Morgenpost Online: Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem 70. Geburtstag. Als erster und zugleich letzter frei gewählter Ministerpräsident der DDR haben Sie die Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands entscheidend mitgestaltet. Wie zufrieden sind Sie heute mit dem Einigungsprozess?
Lothar de Maizière: Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Aber wir sind auf gutem Weg. Das Glas, um diesen Vergleich zu bemühen, ist mehr als halb voll. Die ganzen strukturellen Fragen sind geklärt, allerdings dauert eben doch alles länger, als wir das in der Euphorie vor 20 Jahren alle gedacht haben. Und manches ist anders verlaufen als erwartet. Dennoch bleibt mein Fazit: Wir sind auf einem sehr guten Weg.
Morgenpost Online: Diese Wochen vor 20 Jahren waren höchst turbulent. Wie war die Lage zur Jahreswende 1989/90 wirklich?
de Maizière: Die DDR war wirtschaftlich bankrott. In seinem Gutachten, das wir als Mitglieder der Regierung Modrow nur einmal kurz einsehen durften, warnte Planungschef Gerhard Schürer schon Mitte 1989 vor einer Zahlungsunfähigkeit der DDR. Sie könne nur verhindert werden, wenn der Lebensstandard und damit der Konsum im Lande um 25 Prozent gesenkt werde. Dann aber werde die DDR nicht mehr zu regieren sein. Die Daten waren also schon vor dem Mauerfall zumindest den wichtigsten Personen im Politbüro bekannt. Sie wurden ignoriert.
Morgenpost Online: Warum gibt es auch nach zwei Jahrzehnten eine Verklärung, eine nicht endende Ostalgie bis hin zum Streit darüber, ob die DDR ein Unrechtsstaat war?
de Maizière: Nach dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung gab es eine völlig undifferenzierte Abqualifizierung all dessen, was in der DDR war. Die Folge: Die Menschen sagten, so war es denn doch nicht. Die Diskussion darüber aber, ob die DDR ein Unrechtsstaat war, ist so überflüssig wie ein Kropf. Wäre sie ein netter kleiner bunter Rechtsstaat gewesen, hätte man ihn nicht abschaffen müssen. Die Frage, ob die DDR ein Rechtsstaat war, haben die Ost-Deutschen also selbst beantwortet, indem sie sie abgeschafft haben, so sagte unlängst Matthias Platzeck.
Morgenpost Online: Sie selbst standen nicht obenan in der Reform- und Bürgerrechtsbewegung in der untergehenden DDR.
de Maizière: Ich war Vizepräsident der Synode des Kirchenbundes der DDR, vergleichbar der EKD im Westen. Diese Synode begriff sich in ihren zahlreichen Sitzungen als eine Art Gegen- oder Ersatzöffentlichkeit. Wir haben Dinge und Themen aufgerufen, die öffentlich nicht diskutiert werden konnten.
Morgenpost Online: Dennoch hielten viele Mitglieder Ihre Kirche für zu staatsnah.
de Maizière: Natürlich gab es auch zwischen den kirchlichen Gruppen und der Amtskirche Spannungen. Viele brave Kirchgänger fragten sich etwa, wo kommen wir denn noch vor, wer kümmert sich um unser leckes Kirchendach? Aber ich sehe mich schon als Teil der Reformbewegung, die in der DDR heranwuchs.
Morgenpost Online: Mit den Gruppen der Bürgerrechtsbewegung taten Sie sich von ihrem Naturell her eher schwer?
de Maizière: So war es wohl. Die Bürgerrechtsgruppen waren ja eher randständige Leute, ich als Anwalt nicht. Und ich habe immer sehr ordnungspolitisch gedacht. Ich erzähle gern die Geschichte bei der Eröffnung des ersten Runden Tisches. Da ging es drunter und drüber. Während die anderen stritten, hab ich mich in eine Ecke gesetzt und erst mal eine Geschäftsordnung entworfen. Meine Töchter spotten noch heute: Die ganze Republik macht Revolution, und der Vater schreibt die Geschäftsordnung dafür.
