Das Haus Benedikt ist ein Ort der Stille im hektischen Camp Marmal. Auf dem Altar der kleinen Kapelle des Bundeswehrstützpunktes in Masar-i-Scharif stehen vier Schwarz-Weiß-Fotos nebeneinander. Sie zeigen die am Donnerstag in einem Gefecht mit den Taliban gefallenen Soldaten. Vor den Bildern, umgeben von brennenden Kerzen, liegen Kondolenzbücher aus. Regelmäßig kommen Besucher, um ihren letzten Gruß an die Gefährten aufzuschreiben.

„In aufrichtiger Anteilnahme und im Gedenken an einen Kameraden, der hoffte, diesem Land zu helfen und es in eine bessere Zukunft zu führen. Diese Hoffnung lebt weiter“, hat ein Oberleutnant formuliert.

Die Zeilen geben die Stimmung in Masar-i-Scharif ziemlich treffend wieder. Viele sind geschockt angesichts der vier Toten, fünf Verwundeten und der Heftigkeit der Gefechte in der Provinz Baghlan. Aber die meisten sind auch gefasst – und das in einem Maße, das Zivilisten staunen lässt. „Die Soldaten wissen, dass dieser Einsatz risikobehaftet ist“, sagt Oberst Michael Matz. „Es gehört zu ihrem Beruf, den Auftrag auch nach schockierenden Rückschlägen professionell fortzusetzen.“

Am Sonntag wird das Camp noch einmal innehalten und sich am Vormittag im Rahmen einer Trauerfeier von den Gefallenen verabschieden. Der evangelische Militärpfarrer Michael Weeke und der katholische Militärgeneraldekan Walter Wakenhut sprechen Gebete, der Generalinspekteur der Bundeswehr, Volker Wieker, hält eine Rede. Dann trägt eine Ehrengarde die Särge durch ein Spalier zum Flugfeld. Von dort werden sie nach Deutschland ausgeflogen. „Der Tod eines Kameraden ist ein Einbruch in der Gefühlswelt der Soldaten“, sagt Pfarrer Weeke. „Die Trauerfeier ist ein bewährtes Ritual, um den Verlust zu verarbeiten.“

Manchen hilft das, andere flüchten sich in einen trotzigen Sarkasmus. Der pakistanische Verkäufer im Armeeshop des Camps weiß zu berichten, dass eine Sorte von Uniformaufnähern derzeit besonders nachgefragt ist: Der mit der Aufschrift „I fight for Merkel“.

Wie auch immer die Soldaten mit der wachsenden Zahl an Toten und Verwundeten umgehen – allen gemeinsam ist, dass sie weiter stoisch ihren Auftrag erfüllen. Und der lautet: Afghanistan stabilisieren. Im von den Deutschen betreuten Norden des Landes heißt das vor allem, drei Krisengebiete wieder unter Kontrolle zu bringen. Seit April 2009 sickern die Taliban verstärkt in die Provinzen Kundus, Baghlan und Gormach ein. Hier verlaufen die Nachschublinien der internationalen Truppen. Mit der Verminung der Straßen und zunehmend komplexen, militärisch straff organisierten Anschlägen auf Patrouillen der internationalen Schutztruppe attackieren die Taliban diese Versorgungsstränge – und damit auch die Bundeswehr.

Bei der Bekämpfung der Aufständischen aber steckt die Bundeswehr in einem Dilemma, das den Soldaten durch den tragischen Vorfall vom Donnerstag wieder schmerzlich in Erinnerung gerufen wurde. Denn eigentlich hatte die Afghanische Nationalarmee ANA gemeinsam mit der von der Bundeswehr gestellten Quick Reaction Force (QRF) die Region des Anschlags um die Provinzhauptstadt Baghlan bereits von Taliban geräumt.

„Im Januar und Februar haben wir den Feind dort verdrängt“, sagt Oberst Matz, Kommandeur der schnellen Eingreiftruppe. „Aber es ist nicht gelungen, den Raum dauerhaft zu halten, die Aufständischen sind in der Folge wieder eingesickert“. Das Problem besteht darin, dass es nicht genug Kräfte gibt, um eine einmal eroberte Region auch zu halten. „Um größere Flächen nachhaltig sichern zu können, ist mehr Ausbildung, vor allem von Polizisten, dringend nötig“, sagt Oberst Matz.

Seine Hoffnungen ruhen nun auf den Amerikanern sowie der von der Bundesregierung beschlossenen neuen Strategie des „Partnering“. Im Mai sollen 2000 US-Soldaten in den Norden verlegt werden, die sich massiv der Schulung der afghanischen Polizei widmen werden. „Wenn der Output dieser Ausbildung da ist, haben wir die Hold-Kräfte, die wir brauchen“, sagt Matz. Und die Erfolgsaussichten des Partnering nennt der Oberst „mittel bis hoch“.

Im Zentrum dieses Ansatzes steht eine enge Zusammenarbeit der Bundeswehr mit der ANA – und zwar nicht mehr nur wie bisher um die befestigten Feldlager herum, sondern in der Fläche. Durch Schulung im gemeinsamen Einsatz sollen die Afghanen in die Lage versetzt werden, die Aufgaben selbst zu übernehmen.

Die 450 Mann starke QRF arbeitet als einzige Bundeswehreinheit schon länger nach diesem Muster. Sie ist nicht an ein Feldlager gebunden, sondern ein frei verfügbares Element, das in Krisenregionen mit der ANA kooperiert. Nach einer Phase des Kennenlernens und des Trainings rückt man aus, baut gemeinsam Außenposten auf, teilt „Zelte, Toiletten und das Essen“, wie Wack beschreibt. „Wir haben es schon so gemacht, wie es künftig alle machen sollen.“

Um die Strategie auszubauen brauche man allerdings Zeit, sagt der Oberst. Doch es ist fraglich, ob die Bundeswehr diese Zeit bekommt. Angesichts der schwindenden Zustimmung der deutschen Bevölkerung zum Einsatz rechnen viele Soldaten nicht mehr mit Standfestigkeit in der Politik. Die aber ist nötig, wenn die Opfer nicht umsonst gewesen sein sollen, findet Matz. Dazu gehöre auch, dass die Politiker ihren Wählern „die bittere Wahrheit sagen: Hier werden nicht nur Brunnen gebaut. Hier wird gekämpft und getötet.“