Der Gestus der Verschwisterung kommt nicht von ungefähr: Zille, geboren am 10. Januar 1858 im sächsischen Radeburg und im Alter von neun Jahren nach Berlin umgetopft, bildete sein proletarisches Klientel in dessen "Milljöh" ab. In Wohngegenden und auf Freizeitfeldern, mit denen es sich emotional verbunden, dessen Sprachregelungen und Kleidercodes es sich zugehörig fühlte. In der Destille oder im Freibad, auf Rummel oder Weihnachtsmarkt, am Wannsee oder beim Tanzvergnügen, beim Kinderspiel im Hinterhof oder beim Erwachsenenspiel im Bordell.

Heute würde dieser visionäre Chronist des Prekariats wohl zudem Menschen in Elektronikfachmärkten malen, die "Jeiz is jeil" oder "Ick bin doch nich' blöd" grölen. In solchen volkstümlichen Szenen offenbaren sich jene derben anthropologischen Konstanten, denen Zilles besonderes Augenmerk galt. "Ich kam mal dazu, wie sich die Kellner eine besoffene dicke Hure über den Stuhl gelegt hatten und auf deren entblößtem Hintern einen Dauerskat kloppten."

Aus der sozialen Froschperspektive

Lebte Zille noch, würde er sich mutmaßlich auch für Unterschicht-Fernsehformate wie "Frauentausch", "Raus aus den Schulden" und "Super-Nanny" interessieren. Sendungen, die, der sozialen Froschperspektive Zilles vergleichbar, mentales und materielles Elend abzubilden versuchen. Mit dem gewichtigen Unterschied, dass der am 9. August 1929 an den Folgen eines Schlaganfalls gestorbene Künstler bei der Beschreibung prekärer Lebenswelten ohne jene Bigotterie zu Werke ging, die der telegenen Aufbereitung familiärer Miseren chronisch anhaftet.

Denn Zille, der dem Volk auf die Kledage und aufs Maul schaute, mag ein Voyeur gewesen sein; ein Denunziant war er nie. Seine lokalkoloritdrallen Bilder zwischen Balkonidyll und Markthallengezeter sind vielmehr Sympathisantentum.

Zwar transportieren Zeichnungen und Texte des Dialektvirtuosen Ironie, die auf die herben Proll-Protagonisten gemünzt ist ("Du Schießbudenjesichte, ick pust dir in de Neese, det dir der Stehkrajen platzt"). Nie aber verlacht Zille seine Vor-Bilder, immer lädt er zum Mitlachen. Zudem sind seine Werke dies: Zeugnisse eines sozialkritischen Engagements, das seinesgleichen sucht.

Flucht vor den Schuldeneintreibern

Ein Grund dafür, dass die so genannten kleinen Leute sein großes Thema wurden, ist in Zilles Kindheit zu finden: Noch im Sächsischen muss der Sohn eines Uhrmachers und einer Bergarbeiterin erleben, dass sein Vater mehrfach im Schuldgefängnis einsitzt. So ist die 1867 erfolgende Übersiedlung der Familie in die Hauptstadt durch die Flucht vor Schuldeneintreibern motiviert. Auch wenn es sarkastisch klingt: Ein Glücksfall für die Humorgeschichte, dass Vater Zille so schlecht haushalten konnte!

In Berlin-Kreuzberg haust die Familie in einer ärmlichen Kellerwohnung. Ein Ausweg aus der Misere wird Heinrich, der als Schüler den Karikatur-Avantgardisten William Hogarth bewundert, von seinem Zeichenlehrer eröffnet. Der ermutigt ihn, Lithograph zu werden. So geht er bei einem Steinzeichner in die Lehre und studiert parallel dazu an der "Königlichen Kunstschule" bei Theodor Hosemann, einem Illustrator und Karikaturisten. "Beobachten Sie selbst, das ist besser als nachmachen", zitiert Zille seinen Mentor in einem 1924 für die Akademie der Künste verfassten Lebenslauf.

Zille verfeinert sein handwerkliches Rüstzeug als Geselle in einer Lithographieanstalt sowie, von 1877 an, bei der Photographischen Gesellschaft Berlin, die ihm in den folgenden 30 Jahren den Schrippenerwerb sichert. Auch privat rüstet Zille auf: 1883 heiratet er die Lehrertochter Hulda Frieske; drei Kinder bekommt das Paar.

Tatsächlich eignet sich Zille das Sujet, mit dem er künstlerisch reüssieren sollte, erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts an. Bezeichnenderweise wendet er sich der Lebenswirklichkeit der Arbeiterviertel verbindlich erst in einer Phase zu, in der er selbst den sozialen Absturz fürchtet: 1907 entlässt ihn die Photographische Gesellschaft, und der beinahe 50-Jährige steht vor dem Nichts. Dass er in diesem Alter noch den Gang in die unsichere Existenz eines freien Künstlers und zudem noch ein wenig populäres Themenspektrum wählt, zeugt von Courage, ja Waghalsigkeit. Zille weiß das. "Damals koofte keen Hammel so was - nicht mal der Majistrat", notiert er. Und doch ist er, der sich halb kokett, halb selbstironisch "Berliner Abort- und Schwangerschaftszeichner" nennt, fasziniert von der Berliner Halbwelt und anderen gesellschaftlichen Grauzonen.

Seine Schlüpfrigkeit brachte ihm Ruhm

Niemand in der deutschen Karikaturgeschichte hat so unverblümt an die Vergessenen erinnert wie Zille, dessen Milieustudien in den 10er- und 20er-Jahren zwischen Strauchdieben und Trinkern, Arbeitern und Prostituierten zum sprichwörtlichen Gemeingut wurden ("Jede Kneipe und Destille / Kennt den guten Vater Zille"). Was seinem Ruhm noch zu Lebzeiten zuarbeitete, war nicht zuletzt eine zeichnerische und rhetorische Schlüpfrigkeit, in der sich die Menschen am Rande der Gesellschaft wieder fanden.

"Pinselheinrich" Zille wusste um spezifische Nöte und Freuden, weil er genau hinschaute und aus eigener Leidanschauung mindestens so sehr mit dem "fünften Stand" fraternisierte wie dieser mit ihm. Er habe, äußerte er, "immer mit den "kleinen Leuten' gelebt, die für mich die "großen' waren".