US-Wahlkampf

Revolutionär Dylan singt ein Hohelied auf Obama

| Lesedauer: 6 Minuten
Anjana Shrivastava

Bob Dylan äußert sich selten zu politischen Themen. Nun unterstützt er öffentlich Barack Obama. Diese Geste ist ein Ritterschlag für den demokratischen Kandidaten – und sie könnte wichtiger werden als die bisherigen Obama-Unterstützer und Sympathiebekundungen.

Vor einigen Tagen hat sich Bob Dylan für Barack Obama als nächsten Präsidenten der USA ausgesprochen. Politische Statements sind eigentlich nicht seine Sache, aber "Change" könnte auch der Titel eines Dylan-Albums sein. Der Musiker saß in einem abgedunkelten Hotelzimmer in der dänischen Provinzstadt Odense. Im Wahlkampfgetöse war Dylans Aussage eine Randnotiz, aber sein direktes politisches Lob für den Senator aus Illinois ist für Amerika zweifelsohne eine bedeutende Meldung.

Im Dunkeln erzählte der 66-jährige Dylan einem britischen Journalisten von den Londoner "Times", dass Barack Obama die amerikanische Politik vom Kopf auf die Füße gestellt und von Grund auf neu erfunden habe. Er erklärte, dass Amerika sich im Aufruhr befinde und vor tiefgreifenden Änderungen stehe.

Das war ein politisches „Endorsement", eine Befürwortung vom Feinsten, und sie wurde im dänischen Halbdunkel mit mehr als einem Hauch Blues inszeniert. Genau genommen war sie die Beschreibung einer sich ankündigenden Revolution. Und sie kam von jemanden, der über über Revolutionen und wie sie zustande kommen, ziemlich gut Bescheid weiß. Jedenfalls wenn es um Revolutionen kultureller Art geht.


Auch wenn Dylan seine Botschaft wie ein blinder Seher im Hotelzimmer verkündete und es aus dem Obama-Lager bis jetzt keinen Kommentar dazu gab – Dylans Unterstützung für den Demokraten ist ein historischer Moment in der Pop- und Politikgeschichte der USA. Der Held der Gegenkultur der sechziger Jahre wendet sich mit Sympathie an die Leitfigur der heutigen "Gegenkultur" in der Politik. Der junge Dylan hat seine Revolution ausgelöst als er seine Akustik- Gitarre mit der E-Gitarre tauschte – Obamas Revolution bestand auch darin, seine Botschaften von der Straße und dem Fernsehen ins Netz zu verlegen. Solche Wechsel können die Welt für immer verändern – und immense Empörung hervorrufen.

Als der Folksänger Bob Dylan im Mai 1966 – damals für seine Anhänger eine Art Jesus mit Gitarre – in der Londoner „Royal Albert Hall" anfing, elektrisch zu spielen, waren die Zuhörer empört, extrem ruhelos und die Musik vor Protestrufen kaum zu hören. Mitten im „Baby let me follow you down" mit den kanadischen „Hawks" gellte ihm der Schrei „Judas" aus der Menge entgegen. Im Nachhinein sind solche Emotionen vielleicht schwer nachvollziehbar; aber für die Fans der alten Folkmusik, die Dylan umjubelt haben, ging es um persönlichen Verrat.


Die Digitalisierung der Politik ist auch eine Revolution, die in sich noch völlig unüberschaubare Auswirkungen auf das traditionelle Parteienleben birgt. Am Karfreitag 2008 schrie Clinton-Anhänger James Carville vor aller Welt „Judas" – sein Zorn galt dem gerade zu Obama übergelaufenen Gouverneur von New Mexico, Bill Richardson.

Wenn die Zeiten sich ändern – Dylan hat den Begriff „ the times they are a-changin'" vor Obamas „Change we can believe in" geprägt – , kann es sich für manche wie ein Verrat an allem anfühlen, was es zuvor gegeben hat. Dylan ist jedoch nicht nur Romantiker, sondern auch Rationalist. Es ist nicht uninteressant, dass seine Botschaft bloß wenige Tage nach der Rede von Obama vor der amerikanisch-israelischen Lobby AIPAC in Washington stattfand. Obama hatte eben erst eine klare Sicherheitsgarantie für Israel ausgesprochen. Dylans Endorsement zielt sowohl auf seine Generation – und wohl auch auf seine jüdischen Religionsgenossen. Denn an sich äußert sich Dylan grundsätzlich nicht über profane Politik oder ihre Vertreter.

Und dennoch war Dylans Arbeit immer politisch und bleibt es noch. Jetzt, wo die demokratische Urwahl vorbei ist, wird Dylans Konzert-Tour wieder die einzige „Never Ending Tour" weltweit bleiben, die den Musiker in diesen Wochen durch Europa führt und dann wieder nach Hause zu Orten mit Namen wie Evansville, Little Rock, Elizabeth. Eine Dylan-Tour enthält meist eine gehörige Portion Provinz, die sonst nur ein Politiker im Wahlkampf bewältigen muss. Es geht um das zähe Werben um die Seele eines Volkes. Was ist da eigentlich der Unterschied zwischen der Politik und der Musik?

Tatsächlich erinnert der Moment im dänischen Odense ein wenig an die Unterstützung, die der junge Rock-'n'-Roll-Star selber einst von dem Country Sänger Johnny Cash in den sechziger Jahren bekam. Einem skeptischen Land gegenüber betonte Johnny Cash, dass er Dylan als erneuernden Teil der amerikanischen Tradition betrachte. Wenn Dylan sich also zu Obama bekennt, dann gibt er auch den damaligen Ritterschlag Cashs weiter. Das ist die Natur der Tradition, auch in Amerika, wo sich die Tradition ständig neu erfindet.

Auch die rationalistische Demokratie hat seine Mysterien – und dieser Moment hat etwas von einem Mysterium. So anonym wie seine meistens völlig verarmten schwarzen Helden, Musiker wie Blind Willie McTell, tauchte Dylan eben kurz auf der Bildfläche auf. Von Blind Willie McTell gibt es nur einige wenige Aufnahmen; dennoch wurde er berühmt für seine warme Stimme, von der man dachte, sie sei wie eine weiße Stimme, die versuche, „schwarz" zu singen. So wie die Stimme Obamas, der sich aufmacht, die Stimme Amerikas zu werden.


Fast so anonym und flüchtig tauchte nun Dylan auf, und vermutlich genauso wird er wieder aus dem Wahlkampf verschwinden. Durch solches Lob steigt der Druck auf Barack Obama, seinem Legendenstatus gerecht zu werden. Wie all das, was neu ist – in der Musik und in der Politik – sitzen die Neuen erstmal auf den Schultern von Riesen.

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos