Pech hatte der Bischof von Mecklenburg, Andreas von Maltzahn: Er kam elf Minuten zu spät. Als er am Mittwoch um 14.30 Uhr von der Nachrichtenagentur epd mit den Worten zitiert wurde, dass Margot Käßmann im Amt bleiben solle, war seit elf Minuten die Meldung der „Bild“-Zeitung zu lesen, dass die Bischöfin nicht bleiben wolle. Und keine zwei Stunden später stand endgültig fest, dass von Maltzahn den richtigen Zeitpunkt verpasst hatte: Um 16 Uhr bei einer Pressekonferenz im Hannoveraner Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) teilte Käßmann ihren schon am Vormittag gefassten Entschluss mit, als hannoversche Landesbischöfin und ebenso, nach nur drei Monaten im Amt, als EKD-Ratsvorsitzende zurückzutreten.
Doch ganz vergebens war der Beitrag des Mecklenburger Bischofs nicht. Denn er unterstrich, was sich zuvor schon erkennen ließ: Käßmann ist nicht zum Rücktritt gedrängt worden. Das hatte sich auch am Dienstagabend bei einer telefonischen Krisenkonferenz des 14-köpfigen EKD-Rates gezeigt. Nach Informationen von Morgenpost Online versicherten da alle teilnehmenden Bischöfe und Laien der zugeschalteten Käßmann ihre Solidarität und waren sich einig, dass es am besten wäre, wenn sie Ratsvorsitzende bleiben könne.
Zwar berichteten da einige, dass sie von Pfarrern entsetzt gefragt worden seien, wie man nach Käßmanns Alkoholfahrt noch gegen Drogenmissbrauch predigen solle. Doch andere erzählten, dass sie in Gemeinden ermahnt worden seien, zu Käßmann zu stehen. Mithin vermochte der EKD-Rat sich kein einheitliches Bild von der Lage zu machen, es herrschte eine Unschlüssigkeit, in der man nur wusste, was man nicht wollte: über Käßmann herfallen. Woraus folgte, dass sie selbst die Entscheidung treffen sollte, was protestantischer Gewissenstradition entspricht.
So endete denn die Erklärung des Rates am Mittwochmorgen nach der Konferenz mit den Worten: „In ungeteiltem Vertrauen überlässt der Rat seiner Vorsitzenden die Entscheidung über den Weg, der dann gemeinsam eingeschlagen werden soll.“ Das freilich hieß: Das Vertrauen des Rates bestand darin, dass man ihr zutraute, dem Rat eine Rücktrittsempfehlung ersparen zu können.
Nun also hat Käßmann entschieden: Sie könne nach ihrer Alkoholfahrt durch Hannover, nach einem „schweren Fehler, den ich zutiefst bereue“, nun „nicht mit der notwendigen Autorität im Amt bleiben“, erklärte sie. Sie sei wieder einfache „Pastorin meiner hannoverschen Landeskirche“.
Damit nimmt eine steile Kirchenkarriere ihr Ende, in der die heute 51-jährige promovierte Theologin und Pfarrerin zunächst als Jugenddelegierte auf der Vollversammlung des Weltkirchenrates 1983 bei einer Kampfabstimmung triumphierte, sich dann an Universitäten und Evangelischen Akademien profilierte und 1994 Generalsekretärin des Evangelischen Kirchentages wurde.
1999 wurde Käßmann gegen heftige Widerstände zur Bischöfin der hannoverschen Landeskirche gewählt. Rasch bewies sie, wie sich durch Disziplin, poetische Glaubensworte und alltagsnahe Verkündigung das Evangelium wieder neu im Leben der Menschen verankern lässt. Käßmann wurde immer mehr zum Star der Kirche, telegen und erfrischend, offen und neugierig, beliebt bei Linksprotestanten wie bei bibeltreuen Evangelikalen.
Doch nun zieht Käßmann sich mit der gleichen Entschlossenheit, mit der sie in die Afghanistan-Debatte eingriff, abrupt zurück. Für sie selbst ist das ein bitterer, allerdings konsequent evangelischer Schritt. Indes hatte sie früher mehrfach versichert, dass sie den Dauerstress als Bischöfin und Ratsvorsitzende nicht unbedingt haben müsse, vor wenigen Wochen erst ließ sie die „Zeit“ wissen, dass sie gern früher in Rente gehen würde. Doch für die Kirche bedeutet ihr Rücktritt einen kaum zu ermessenden Verlust. Die bei weitem populärste und auch für Kirchenferne überzeugendste Bischöfin tritt ab, sie, von der sich viele Protestanten wohl nicht zu Unrecht erhofft hatten, sie könne den Prozess der Entchristianisierung in Deutschland vielleicht stoppen.
So hat die EKD nun ein gewaltiges Personalproblem. Zunächst ist Käßmanns Stellvertreter, der rheinische Präses Nikolaus Schneider, gefordert, obwohl der 62-Jährige wegen seines Alters bei der Wahl durch die EKD-Synode im Oktober 2009 für den Vorsitz nicht in Frage gekommen war. Schneider ist ein erfahrener, moderater Kirchenmann, sozialpolitisch engagiert, politisch gut vernetzt und auch in Ökumenefragen weithin bekannt.
Anders als die Vorgänger auf dem Vize-Posten, die sich weitgehend zurückhielten, hat Schneider seit seiner Wahl immer wieder in aktuelle Debatten eingegriffen, von der Steuerpolitik bis zum Afghanistan-Einsatz, in Nuancen dabei anders als Käßmann. Zu Schneider, so ist aus informierten Kirchenkreisen zu hören, gibt es zumindest im Augenblick keine Alternative. Gut möglich also, dass tatsächlich bis zum Herbst gewartet wird, bis die dann regulär tagende EKD-Synode den Ratsvorsitz neu bestimmt.
Bis dahin wäre auch Zeit genug, das Feld möglicher Kandidaten neu zu sichten, auf dem vor Käßmanns Wahl die Bischöfe Ulrich Fischer (Baden), Frank Otfried July (Württemberg) und Martin Hein (Kurhessen-Waldeck) gefunden wurden. Wie es hingegen in der hannoverschen Landeskirche weitergeht, ist völlig offen, dort wird nun eine Findungskommission ihr langwieriges Prozedere beginnen.
Für die EKD ist das Vakuum an der Spitze auch insofern bedrohlich, als ein weiterer wichtiger Posten demnächst brachliegt, die Leitung des EKD-Kirchenamts in Hannover. Der bisherig Leiter, Hermann Barth (65), geht in den Ruhestand, und in Sicht ist bisher niemand, der von dem messerscharf analysierenden, hoch disziplinierten und dabei weichherzigen Barth diese Schlüsselposition zur Koordinierung der widerstreitenden Interessen der EKD übernehmen könnte. Auf die EKD, die noch vor wenigen Wochen auf einer Welle der Begeisterung für ihre neue Ratsvorsitzende geschwommen war, kommen harte Zeiten zu.





