Der Ruf eines schwierigen Menschen haftete Wolfgang Clement schon immer an. Als er noch „Superminister“ für Wirtschaft und Arbeit war, blieben seine Bürotüren im zuständigen Ministerium meistens geschlossen. Mitarbeiter fürchteten die spontanen Einfälle ihres Chefs und hielten sich lieber bedeckt. Fachlich genoss Clement hohes Ansehen im Ministerium und in der SPD, in der er nicht wirklich beliebt war. Seiner Partei kehrte er nach 38 Jahren Mitgliedschaft nun im Zorn den Rücken.

Wie schwierig Clement tatsächlich sein kann, zeigte sich in den vergangenen Monaten. Mit seiner indirekten Warnung an die Wähler in Hessen, bei der Landtagswahl ihre Stimme der SPD zu geben, handelte er sich ein Parteiausschlussverfahren ein. Dieses endete am Montag zwar nur mit einer Rüge, doch die veranlasste Clement am Dienstag zum Austritt. Eine Maßregelung für Fehlverhalten wollte er nicht hinnehmen.


Als Clement 2002 Minister in der rot-grünen Koalition wurde, galt er als der Hoffnungsträger überhaupt. Nahezu jeden Monat plante der ewig Rastlose eine neue Reform. In seinem ungebrochenen Elan wollte er die Arbeitslosigkeit halbieren, massiv Bürokratie abbauen und 1.000 überflüssige Vorschriften streichen. Doch die Bilanz war ernüchternd. Vom hoch gehandelten „Reservekanzler“ wurde er schnell zum „Ankündigungsminister“.


Dass die Partei ihn nicht wirklich leiden konnte, zeigte der SPD-Bundesparteitag im Herbst 2003. Damals schaffte er mit 56,7 Prozent nur knapp die Bestätigung als SPD-Vize. Mit 52,6 Prozent der Stimmen schnitt allein der damalige SPD-Generalsekretär Olaf Scholz schlechter ab. Es war eine schallende Ohrfeige der Basis, die zum Teil aber auch dem damaligen Parteivorsitzenden Gerhard Schröder galt. 2005 trat Clement gar nicht mehr an. Auch mit dem mindestens ebenso prominenten NRW-SPD-Mitglied Franz Müntefering verstand er sich nicht immer.

Zumindest kam mit Clement neuer Schwung ins Kabinett. Er wollte die Welt verändern und glaubte noch an die Gestaltungskraft von Politik. So bereiste er als Minister alle Winkel der Republik, besuchte Arbeitsagenturen, Arbeitslosenvereine und Unternehmen.


Der Querdenker fand in der Arbeitsmarktreform seine größte Bewährungsprobe. Unter Clements Regie wurde die Arbeitslosen- mit der Sozialhilfe zusammengelegt. Die Zumutbarkeitsregeln für Arbeitslose wurden verschärft. Als Antwort sah er sich mit Massendemonstrationen gegen Hartz IV konfrontiert.


Auf dem Höhepunkt der Proteste gab Kanzler Schröder zu Protokoll, dass „der Wirtschaftsminister die Verantwortung für die Umsetzung von Hartz IV trägt“. Clement war damit für die Grausamkeiten zuständig und musste zudem mit ansehen, wie die Zahl der Arbeitslosen die magische Fünf-Millionen-Grenze überschritt.

Innerhalb der Koalition spielte Clement mit harten Bandagen. So legte er sich nicht nur einmal mit Umweltminister Jürgen Trittin an. Dabei ging es um den Emissionshandel oder erneuerbare Energien. Mit Finanzminister Hans Eichel stritt er öffentlich über eine Senkung der Unternehmensteuern.

Berufseinstieg bei der "Westfälischen Rundschau"

Außerdem rasselte er so manches Mal mit den Parteilinken oder den Gewerkschaften aneinander. Dem linken Flügel gingen seine Zugeständnisse an die Wirtschaft, sei es beim Kündigungsschutz oder bei den Zumutbarkeitsregeln für Arbeitslose, zu weit. In der SPD wurde es einsam um Clement. Mit dem Start der Großen Koalition schied er 2005 aus der Bundesregierung aus.

Dass er im Januar davon abriet, die hessische SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti wegen ihrer Energiepolitik zu wählen, war auch eine Konsequenz seiner ablehnenden Haltung gegen den linken SPD-Flügel. Ypsilanti hatte nach der Niederlage bei der Landtagswahl 2003 die Führung der Hessen-SPD übernommen und sie auf einen klaren Linkskurs gebracht. Seinen Austritt am Dienstag begründete er nicht nur damit, dass die Wahrnehmung des Grundrechts auf Meinungsfreiheit mit einer öffentlichen Rüge gegeißelt worden sei, sondern auch damit, dass die SPD keinen klaren Trennungsstrich zur Linken ziehe.

Seine Berufstätigkeit begann der gelernte Jurist 1968 als Journalist bei der „Westfälischen Rundschau“. In der SPD machte Clement ab 1981 Karriere. Damals holte ihn Hans-Jürgen Wischnewski als SPD-Sprecher nach Bonn.


Ein enges Vertrauensverhältnis verband Clement mit Johannes Rau - beide gnadenlose Witzeerzähler. Der damalige Ministerpräsident aus Nordrhein-Westfalen machte ihn 1989 zum Leiter der Staatskanzlei in Düsseldorf. In Kommentaren war vom „späten Lohn für politische Loyalität“ die Rede. 1998 wurde Clement Regierungschef in Düsseldorf, bis er dann 2002 in Schröders Kabinett wechselte.

AP/cn