Aus dem Haus der Familie Regev im nordisraelischen Städtchen Kiriat Motzkin waren Schreckensschreie zu hören, als die Hisbollah nur wenige Kilometer nördlich, am Grenzübergang Nakura, quälend langsam zwei Särge präsentierte.
Nach zwei Jahren hatten zwei israelischen Familien am Mittwochmorgen endlich Gewissheit: Ihre am 12. Juli 2006 von der Hisbollah entführten Söhne Ehud Goldwasser und Eldad Regev sind tot. Letztlich war das keine Überraschung. Die israelischen Geheimdienste und die Armee waren nach eingehenden Untersuchungen längst zu dem Schluss gekommen, dass die Soldaten den Angriff auf ihren Konvoi und ihre Entführung wahrscheinlich nicht überlebt hatten.
Bis zum Ende hatten die Angehörigen noch Hoffnung
Und doch, ein Rest Hoffnung blieb. Nur wenige Minuten bevor des Hisbollah-Sender al-Manar die Bilder mit den Särgen ausstrahlte, hatte Goldwassers Mutter Miki verkündet, sie sei davon überzeugt, dass beide Soldaten noch lebten. Zudem schien es der Hisbollah besonderes Vergnügen zu bereiten, die Angehörigen mit der Unsicherheit bis zur letzten Minute zu quälen.
Immer wieder wies Vater Schlomo Goldwasser daraufhin, der Generalsekretär der Schiitenmiliz habe nach der Entführung gesagt, es befänden sich zwei lebendige israelische Soldaten in seiner Gewalt. Noch am Dienstag hatte eine libanesische Zeitung berichtet, einer der beiden Soldaten sei bei dem Angriff ums Leben gekommen. Über das Schicksal des zweiten wusste das Blatt nichts zu berichten. So wurde bis zuletzt die Hoffnung auf ein Wunder geschürt.
Als das Wunder dann doch ausblieb, spielten sich vor dem Haus der Familie Regev herzerweichende Szenen ab. Dutzende Nachbarn, Freunde und Familienmitglieder hatten sich eingefunden, um den Austausch auf einem kleinen Fernseher zu beobachten. Sie beteten, weinten und schworen dem Hisbollah-Führer Nasrallah Rache. „Bis zum Schluss haben sie mit unseren Gefühlen gespielt“, sagte eine wütende Nachbarin und schwor: „Nasrallah, dafür wirst du zahlen!“
Eine Verwandte des toten Soldaten fiel in Ohnmacht und musste von den anwesenden Sanitätern versorgt werden. Selbst einige der anwesenden Journalisten schienen für einen Augenblick ihre professionelle Abgebrühtheit zu verlieren, als zahlreiche Kinder aus Nachbarschaft vor dem Haus Trauerkerzen entzündeten. Ein Albtraum habe sein Ende gefunden, wird Schlomo Goldwasser später im Radio sagen. Trotz der Trauer ist ihm eine gewisse Erleichterung anzumerken.
Mit der Überführung der beiden israelischen Soldaten ist das erste Stadium des Austausches vollendet. Während DNA-Tests die Identität der beiden Soldaten bestätigen sollen, warten auf einer Militärbasis im Norden der Terrorist Samir Kuntar und vier weitere Hisbollah-Kämpfer auf ihre Freilassung. Kuntar, ein libanesischer Druse, der bei einem Terroranschlag 1979 in der Stadt Naharija einen Polizisten, einen Familienvater und dessen zwei kleine Töchter kaltblütig ermordet hatte, war am Dienstagabend von Präsident Peres begnadigt worden.
Es sei keine leichte Entscheidung gewesen, sagte Peres und stellte klar, die Begnadigung habe nichts mit Vergebung zu tun. Fünf Stunden später, es ist schon Nachmittag, kommt die Meldung: Bei den sterblichen Überresten handelt es sich um Ehud Goldwasser und Eldad Regev. Das Rabbinat der Armee erklärt beide für tot, und am Grenzübergang Rosch HaNikra beginnt die Überführung von 185 Leichen feindlicher Kämpfer.
