger Schüler vorzunehmen. Das darf bisher nur die Polizei.

Darcos hatte seinen Vorschlag bewusst im Konjunktiv formuliert. Heute wird in der Ministerrunde im Élysée-Palast darüber gesprochen. Schließlich funktionierte Darcos seinen Vorschlag dann auch noch zu einer „Idee“ um, kündigte aber zugleich an, wenn Präsident Sarkozy dementsprechend entscheiden würde, könnten die Maßnahmen mit Beginn des neuen Schuljahres umgesetzt werden. Allerdings habe er keineswegs die Absicht, Lehrer zu Polizisten zu machen, fügte Darcos hinzu. Eher schwebe ihm die Schaffung einer Art „mobilen Eingreiftruppe vor“, die ähnlich wie etwa die Bahnpolizei über bestimmte polizeiliche Kompetenzen verfüge, den Schulleitern unterstehen würde und bei Bedarf Präventions- oder Kontrolleinsätze an den Schulen durchführen könnte.

Die Mehrdeutigkeit der Äußerungen Darcos – eine vage „Idee“, die aber „zu Beginn des neuen Schuljahres umgesetzt“ werden soll – ist wohl dem Umstand geschuldet, dass die konservative Regierungspartei UMP im Europawahlkampf bemüht ist, das Sicherheits-Thema in die Schlagzeilen zu bringen, um ihre Stammwählerschaft zu mobilisieren. Statistisch betrachtet kamen allerdings bislang in Fällen schulischer Gewalt in Frankreich nur in 1,2 Prozent der Fälle Stichwaffen und lediglich in 0,1 Prozent Schusswaffen zum Einsatz.

Darcos Äußerungen verfehlten ihre Wirkung dennoch nicht. Jerôme Crozat, Sprecher der Lehrer-Gewerkschaft UNSA-Éducation lehnte den Vorschlag des Ministers umgehend ab. „Wir befürworten das nicht“, sagte Crozat. Derartige Maßnahmen könnten ein Klima des „Verdachts“ in Bildungsinstitutionen herstellen, das Vertrauensverhältnis zwischen Lehrern und Schülern sei jedoch essenziell.

Der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit wunderte sich: „Man verhaftet sechs und zehn Jahre alte Kinder und bringt sie auf das Revier, und jetzt will man die Schüler von der Grundschule bis zum Abitur filzen? Das ist doch Wahnsinn.“ Cohn-Bendit spielte auf einen Fall in Bordeaux an, wo die Polizei vor einigen Tagen einen sechs und einen zehn Jahre alten Jungen in der Schule verhaftet und mehrere Stunden auf dem Revier verhört hatten. Die beiden Kinder waren fälschlicherweise bezichtigt worden, ein Fahrrad gestohlen zu haben.

Doch auch aus den eigenen Reihen schlug Darcos bislang nicht nur Begeisterung entgegen. Zwar befand der UMP-Abgeordnete Claude Goasguen, die Idee für „gut“, doch Darcos Parteifreundin und Innenministerin Michelle Alliot-Marie gab zu bedenken, flächendeckend Sicherheitsschleusen vor den Schultoren einzuführen, halte sie für kaum machbar.

Darcos gab sich von der Kritik gestern recht unbeeindruckt und wiederholte nach einem Treffen mit Elternvertretern und Lehrern seine Vorschläge. Zudem kündigte er an, Eltern, die ihre Aufsichtspflicht vernachlässigten, mit „angemessenen und schnellen“ finanziellen Sanktionen belegen zu wollen. Und er hat Grund zum Optimismus: Nach einer Umfrage, die das Erziehungsministerium in Auftrag gegeben hat, befürworten 81 Prozent Sicherheitsschleusen am Eingang mancher Schulen, und 64 Prozent finden es akzeptabel, wenn das Lehrpersonal in Verdachtsfällen Schüler durchsucht.

Darcos ist nicht der erste, der solche Maßnahmen vorschlägt. Der ehemalige sozialistische Bildungsminister Claude Allègre hatte in seiner Amtszeit vor neun Jahren auch schon einmal eine engere Zusammenarbeit zwischen Polizei und den Schulen angeregt. Allègre ist bezeichnenderweise seit geraumer Zeit als möglicher nächster Überläufer aus den Reihen der Opposition und kommender Minister im Kabinett Sarkozy im Gespräch.