Bewerbung um Senatssitz

Kennedys Tochter wagt sich mit 51 in die Politik

Die Tochter des ermordeten Präsidenten John F. Kennedy will Hillary Clintons Senatssitz übernehmen. Bekannt ist Caroline Kennedy für allem wegen ihrer Familiengeschichte und ihres sozialen Engagements. Politische Erfahrung fehlt ihr. Doch dank Barack Obama könnte es mit der Senatskarriere trotzdem klappen.

Caroline Schlossberg-Kennedy hat sich entschieden, Hillary Clintons Sitz im Senat, dem Oberhaus des amerikanischen Parlaments, anzustreben. Kennedy ist nicht die einzige Bewerberin, aber die bei weitem bekannteste. Clinton stellt den Parlamentssitz mit ihrem Wechsel ins Außenministerium zur Verfügung. Der Gouverneur des Bundesstaates New York, David Paterson, darf für den Zeitraum bis zur nächsten turnusgemäßen Kongresswahl im Herbst 2010 die Nachfolge durch Ernennung regeln.

Der blinde schwarze Gouverneur ist ein Freund Barack Obamas. Die 51 Jahre alte Caroline Kennedy hat Ende Januar im Urwahlkampf für Obama Partei ergriffen. Es war das erste Mal überhaupt, dass sie einem Kandidaten öffentlich ihr Plazet gab. Obama betraute sie im Sommer mit der Suche nach seinem Vizepräsidenten. Die Ernennung der dreifachen Mutter für den Senatssitz könnte als Geben-und-Nehmen verstanden werden.

Es wäre ein Missverständnis. Die amerikanischen Medien publizieren zwar viele Betrachtungen über Caroline Kennedys geradezu berüchtigten Drang, Journalisten aus dem Wege zu gehen. Sie hat über das Recht auf Privatheit sogar ein juristisches Buch geschrieben. Jetzt möchte Caroline Kennedy in die Politik? Sie, die kaum irgendwelche berufliche Erfahrung vorweisen kann? Die Presse fasst es nicht, und einige Parteifreunde fassen es ebenso wenig. „Außer Markenwert hat sie nichts zu bieten“, bemerkte ein Abgeordneter des Repräsentantenhauses giftig. Aber Kennedys Bewerbung erfolgt nicht aus einer Laune heraus. Es ist ein Schritt, den sie seit langem auf ihre eigene Weise vorbereitet hat.

Für den Sitz interessieren sich neben ihr mindestens zwei erfahrene, ehrgeizige Demokraten – die Abgeordnete im Repräsentantenhaus Kirsten Gillibrand, neun Jahre jünger als Kennedy, sowie der Justizminister des Bundesstaates New York, Andrew Cuomo, neun Tage jünger als Kennedy.

Gillibrand ist ein aufstrebender Stern am Demokratenhimmel. Die Mutter zweier Kleinkinder arbeitete in der berühmten Anwaltskanzlei Boies und hat 2006 einen der konservativsten ländlichen New Yorker Wahlkreise einem Republikaner abgenommen. Cuomo ist der Sohn eines früheren New Yorker Gouverneurs und war dreizehn Jahre lang mit Caroline Kennedys Cousine verheiratet.

Er arbeitete 1997 bis 2001 als Bill Clintons Wohnungsbauminister, verzichtete 2000 zugunsten Hillary Clintons auf die Kandidatur für den Senat und bewarb sich stattdessen 2002 als Gouverneur. Damals freilich verdarb er es sich mit seiner Partei, denn er stieg kurz vor der Wahl aus, und die Republikaner gewannen das Amt.

Caroline, eine der letzten Überlebenden

Caroline Kennedy hat den Kämpfen aus ihrem Apartment an der Upper East Side von Manhattan aus zugesehen, doch sie war nicht tatenlos. Neben der Erziehung dreier Kinder kümmerte sie sich ehrenamtlich um New Yorks öffentliche Schulen und schrieb in regelmäßigem Abstand Bücher, die ein moralisches, kulturelles und politisches Gemälde Amerikas ergeben.

„A Patriot's Handbook“, „A Family Christmas“, „My Favorite poetry for children“ und „The Bill of Rights in Action“ sind Kompilationen von Gedichten, Kurzgeschichten, Liedtexten, Verfassungszitaten, Bibelstellen, und berühmten Gerichtsurteilen. Caroline Kennedy hat zielstrebig die Rolle ihrer Familie als Wahrerin und Formerin des amerikanischen Kosmos an sich gezogen.

Die Rolle fällt ihr durch Tragik zu. Von John F. Kennedys Familie ist außer Caroline niemand mehr am Leben. Der Vater wurde 1963 ermordet, die Mutter starb 1994, der jüngere Bruder stürzte 1999 mit dem Flugzeug ab, der jüngste starb 1963 zwei Tage nach der Geburt. Aus der Generation des Präsidenten leben noch zwei Schwestern im hohen Alter und Senator Edward Kennedy. Er kämpft verzweifelt gegen einen Hirntumor.

„Onkel Teddy“ ist Carolines Lieblingsonkel. Ihr zuliebe hat Ted Kennedy sich im Januar entgegen seiner ursprünglichen Absicht ebenfalls für Barack Obama statt Hillary Clinton ausgesprochen. So ist es in den Kulissen zu hören. Caroline Kennedy führte ihn vor dessen Abschiedsansprache auf dem Wahlparteitag von Denver im August mit scheinbar spröden Worten ein. Danach stand sie seitwärts im Halbdunkel. Angedeutete Gesten verrieten, dass sie mit den Tränen kämpfte.

Kennedys bedächtige Hölzernheit bei öffentlichen Auftritten täuscht. Sie kann sehr lebhaft und selbstironisch werden, und sie hat eine unverbildete Herzlichkeit, die sie dann und wann beredt aufblitzen lässt. Ihr fehlt der manchmal hechelnde, berechnende Ehrgeiz ihrer Mitbewerber für den Senatssitz. Diesen Sitz hatte vor vierzig Jahren Carolines anderer Onkel Robert F. Kennedy eingenommen. Manche Journalisten fragen, ob der Kennedy-Mythos nicht zu sehr verblasst sei, um noch einen Anspruch auf ein solches Mandat zu begründen. Kennedy kann auf die Begeisterung verweisen, mit der die Jugend Barack Obamas Kandidatur aufgenommen hat. Amerika ist ein sehr junges Land mit großer Sehnsucht nach einer positiven, idealistischen Tradition. Caroline Kennedys Kinder sind nun im College-Alter, und sie positioniert sich als eine Mutter der Nation.