Einmal, Paul war noch keine vier Jahre alt, saß er im Auto in seinem Kindersitz, blickte aus dem Fenster und kommentierte für seine Mutter am Steuer, was er sah. Als sie am Gemeindezentrum vorbeikamen, vor dem ein Schild mit dem Hinweis „Gemeindezentrum“ steht, sagte Paul so versonnen wie selbstverständlich: „Gemeindezentrum.“ Pauls Mutter war entgeistert: „Hast du das gelesen?“ Ob Paul nicht ganz klar war, was diese Frage sollte oder ob die Aufregung, die unüberhörbar in der Stimme seiner Mutter mitschwang, ihn irritierte – er fand es jedenfalls nicht nötig zu antworten. Pauls Mutter grübelte in den nächsten Tagen: Wenn Paul lesen konnte – wie war das passiert? Hatte er es sich selbst beigebracht? Stimmte etwa, was ihr hin und wieder eine Kindergärtnerin einflüsterte: Der Paul, der ist bestimmt hochbegabt. Und wenn es stimmte: Was dann?
Es wird getestet und gefördert
Hochbegabung ist ein Thema, das in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Karriere gemacht hat. Beim Nachwuchs von heute wird immer genauer hingeguckt, immer mehr getestet, immer vielfältiger und gezielter gefördert. In schöner Verschränkung mit dieser Entwicklung wird zugleich die Sehnsucht der Eltern nach dem besonderen Kind immer größer. Wer möchte schon sagen: Unsere Fritzi, die ist ganz durchschnittlich. Es ist doch angenehmer, nicht zuletzt fürs eigene Selbstwertgefühl, wenn Fritzi herausragt. Gern auch mit nachgewiesener Hochbegabung.
Relativ leicht lässt sich der Intelligenzquotient testen. Ab einem IQ von 140 spricht man gemeinhin von Hochbegabung. In den 1970er-Jahren noch konnte ein solches Resultat absolut folgenlos sein. Gut, hatte man also ein schlaues Kind. Auch schön. Inzwischen konstatieren Erzieher und Lehrer etwas, das sie wahlweise gesellschaftlichen oder auch gleich Selektionsdruck nennen. So früh wie möglich sollen Kinder – um ein ökonomisches Schlagwort zu benutzen – zukunftsfähig gemacht werden. Also darf keine Begabung übersehen werden.
Pauls Mutter aber war hin- und hergerissen, wenn sie über ihren Sohn nachdachte. Hochbegabt – wäre das ein Geschenk oder eine Belastung für das Kind? Ist ein besonders kluges Kind in einer normalen Schule unterfordert? Quält es sich dann? Beraubt man es seiner Zukunft, wenn man es nicht speziell fördert? Beraubt man es seiner Kindheit, wenn man es doch tut? Ach, sollte sie Paul überhaupt testen oder die Sache doch einfach auf sich beruhen lassen?
Vernünftig betrachtet, können gar nicht so viele Kinder hochbegabt sein, wie manche Erwachsenen es gern diagnostizieren. Und realistisch betrachtet, kann auch nicht jeder Wutanfall oder jedes Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) mit Hochbegabung erklärt werden. Für Eltern ist es oft einfach sehr schwer zu akzeptieren, wenn ihre Kinder nicht so funktionieren, wie sie es sich vorgestellt haben. Wenn aber ein Kind schon anstrengend ist, dann doch wenigstens, weil es so klug und kreativ ist.
Kaum noch ein Kind, zumindest im bürgerlichen Milieu, das nicht im Laufe seiner ersten Lebensjahre in Verdacht gerät, eine wie auch immer geartete Hochbegabung zu haben. Weil es sich langweilt, weil es an etwas besonderen Spaß hat, weil es unruhig ist, weil es hoch konzentriert ist – eigentlich egal. Man kann aus vielen Verhaltensweisen eine Menge interpretieren, bei Bedarf auch herausragende Talente.
Ob man Kindern mit früher Spezialförderung unbedingt immer einen Gefallen tut, ist eine andere Frage. Zum einen stellt sich, was auf den ersten Blick wie hochinteressante Begabung aussieht, nicht selten als vorübergehende Neugier und Neigung heraus. Entpuppt es sich als mehr, wird das Kind vermutlich selbst signalisieren, dass es sein Wissen und Können vertiefen möchte.
Zum anderen scheint frühe Förderung nicht notwendigerweise nachhaltig produktiv zu sein. Die Broschüre „Begabte Kinder finden und fördern“ des Bundesbildungsministeriums etwa erwähnt die Russin Olga Sarankina als Beispiel für erfolgreiche Frühförderung. Olga begann als Kleinkind zu komponieren, 1993, sie sieben Jahre alt, hatte ihre erste Oper Premiere. Inzwischen müsste Sarankina Anfang 20 sein. Aber es gibt, durchforstet man Suchmaschinen, keine weiteren Belege ihres musikalischen Schaffens. Möglich, dass Olga Sarankina ihr Betätigungsfeld gewechselt hat. Auch Albert Einstein spielte als kleines Kind Geige und durchdachte nicht bereits die Quantenphysik. Möglich aber auch, dass die frühe Aufmerksamkeit Olga Sarankina weder eine gelungene musikalische Karriere noch überhaupt Glück im Leben gebracht hat. Denn auch das ist gewiss: Ein zu hoher Leistungsanspruch der Erwachsenen überträgt sich auf die Kinder. Um ihre Frustrationstoleranz ist es dann schlecht bestellt. Ein Kind, das Angst hat, als Versager zu gelten, wenn es nicht alles sofort und großartig hinbekommt, wird sich seltener trauen, etwas einfach mal zu versuchen. Zumal, wenn es gar nicht hochbegabt ist.
Darf ein Kind heute überhaupt noch einfach normal sein? Eltern, die ihren Nachwuchs für normal halten, konsultieren keine Therapeuten, um vorzuführen, wie prächtig unauffällig ihr Kind gerät. Vielleicht aber ist es bald so weit, bei all den Möglichkeiten zu frühen Tests und früher Förderung und des vielfältigen Drucks, diese Möglichkeiten auszuschöpfen. Dann könnten nicht mehr nur ADS-geplagte Eltern mit der Hoffnung auf verborgene Genies in Therapiepraxen auftauchen, sondern Eltern, die verzweifeln, weil ihr Kind gar nicht zappelig ist, leidlich lesbar schreibt, viele, aber nicht alle Rechenaufgaben löst, keine größeren Konzentrationsprobleme zeigt, in der Musikgruppe ganz ordentlich mitmacht. Ist dieses Kind womöglich nicht mal normal, sondern zu passiv, nicht durchsetzungsstark genug, ganz ohne ausbaufähige Neigungen? Hat es dereinst da draußen im harten Verdrängungskampf überhaupt eine Chance?
Was für ein Stress! Für alle Beteiligten.
Und Paul? Es stellte sich bald ganz ohne Tests heraus, dass er gar nicht lesen konnte. Er wusste einfach, dass das Gemeindezentrum das Gemeindezentrum war. Pauls Mutter war erleichtert – und ein klitzekleines bisschen enttäuscht. Das Thema aber wird ihr treu bleiben wie allen Eltern, denn so viel ist sicher: Die nächste Begabungsfalle kommt bestimmt.