Morgenpost Online: Ein Jurist eben …
de Maizière: Auch später, als ich politische Verantwortung hatte, galt für mich immer: keine rechtsfreien Räume und damit kein Chaos zulassen. Ich wollte zur Jahreswende vor 20 Jahren vor allem erreichen, dass unsere Revolution in der Girondisten-Phase bleibt und nicht ins Jakobinische abrutscht. Es war ja damals nicht ausgeschlossen, dass Leute an die Laterne gehängt werden …
Morgenpost Online: Am 9. November fiel die Mauer, am 10. November sind Sie zum neuen Vorsitzenden der Ost-CDU gewählt worden. Hat sich ein Lebenstraum für Sie erfüllt?
de Maizière: Das will ich nicht unbedingt behaupten. Ich wurde ein paar Tage vorher gefragt, ob ich dazu bereit wäre. Die Partei suche einen hinlänglich intelligenten Kandidaten, auch erkennbar kirchennah sollte er sein und zudem gute organisatorische Fähigkeiten haben. Den Ausschlag dafür, dass ich letztlich Ja gesagt habe, gab eine Erfahrung auch in der eigenen Familie: Das Schlimmste in der ganzen DDR-Zeit war für mich, die eigenen Kinder zur Janusköpfigkeit erziehen zu müssen: Sie mussten in der Schule anders reden, als sie zu Hause durften und sollten.
Morgenpost Online: Ihr politischer Aufstieg und Fall ist eng mit dem Namen Helmut Kohl verbunden. Wie ist heute Ihr Verhältnis zum Altbundeskanzler?
de Maizière: Das ist schwierig. Eigentlich gar kein Verhältnis. Aber das liegt ja meist an beiden. Die Chemie zwischen uns stimmte nicht. Helmut Kohl ist ein Machtmensch und er denkt in großen Dimensionen. Trotz aller Gegensätze habe ich Hochachtung vor ihm. Das gilt besonders für seine außenpolitische Leistung. Ohne seine Entschlossenheit in der Außenpolitik, angefangen beim Zehn-Punkte-Plan bis zu dem von ihm aufgebauten engen Vertrauensverhältnis zu Michail Gorbatschow und George Bush wäre das anders gelaufen. Das sind Stärken, die ich unverändert respektiere. Aber weil ich mit Wolfgang Schäuble unverändert eng befreundet bin, hat mich Helmut Kohl wohl mit in Sippenhaftung genommen.
Morgenpost Online: Sie haben im April 1990 als erster frei gewählter Ministerpräsident der DDR zu Ihrem Antrittsbesuch in Moskau Ihre stellvertretende Regierungssprecherin Angela Merkel mitgenommen. Haben Sie schon damals ihr politisches Talent entdeckt?
de Maizière: Ich habe sie mitgenommen, weil sie sehr gut russisch spricht. Sie ist kreuz und quer mit der U-Bahn und den Trolley-Bussen durch Moskau gefahren, um zu hören, was die Sowjetbürger über die deutsche Einheit denken. Volkes Meinung war erschreckend: Stalin hat den Zweiten Weltkrieg gewonnen, und Gorbatschow ist dabei, ihn zu verlieren. Wir hatten auf dem Weg zur Wiedervereinigung wahrlich keine Zeit zu verlieren.
Morgenpost Online: Heute ist Ihre frühere Mitarbeiterin Bundeskanzlerin. Hat Sie die steile politische Karriere von Angela Merkel überrascht?
de Maizière: Ihre intellektuellen Leistungen und Fähigkeiten waren schon damals erkennbar. In der formalen Logik war Angela Merkel nicht zu schlagen. Morgens in der kleinen Lagerunde war ihr Vortrag brillant: kurz, präzise, analytisch und obendrein noch ein Vorschlag zum Handeln. Was ich ihr nicht zugetraut habe, sind ihr Durchsetzungsvermögen und ihr Machtinstinkt.