Der Hisbollah-Fernsehsender al-Manr ist so begeistert von dem „überwältigenden Sieg über den zionistischen Feind“, dass der Regisseur den Bildschirm vierteilen lässt, um aus möglichst vielen Ecken des Landes gleichzeitig berichten zu können. Im Süden der Hauptstadt Beirut machen sich Menschenmassen auf, um die Freilassung der Gefangenen zu zelebrieren, in dem Dorf Abei wartet die Familie Kuntars sehnsüchtig auf die Rückkehr ihres „Helden“ und anderswo wird gerade ein gelber Plastiktriumphbogen aufgebaut.
Auch das israelische Fernsehen bringt die Bilder: So müssen die Israelis beobachten, wie eine Blaskapelle in der prallen Mittagssonne Position bezieht und ein roter Teppich für die Gefangenen ausgerollt wird. Zahlreiche Straßen im Südlibanon sind wie für einen Festtag geschmückt mit Wimpeln und Postern. Seit Wochen waren die lokalen Druckereien damit ausgelastet, Plakate mit dem Konterfei Kuntars zu drucken.
Israel steht jetzt vor schwierigen Entscheidungen
Es ist kein leichter Tag für Israel. Während im Libanon der brutale mehrfach Mörder Samir Kuntar wie ein Staatsgast vom Präsidenten, Ministerpräsidenten und natürlich dem Generalsekretär der Hisbollah gefeiert wird, müssen in Israel zwei Familien ihre Söhne begraben. Kein Wunder, dass die Emotionen hochschlagen. „Wir hätten Kuntar auch in einem Sarg zurückgeben sollen“, sagt Zvi Regev, der Vater eines der Soldaten.
Der rechte Knesset-Abgeordnete Arie Eldad fordert gar, die Festivitäten im Libanon einfach zu bombardieren. Dennoch gibt es wenig Kritik am Austausch. Es gehört zu den Grundregeln der Armee, niemals einen verwundeten oder gefallenen Soldaten zurückzulassen. Schon in der Grundausbildung üben israelische Soldaten, einen Verletzten auf einer Trage mehrere Kilometer durch die Hitze zu schleppen.
Diese kollektive Verantwortung für das Schicksal jedes einzelnen Soldaten macht die Armee allerdings besonders erpressbar. Fast 5000 palästinensische Häftlinge musste Israel 1983 im Austausch für sechs von der Fatah entführte Soldaten entlassen. Die Freiheit des von der Hisbollah entführten Zivilisten Elchanan Tennenbaum sowie die Auslieferung der Leichen von drei getöteten israelischen Soldaten bezahlte der jüdische Staat 2004 immerhin noch mit 450 Gefangenen und den sterblichen Überresten von 59 Hisbollah-Kämpfern.
Auch bei der jüngsten Austauschvereinbarung scheint das Prinzip der Verhältnismäßigkeit nicht beachtet worden zu sein. Wie kommt es, dass die israelische Regierung für zwei Leichen 185 Leichen überführt sowie einen Topterroristen und vier Hisbollah-Kämpfer freilässt? Die von der Armeeführung immer wieder angeführte Begründung ist so radikal wie einleuchtend: Wenn der Staat seine Bürger als Soldaten an die Front schicke, dann habe er auch die Verantwortung, sie um jeden Preis zurückzuholen – lebendig oder auch tot.
Diese Sichtweise hat sich gegen den entschiedenen Widerstand der verschiedenen Geheimdienstchefs auch dieses Mal im Kabinett durchgesetzt; 22 Minister stimmten am Dienstag für den Austausch, nur drei waren dagegen. Die unschönen Szenen der Feierlichkeiten im Libanon, die Stärkung der Position Nasrallahs in der arabischen Welt und im innenpolitischen Wirrwarr des Libanon – all das nehmen die Minister in Kauf.
Doch so schwer ihnen die Entscheidung gefallen sein mag, Samir Kuntar aus der Haft zu entlassen – es dürften bald noch schwierigere Entscheidungen auf das Kabinett warten. Im Gazastreifen, wo ebenfalls auf der Straße gefeiert wurde, Menschen auf der Strasse tanzten und Süßigkeiten verteilten, sagte Hamas-Sprecher Sami Abu Suri, der Austausch zeige, dass die Entführung von Soldaten der einzig Erfolg versprechende Weg sei, Gefangene freizupressen. Der ehemalige Hamas-Ministerpräsident Ismail Hanija nannte Kuntar einen „arabischen Nationalhelden“ und erinnerte dann daran, dass der israelische Soldat Gilad Schalit noch immer im Gazastreifen gefangen sei.




