Meine lieben europäischen Mitbürger und Mitbürgerinnen!
Dass ich heute aus der europäischen Hauptstadt Berlin zu Ihnen spreche, ist ein Zeichen für die revolutionären Veränderungen, die das vergangene Jahrzehnt mit sich gebracht hat. Die Mitte liegt ostwärts – das ist uns Europäern spätestens mit der Aufnahme der Ukraine, Weißrusslands, der Türkei und Georgiens klar geworden.
Lagen die alten Hauptstädte der Europäischen Union, Brüssel und Straßburg, entlang der Bruchlinie, die unseren Kontinent bis 1945 trennte, so symbolisiert Berlin, Sitz des Europäischen Rats, wie keine andere Stadt der Union die Überwindung der Trennung von Ost und West im politischen Sinne; Istanbul, der Sitz des Europäischen Parlaments, die neue Einheit von Ost und West im geographisch-kulturellen Sinne. Zum ersten Mal seit Kaiser Justinian sind Rom und Byzanz unter einem politischen Dach vereint.
Dass die Europäische Kommission in Brüssel geblieben ist, der Europäische Senat sich in Straßburg konstituieren wird, verdanken wir übrigens nicht nur der Lobbyarbeit der Belgier und Franzosen, sondern der Einsicht, dass eine kontinentale Ordnungsmacht auch kontinental präsent sein muss.
Heute verhandeln wir über eine privilegierte Partnerschaft mit Russland, und über den Antrag der israelisch-palästinensischen Föderation auf Mitgliedschaft in der Europäischen Union beraten. Es ist eine große Vision: Über den Heiligen Stätten der drei großen Religionen, die Europa geprägt haben und prägen, weht das Sternenbanner der Europäischen Union!
Vor zehn Jahren allerdings waren Visionen in Europa rar. Wir waren müde, kleinmütig, zweifelten an uns selbst, blickten ängstlich in eine Zukunft, die den pazifischen Mächten, vor allem China, zu gehören schien. Es kamen dann die großen Erschütterungen der ersten Hälfte der vergangenen Dekade: die Große Depression der Jahre 2011 bis 2015, die isolationistische Wende der USA 2012, der Iran-Krieg 2013 und der Klima- und Ölschock 2014.
Eigentlich hätte man vom Alten Europa den Rückfall in alte Unsitten erwarten können; eine zeitlang sah es ja auch so aus, als würden populistische Parteien den Ton angeben
Doch als US-Präsidentin Sarah Palin den Rückzug der USA aus der Nato und den Vereinten Nationen verkündete; als unsere Sozialsysteme unter der Wucht von Massenarbeitslosigkeit und gleichzeitigem staatlichem Bankrott zusammenbrachen; als der Iran mit dem zum Glück fehlgeschlagenen Atomschlag gegen Israel ernst machte; als der Grönland-Gletschersturz den Atlantik-Tsunami auslöste; als sich herausstellte, dass Chinas Hamsterkäufe den Ölpreis in schwindelerregende Höhen trieb – da fanden sich in Europa Politikerinnen und Politiker aus allen Ländern und Parteien zusammen, um im Inneren einen New Deal und nach außen eine Neue Ordnung zu errichten.
Denn wie sagte der deutsche Dichter Friedrich Hölderlin: „Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch“. Statt auf alte Untugenden besann sich Europa auf alte Tugenden: Unternehmergeist, intellektuelle Neugier, sozialen Zusammenhalt und internationale Verantwortung.
Am Beginn eines neuen Jahrzehnts möchte ich einige der Menschen grüßen, die das neue Europa symbolisieren: die Biotechniker an der türkischen Schwarzmeerküste ebenso wie die Mitarbeiter unserer Fischfarmen vor Spanien; die Ingenieure von Desertec in Algerien und von unserem Windpark vor Island.
Ich grüße die Millionen, die auf den Renteneintritt verzichtet haben; ich grüße die Mitglieder der Freiwilligen Europäischen Sozialdienste. Nicht zuletzt die Soldaten und Soldatinnen der Europäischen Armee, die in Afghanistan, dem Iran, dem Kongo und anderswo den Weltfrieden und unsere Freiheit verteidigen. Das neue Jahrzehnt dürfte nicht weniger spannend sein als das vergangene. Freuen wir uns darauf!





