Thorsten Schäfer-Gümbel weiß, wie man Politiker jetzt noch hinterm Tannengrün hervorlockt. Der Spitzenkandidat der hessischen SPD fordert wegen der Wirtschaftskrise eine Zwangsanleihe für Reiche. Wohlhabende mit einem Geld- und Immobilienvermögen von mehr als 750.000 Euro sollten verpflichtet werden, dem Staat zwei Prozent ihres Vermögens für 15 Jahre zu einem Zinssatz von höchstens 2,5 Prozent zu leihen.

Man muss sich dieser Tage, da ständig über Konjunkturprogramme diskutiert wird, schon mit kühnen linken Ideen hervortun, um gehört zu werden. Schäfer-Gümbel bekommt die Aufmerksamkeit, die er sich wünschte. Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach nennt es einen „sozialdemokratischen Reflex, bei jedem Problem Besserverdiener zur Kasse bitten zu wollen.“ Die FDP hält den Vorschlag für „verfassungsrechtlich bedenklich“. Die Grünen wollen lieber eine Vermögenssteuer, und der Linken geht alles nicht weit genug. Der hessische Wahlkampf wirkt, als gäbe es ihn.

Bemerkenswerter als dieser kleine kalkulierte Skandal ist, dass ein anderer SPD-Mann mit seinen Äußerungen nur noch ein bisschen Tumult ausgelöst hat. Parteichef Franz Müntefering hatte erklärt, dass rot-rote Bündnisse die Menschen nicht mehr aufregten, und ihnen damit sein finales Placet erteilt. Bisher hatte er immer nur auf die Unabhängigkeit der Landesverbände bei der Beantwortung der Koalitionsfrage verwiesen. Anfang 2008 hätte eine solche Äußerung wohl die große Koalition gefährdet. Ende 2008 bleibt es in Berlin dagegen bemerkenswert ruhig.

Der Spitzenkandidat der Thüringer SPD Christoph Matschie und sein saarländischer Kollege Heiko Maas wollen nötigenfalls nach den Landtagswahlen im kommenden Jahr mit der Linken koalieren. Euphorie löst Müntefering bei ihnen aber dennoch nicht aus. „Das ist keine neue Position“, sagte Matschie Morgenpost Online. „Es war schon immer so, dass die Länder über Koalitionen entschieden haben“, ergänzt Maas, der vergessen zu haben scheint, dass seine rot-roten Planspiele noch vor einem Jahr vom damaligen SPD-Chef Kurt Beck verworfen wurden. CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla und Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) prophezeien immerhin, dass die SPD bald nicht mehr zurückschrecken werde, mit der Linken auch im Bund gemeinsame Sache zu machen.

Nach einem Jahr hitziger Koalitionsdebatten, nach der gescheiterten Regierungsübernahme in Hessen und dem Abtritt von Kurt Beck hat es den Anschein, als sei Rot-Rot eine Machtoption – auch im Westen – geworden, mit der alle rechnen.

Der entscheidende Satz von Müntefering aber lautet: „Wir könnten so auch machtpolitisch ein Zeichen setzen“. Ist Rot-Rot also doch eine bundespolitische Option? Klaus Wowereit, erfahren im Umgang mit der Linkspartei als Regierender Bürgermeister von Berlin, sagte unlängst dem „Tagesspiegel“: „Grundsätzlich muss sich das Verhältnis der SPD zur Linkspartei dergestalt entspannen, dass wir uns nicht selbst dauerhaft von der Macht ausschließen.“

Im Moment ist die SPD von der Macht aber weit entfernt. In einer aktuellen Forsa-Umfrage liegt sie konstant bei 24 Prozent. Die Linke kommt auf zwölf, die Grünen verharren auf 10 Prozent. Union und FDP liegen mit 49 Prozent damit drei Punkte vor dem linken Lager.