Gesundheitsreform

Wenn das Wartezimmer zur Arrestzelle wird

| Lesedauer: 5 Minuten
Christian Eckl

Dieser Fall aus Bayern zeigt, was irgendwann jedem gesetzlich Versichten blühen könnte: Ein Arzt verlangte von einer Mutter, dass sie sich per Vertrag schriftlich an ihn bindet. Als sich die Frau weigerte, wurde sie ins Wartezimmer gebeten, wartete stundenlang und wurde am Ende indirekt ausgeladen.

Die bayerische Landesregierung hat den Hausärzten im Freistaat im vergangenen Jahr erlaubt, mit den Krankenkassen selbst über ihr Honorar zu verhandeln. Bisher war dies ein Monopol der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern. Dass dieses Monopol endet, dafür haben der Bayerische Hausärzteverband und ihr streitbarer Vorsitzender Wolfgang Hoppenthaller lange gekämpft.

Demnächst wird der Verband mit der AOK Bayern nun den neuen Hausarztvertrag unterzeichnen. Er sieht unter anderem vor, dass die Patienten immer erst zu ihrem Hausarzt gehen, bevor sie einen Facharzt aufsuchen. Legen sie sich auf einen Arzt fest, fällt pro Jahr nur noch einmal die Praxisgebühr an. Um den Vertrag mit Leben zu füllen, müssen sich die 4,1 Millionen Versicherten der AOK im Lande daran beteiligen, doch die Einschreibung ist eigentlich freiwillig. Eigentlich. Denn dass bayerische Patienten gelegentlich mit durchaus rustikalen Methoden überzeugt werden sollen, sich dem Hausarztvertrag anzuschließen, hat Andrea Gschlößl in der Praxis von Verbandschef Hoppenthaller in Siegenburg erlebt.

Gschlößl ist selbständige Hopfenhändlerin in Mainburg. Seit bald einem Jahrzehnt geht sie mit ihren beiden Kindern zu Dr. Wolfgang Hoppenthaller – bis zum 5.Februar. Was sie an diesem Tag in der Praxis erlebte, ärgert sie maßlos: „Nachdem ich meine Versichertenkarte abgegeben habe, wurde ich gefragt, ob ich die unterschriebenen Formulare für die Hausarztverträge meiner Kinder dabei hätte.“ Andrea Gschlößl aber wollte nicht unterschreiben – bindet der Vertrag sie immerhin an Hausarzt Hoppenthaller. „Hin und wieder besuchen wir auch einen Arzt in München, der sich auf Homöopathie spezialisiert hat – das will ich auch weiterhin”, sagt die Unternehmerin. Gschlößl wurde in ein Zimmer geschickt, in das nach kurzer Zeit Dr. Hoppenthaller trat. „Er klärte mich darüber auf, dass er am Existenzminimum arbeite“, so Gschlößl.

Bereits im Dezember vergangenen Jahres hatte Hoppenthaller an seine AOK-Patienten ein Schreiben verschickt, das Morgenpost Online ONLINE vorliegt und in dem es heißt: „Ein akzeptables Honorar erhalten wir nur für die Patienten, die sich in den Hausarztvertrag eingeschrieben haben. Wenn Sie im Falle Ihrer Erkrankung oder der Erkrankung Ihres Kindes weiterhin in unserer Praxis behandelt werden wollen, bitten wir Sie, das beigelegte Einschreibungsformular für jedes Kind einzeln zu unterschreiben.“ Hoppenthaller macht in dem Schreiben, das er vielen Hausärzten in Bayern als Vorlage zur Verfügung stellte, auch klar, was eine Unterschrift bedeutet: „Sollten sich Ihre Kinder bisher sowohl bei einem Kinderarzt als auch in unserer Praxis in Behandlung befinden, müssen Sie sich jetzt entscheiden.“

Der AOK-Zentrale in München ist das Schreiben Hoppenthallers bereits bekannt. In einem Brief an ihn, der Morgenpost Online ebenfalls vorliegt, verurteilt die Krankenkasse das Vorgehen des Arztes scharf: „Unsere AOK-Versicherten und die Patienten sollten in eigener Verantwortung entscheiden dürfen, ob sie sich in den Hausarztvertrag einschreiben oder nicht. Falls keine Einschreibung erfolgt, darf ein Patient nicht diskriminiert werden.“

Genau so aber fühlte sich Andrea Gschlößl behandelt. „Wir wurden ins Wartezimmer gesetzt, mussten zweieinhalb Stunden warten, alle, die nach uns kamen, wurden vor uns behandelt”, erzählt Gschlößl. Als die Arzthelferinnen bereits die Praxis verlassen wollten, habe eine Gschlößl gefragt, ob sie noch auf jemanden warte. Daraufhin wurde sie doch noch vorgelassen. Wieder vergingen 15 Minuten, dann untersuchte eine Kollegin Hoppenthallers die Kinder doch noch. Während der Behandlung rief Hoppenthaller die Ärztin zu sich. „Als sie zurückkam, sagte sie: Nachdem Sie sich gegen uns entschieden haben, werden Sie sich wohl einen neuen Hausarzt suchen“, so Gschlößl.

Hoppenthaller möchte sich zu dem Fall nicht äußern. „Sowohl unsere Schweigepflicht als auch unsere Berufsordnung verbieten es uns, uns zu Patienten oder deren Problemen öffentlich zu äußern“, so Hoppenthaller. „Dies gilt auch dann, wenn wir dadurch Nachteile oder Verunglimpfungen zu befürchten haben.“ Hoppenthaller versichert aber, „dass wir seit 30 Jahren bemüht sind, unsere Patienten korrekt zu behandeln. Des Weiteren stehen wir unseren Patienten ebenfalls seit 30 Jahren an allen Samstagen, Sonn- und Feiertage bei akuten Erkrankungen zur Verfügung.“

In einem Schreiben forderte Hoppenthaller seine Hausärzte im Dezember dazu auf , etwa durch das Aufhängen von Plakaten Druck auf die Krankenkassen auszuüben, die den Hausarztvertrag nicht unterstützen. Der Verbandschef droht: „Sollten sich diese verweigern, sähen wir keine Möglichkeit mehr, deren Versicherte auf Dauer – außer im Notfall – zu behandeln.“

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