Dass mit Barack Obama erstmals ein schwarzer Amerikaner eine realistische Chance hat, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden, ist in der Tat ein großer historischer Einschnitt, und so wird er in den USA auch gewürdigt. Bei uns aber ist die Berichterstattung fast völlig auf die Frage konzentriert, in welchem Maße Obamas Schwarzsein sich bei den amerikanischen Wählern letzten Endes doch als unüberwindliches Handicap erweisen wird. Das mutet seltsam doppelbödig an.


Die US-Historikerin und Publizistin Anne Applebaum bemerkte jüngst in einem Kommentar für das Online-Magazin „Slate“, sie sei von Nicht-Amerikanern so oft danach gefragt worden, ob die Amerikaner denn tatsächlich einen Schwarzen als Präsidenten akzeptieren würden, dass sie nun mit einer Gegenfrage zu antworten pflegt: Würde denn der Rest der Welt einen schwarzen US-Präsidenten akzeptieren?

Zwei schwarze Außenminister unter George W. Bush

Sie zielt damit auf den projektiven unterschwelligen Rassismus, der mit dem ungläubigen Erstaunen über den rasanten Aufstieg Obamas verbunden ist. Indem man trotz allem die Rassenfrage doch wieder in den Vordergrund schiebt, suggeriert man, die Rassenspaltung sei auch weiterhin der Hauptaspekt der US-Gesellschaft.

Dabei hat doch allein die Nominierung Obamas gezeigt, in welch erstaunlichem Maße sich die US-Gesellschaft von rassischen Kriterien für die Tauglichkeit ihrer politischen Repräsentanten emanzipiert hat. Was aber nicht sein darf, kann nicht sein: Die bohrende Frage nach Obamas Schwarzsein suggeriert, diese Wandlung könne doch wohl nicht ganz echt sein. Der Rassismus soll auf immer und ewig als ein besonderes amerikanisches Charakteristikum an den USA kleben bleiben. Und das, obwohl immerhin bereits das US-Außenministerium zu zweiten Mal hintereinander von einer Person schwarzer Hautfarbe besetzt ist – und das unter der angeblich so reaktionären republikanischen Administration George W. Bushs.


Um zu ermessen, was in den Vereinigten Staaten in den vergangenen drei, vier Jahrzehnten in dieser Hinsicht erreicht wurde, genügen weitere Gegenfragen: Können Sie sich vorstellen, dass zur Bundestagswahl 2009 ein türkischstämmiger Deutscher als Spitzenkandidat einer der großen Volksparteien Deutschlands nominiert wird? Dass ein Politiker mit marokkanischem Vater und arabischem Namen Nicola Sarkozy das Amt des französischen Präsidenten streitig machen könnte? Oder dass ein afrikanischstämmiger Politiker für den Posten des EU-Kommissionspräsidenten in Frage käme?

Ein Witz aus der Sowjetunion

Dass etwas Derartiges in den USA möglich ist, heißt natürlich nicht, dass der Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft nicht weiterhin weit verbreitet wäre. Wie könnte es auch anders sein, angesichts der enormen Vielfalt von ethnischen Gruppen und Rassen, die in der amerikanischen Nation zusammengefasst sind?

Sowohl hinsichtlich dieser Vielfalt als auch der immensen Bemühungen, den Rassismus im öffentlichen Raum zu überwinden oder zumindest zu ächten, sind die USA den Europäern weit voraus – von anderen Weltgegenden gar nicht zu sprechen. Man denke nur an den Witz über den CIA-Spion, der einst im Kalten Krieg in die Sowjetunion eingeschleust wurde. Obwohl er perfekt russisch spricht und sämtliche kulturelle Gewohnheiten der Russen täuschend echt angenommen hat, erkennt ihn sofort jeder als Ausländer. „Woran liegt das bloß?“, grübelt er verzweifelt nachts in der Kneipe über dem x-ten Wodka. Der Kneipenwirt antwortet ihm trocken: „Es gibt keine schwarzen Russen“.

Gewiss wird die Hautfarbe und Herkunft Obamas im US-Präsidentenwahlkampf eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen, doch weniger im Sinne des „klassischen“ weißen Rassismus als der komplizierten Konflikte und Rivalitäten zwischen ethnischen Minderheiten und sozialen Gruppen. So kommt Obama bei den Hispanics nicht an, die sich in traditioneller Konkurrenz zu den Schwarzen sehen, und er reüssiert nicht bei ärmeren Weißen, weil er als Vertreter der Bildungselite betrachtet und verdächtigt wird, die Sorgen der kleinen Leute nicht zu verstehen.

Obama sieht sich als Kandidat aller Amerikaner

Dass dies nicht zuvörderst eine Rassenfrage ist, zeigt, dass Obama bei der weißen Mittel- und Oberschicht recht gut angeschrieben ist, wenn auch nicht so sehr bei den Frauen – wegen Hillary. Im Ganzen wird Obama aber von der großen Mehrheit der Amerikaner, ob von Freund oder Feind, nicht in erster Linie als schwarzer Kandidat wahrgenommen. Selbst kommende Schmutzkampagnen gegen ihn dürften sich eher auf seine vermeintliche muslimische Wurzel, auf seinen zweiten Vornamen „Hussein“ und die Ähnlichkeit seines Namens mit dem Osama bin Ladens beziehen.

Obama selbst legt Wert darauf, nicht der Kandidat der Schwarzen zu sein, sondern aller Amerikaner. Im Guten wie im Bösen wird er in erster Linie als gebildeter jungen Aufsteiger, als linker Demokrat und als relativ unerfahrener, aber auch unverbrauchter Außenseiter des Politik-Establishments angesehen. Welche dieser Faktoren letztlich positive oder negative Auswirkungen auf seine Kandidatur haben wird, lässt sich von jetzt aus noch nicht ermessen.

Die nach jetzigem Stand größten Probleme von Obamas Kandidatur sind jedenfalls handfeste strategische Fragen: Er hat die wichtigsten Staaten, die zwischen Republikanern und Demokraten umkämpften „Swing states“, in den Vorwahlen nicht gewinnen können, und braucht dort nicht zuletzt die volle Untestützung Hillary Clintons und des ihr nahe stehenden Teils des demokratischen Establishments, um dieses schwere Manko überwinden zu können. Und er muss die genannten Wählergruppen, die ihm skeptisch gegenüberstehen, überzeugen, dass ihre Vorbehalte ihm gegenüber unbegründet sind.

Ganz durcheinander gewirbelt werden könnte die Rassendebatte am Ende von Obamas republikanischem Kontrahenten John McCain – wenn er nämlich Condoleezza Rice als Vizepräsidentschaftskandidatin nominieren sollte. Dass die Komplexität der gesellschaftlichen Verhältnisse und Konflikte in den USA bei uns aber tendenziell noch immer auf den Schwarz-Weiß-Konflikt verengt wird, sagt mehr über unsere Ignoranz und unsere Vorurteilsstrukturen aus als über die der Amerikaner.