Nur 1200 Stimmen trennten die Grünen von ihrem Wahlziel: Nur 1200 Stimmen für einen Sitz mehr, und es hätte für die Koalition mit der SPD gereicht. Ein „Wimpernschlag“ daran vorbei, wie Grünen-Chefin Claudia Roth es ausdrückte.

Dennoch war die Partei einen Tag nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen in Hochstimmung. „Wir sind die einzigen und wahren Wahlsieger“, sagte NRW-Spitzenkandidatin Sylvia Löhrmann nach Gesprächen in der Berliner Zentrale.

„Lass die Sau raus“, wirbt dort noch ein Wahlplakat für eine ökologische Landwirtschaft. Mit 12,1 Prozent haben die NRW-Grünen ihren Stimmenanteil im Vergleich zur Landtagswahl 2005 fast verdoppelt. Sie strotzen vor Selbstbewusstsein – auch wenn ihnen als einzige Machtoption ein rot-rot-grünes Bündnis bleibt. Die SPD muss ihr Verhältnis zur Linkspartei noch klären.

Die Grünen können sich ein Bündnis vorstellen, verlangen aber, dass die Linken zur Vernunft kommen: Eine 30-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich oder eine Verstaatlichung der Energiekonzerne, wie es im Wahlprogramm der Linkspartei steht, ist mit Löhrmann nicht zu machen. Eher geht sie wieder in die Opposition.

Bei der Bundestagswahl 2005 hatten die Grünen noch eine schwere Niederlage einstecken müssen. Danach folgte eine Schlappe auf die andere. Inzwischen sind sie aber so stark wie nie zuvor. Man ist in 13 der 16 Landtage vertreten; in Hamburg regiert man mit der CDU, in Bremen mit der SPD; im Saarland bilden die Grünen mit CDU und FDP eine Jamaika-Koalition.

Der Bremer Parteienforscher Lothar Probst meint: „Die Grünen haben vieles richtig gemacht.“ Einen Grund für das „bemerkenswert gute Ergebnis“ in Nordrhein-Westfalen sieht er in der Wahl der Themen, die den „Nerv der Menschen“ träfen: Schulpolitik, Energiewende und kommunale Finanzen.

Den Grünen sei es gelungen, ihren „Markenkern“ zu erweitern. Sie hätten Ökologie mit Wirtschafts-, Finanz- und Bildungspolitik verknüpft und ihre zentralen Forderungen in ein landesspezifisches Programm umgesetzt. Das, so sagte Probst Morgenpost Online, könne ein Modell für künftige Landtagswahlen sein.

Nach dem Schock der Wahlniederlage im Jahr 2005 haben sich die Grünen neu sortiert. Sie haben ihre Flügelkämpfe beigelegt, sich für neue Koalitionen geöffnet und zugleich ihre programmatische Eigenständigkeit betont. Probst sieht gute Chancen für die Grünen, mit diesem Kurs bei der Bundestagswahl 2013 ein gutes zweistelliges Ergebnis zu erzielen.