Nimmt man den Büchermarkt als Indikator, dann war keine Elterngeneration so verunsichert wie die heutige. Auf den Bestellerlisten stehen Ratgeber, die von „kleinen Tyrannen“ berichten, den Verlust der Tugenden beklagen oder die „Pflicht zu führen“ fordern. Eine neue Familienstudie kommt nun zu einem überraschenden Ergebnis: Während in der Gesellschaft die Kindererziehung als zunehmend defizitär wahrgenommen wird, sind die Eltern mit ihrer eigenen Leistung zufriedener denn je.
Rund 2.200 Deutsche ab 16 Jahren hat das Institut für Demoskopie Allensbach für das „Generationen-Barometer 2009“ befragt, das vom Verein „Forum Familie stark machen!“ initiiert wurde. 80 Prozent der befragten Eltern mit Kindern unter 16 Jahren sind laut Umfrage der Ansicht, dass ihr Einfluss auf die Kinder groß genug ist. Die Mehrheit der Bevölkerung teilt diese Ansicht nicht: Hier finden nur 35 Prozent, dass die Familie allgemein genügend (guten) Einfluss hat. 39 Prozent finden ihn zu gering, 26 Prozent sind unentschlossen. Ähnlich groß ist der Unterschied bei der Frage nach dem Zusammenhalt in der Familie. Nur 20 Prozent der Bevölkerung halten ihn für stark. Dies gilt indes nicht für die eigene Familie: Dabei gaben 82 Prozent ihn als stark bis sehr stark an.
Als größtes Erziehungsproblem wird nach wie vor der Klassiker genannt: 85 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass Kinder zu viel Zeit vor dem Fernseher oder dem Computer verbringen. 63 Prozent glauben zudem, dass Kinder zu wenig Werte vermittelt bekommen, 60 Prozent finden, dass Kinder keine klaren Regeln kennen. Befragt man nur Eltern von Zehn- bis 15-Jährigen, sieht die Gewichtung anders aus: Dann steht bei den Erziehungsproblemen die Unordnung vor dem Medienkonsum, gefolgt von Schulschwierigkeiten. Dass die Kinder zu egoistisch sind, beklagen 27 Prozent, und nur 16 Prozent erleben sie öfter als aggressiv.
Deutlich macht die Studie, wie stark sich die Erziehungsziele verändert haben: Standen früher Tugenden wie Fleiß und Bescheidenheit im Vordergrund, so haben die Eltern von heute vor allem die Selbstentfaltung des Kindes im Blick. Die Vermittlung von Selbstbewusstsein nannten 89 Prozent der befragten Eltern von Kindern unter 16 Jahren als wichtiges Erziehungsziel. 78 Prozent möchten, dass ihre Kinder ihre Fähigkeiten entfalten können, 71 Prozent finden es wichtig, dass die Kinder sich durchsetzen können.
Pünktlichkeit, Sparsamkeit und Fleiß werden immerhin noch von über 60 Prozent der Eltern als Erziehungsziele genannt. Anders sieht das bei zwei anderen Werten aus: Während 64 Prozent der Gesamtbevölkerung noch gelernt haben, sich in eine Ordnung einzufügen, finden dies heute nur noch 38 Prozent der Eltern wichtig. Die Erziehung zur Zurückhaltung ist nur noch für ein Viertel der Eltern relevant. Auch die religiöse Erziehung hat stark an Bedeutung verloren. Halten sie noch 47 Prozent der über 60-Jährigen für wichtig, sind es bei den 30- bis 44-Jährigen nur noch 30 Prozent, bei den 16- bis 29-Jährigen sogar nur noch 15 Prozent.
Die veränderten Erziehungsziele spiegeln sich auch im Erziehungsstil wieder. Während noch jeder Dritte der über 60-Jährigen als Kind regelmäßig eine Tracht Prügel erhielt, sind es unter den heutigen Jugendlichen nur noch sieben Prozent. 67 Prozent der 16- bis 29-Jährigen gaben an, dass ihre Eltern mit ihnen über Konflikte gesprochen haben. Bei den Älteren sind es 34 Prozent. Rund die Hälfte der befragten Eltern sagte, dass sich das Verhältnis zu den eigenen Kindern stark vom Verhältnis unterscheidet, das sie selbst mit ihren Eltern hatten. Der eigene Umgang wird als weniger autoritär wahrgenommen.
Der Preis dafür sind willensstarke Kinder. Und so empfinden 67 Prozent der Eltern Erziehung denn auch als „anstrengend“. Fast die Hälfte findet, es sei in den letzten Jahren schwieriger geworden, Kinder zu erziehen. 53 Prozent sind der Ansicht, dass die Schule bei der Erziehung nicht genug tut.
Trotz dieser neuen Erziehungsziele – früher war auch nicht alles schlechter. Befragt, ob sie eine glückliche Kindheit hatten, bejahten dies zwar vor allem die 16- bis 29-Jährigen (67 Prozent). Aber auch unter den 45- bis 59-Jährigen hat mehr als jeder Zweite diese Zeit positiv in Erinnerung. Selbst bei den über 60-Jährigen gaben 49 Prozent an, ihre Kindheit sei glücklich gewesen.




