Seit der Entführung dreier deutscher Bergwanderer durch die kurdische Rebellenorganisation PKK haben die türkischen Sicherheitskräfte ihre Aktionen im Grenzgebiet verstärkt, um die Entführer und ihre Geiseln zu finden. Noch scheint es aber keine echte Spur zu geben. Es gilt als wahrscheinlich, dass die Gesuchten längst jenseits der Grenze auf irakischem Staatsgebiet sind.
Den intensiven Patrouillen und der gesteigerten Militärpräsenz entsprechen hohe Opferzahlen bei Gefechten zwischen Militär und PKK-Kämpfern in den letzten Tagen. Laut türkischen Medienberichten starben dabei zehn PKK-Terroristen und drei türkische Soldaten. Zwei von ihnen fielen einer Explosion zum Opfer, als ihr Fahrzeug auf eine Mine fuhr.
Es ist vor Ort nicht ersichtlich, ob es bereits Kontakte oder gar Verhandlungen gibt. Die PKK verfügt in Deutschland über eine vielfältige Präsenz, und es dürfte nach Ansicht von Sicherheitsexperten nicht schwer sein, auf diesem Weg Kontakt zu den Entführern aufzunehmen. In der Türkei hatte sich bereits die Kurdenpartei DTP, die als politischer Arm der PKK gilt, als Vermittler angeboten. Gegen die Partei läuft ein Verbotsverfahren. Sie soll, so die Anklage, Verbindungen zu terroristischen Gruppen unterhalten.
In den türkischen Medien wurde am Wochenende wenig über den Fall berichtet, vor allem westliche Sicherheitsexperten äußerten sich zu der Frage, warum die PKK eine solche Aktion wählte, und so überzogene Forderungen wie eine Änderung der deutschen Außenpolitik stellt. Es ist eine krasse Abkehr von ihrer früheren Strategie, sich dem Westen gegenüber kooperativ zeigen zu wollen.
Einer britischen Sicherheitsquelle im Irak zufolge haben die Militäraktionen der Türkei in den letzten Monaten die PKK nahezu aufgerieben. Die Entführung sei also eine Verzweiflungstat.
Besonders die Bodenoperation gegen die PKK im Nordirak mitten im Winter im Zap-Tal sei vernichtend gewesen. Zwar könne die Terrororganisation immer noch Angriffe starten, müsse aber dafür nun von Lagern im ferneren Hinterland aufbrechen. Der Aufmarsch für Angriffe in der Türkei dauere statt bisher zwei bis drei Tage nun eher ein bis zwei Wochen – damit wächst auch das Risiko, frühzeitig entdeckt und aus der Luft angegriffen zu werden.
Freilich haben die Koalitionskräfte im Irak das größte Eigeninteresse, die türkischen Aktionen als Erfolg darzustellen – für sie stellt jeder türkische Angriff das Risiko einer Destabilisierung des kurdischen Nordirak dar.
Sicherheitsexperten in der Türkei sehen die Lage dagegen fast umgekehrt. Speziell die Luftangriffe seien ineffektiv, so heißt es, weil die PKK Beobachter an den Militärflughäfen habe, die sofort die Informationen weitergeben, sobald Flugzeuge aufsteigen. In den typischerweise 30 Minuten vom Start bis zum Angriff hätte die PKK meistens Zeit, in Höhlen Zuflucht zu suchen. Von einer Schwächung der PKK könne daher nur sehr begrenzt die Rede sein.
Wie es nun in der Geiselaffäre weitergehen soll, das weiß so recht niemand. Der erste Reflex der meisten Experten war, auf eine baldige Freilassung zu tippen. Die Geiseln würden dann erzählen, wie gut sie behandelt wurden, und die PKK hätte international wieder an Sichtbarkeit gewonnen und Aufmerksamkeit erregt. Inzwischen sagen jedoch manche Beobachter, man befinde sich auf ungewohntem Boden, weil die PKK seit 17 Jahren keine Ausländer mehr entführt hatte.
Man müsste mehr über den zugrunde liegenden Strategiewechsel erfahren. Vielleicht will sich die PKK auch mit einer Dauer-Entführung im Sommerloch ins Rampenlicht der Medien bringen, oder hofft auf Zugeständnisse der deutschen Regierung – etwa Lösegeld, Hafterleichterungen für festgenommene PKKler, oder eine Abkehr von Auslieferungen verurteilter PKK-Kader an die Türkei. Im vergangenen Jahr hatte Deutschland zwei PKK-Führer an die Polizei ausgeliefert.


