Malia und Sasha Obama haben begonnen, was die amerikanischen Medien bewundernd den „Niedlichkeitsfeldzug“ nennen. Das hatten vor 40 Jahren John und Caroline Kennedys Kinder auch getan, aber bei den Töchtern von Barack und Michelle Obama ist mehr im Spiel. Sie steigen raketengleich zu umjubelten Darlings der USA auf, zu Kinderstars, wie sie das Land lange nicht gesehen hat. Der letzte wirklich große Star war vor mehr als einem halben Jahrhundert die weiße Schauspielerin Shirley Temple.
Das fing schon vor einigen Monaten an, mit Sashas kesser Frage an ihren Vater, der auf einem Videoschirm zugeschaltet war: „Papi, wo bist Du jetzt gerade?“ Barack Obama hatte gesagt, er sei gerade in Kansas City. Sasha glaubte gehört zu haben, es sei St. Louis. Oder umgekehrt. Fest steht jedenfalls: Sasha hatte recht.
Eine Botschaft an Amerika
Für Präsident Obama ist das Bild seiner Kinder viel wichtiger als für John F. Kennedy. Malia und Sasha Obama sind nicht einfach nur niedlich und intelligent und aufgeweckt. Sie sind eine soziale und politische Botschaft an Amerika. Sie heißt kurz und bündig: Es gibt in Amerika heile, gut funktionierende schwarze Familien.
Nun sind sie im Weißen Haus, und Malia will an Abraham Lincolns Schreibtisch ihre Schularbeiten machen. An Lincolns Schreibtisch, das ist schon sensationell genug. Aber die eigentliche Sensation sind die Schularbeiten.
Das klingt so selbstverständlich. Aber es ist es nicht, jedenfalls nicht im Unterbewusstsein eines Teils Amerikas. Schwarze Familien gelten dort als zerbrechlich, als unfähig zu Disziplin, anfällig für Kriminalität und als schlechte Vorbilder. Sie gelten als sozialer Abgrund. Schwarze Jugendliche, finden viele Eltern, auch unter Anhängern der Demokratischen Partei, verführen mit Rap und Hip-Hop und ihren plumpen Rapper-Jeans die eigenen wohlerzogenen Kinder zu Unsinn. Die Frage von Wohnungssuchenden, ob es in der Umgebung „Mitternachts-Basketball“ gebe, ist eine verdeckte Äußerung rassistischer Gefühle. Denn nur schwarze Jugendliche, so heißt es, dürften nachts unbeaufsichtigt auf die Straße. Nur sie kämen auf die Idee, in den schwülheißen Sommernächten auf öffentlichen Sportplätzen ohne Rücksicht auf die Anwohner Basketball zu spielen. Und nur sie kämen anschließend womöglich auf weitere schlechte Ideen.
Der Eindruck, schwarze Familien seien defekt, hat Folgen bis weit in die hohe Politik hinein. Staatliche Sozialhilfe stößt auf Ablehnung, weil Sozialhilfe kaputte schwarze Familien angeblich noch kaputter macht. Staatliche Schulpolitik stößt auf Misstrauen, weil die Schulreformer Leistungsanforderungen für kaputte schwarze Familien angeblich immer weiter nach unten schrauben. Steuernachlässe für Kleinverdiener stoßen auf Kritik, weil unwillige kaputte schwarze Familien angeblich auch noch darin bestätigt werden, dass Leistung nicht nötig ist. Die Antiraucher-Kampagne entsprang der Idee, man müsse verhindern, dass schon Kinder im Grundschulalter nikotinsüchtig werden. Gemeint war natürlich: schwarze Kinder im Grundschulalter. Und so lässt sich die Liste fortsetzen.
Und nun kommen Malia und Sasha. Sie gehen auf die Sidwell Friends School, das ist eine teure, aber nicht superteure Privatschule an der Wisconsin Avenue, ungefähr drei Kilometer vom Weißen Haus entfernt. Die private, von Quäkern gegründete und geführte Schule war bereits die Schule von Chelsea Clinton und Tricia Nixon. Auch die Enkel des künftigen Vizepräsidenten Joe Biden lernen dort. Die Schule legt Wert auf soziales Engagement. Mitarbeiter von Obdachlosenküchen kommen in die Klassen, und Schüler besuchen ein in der Nähe gelegenes Altenheim. Neuerdings bietet Sidwell Chinesischkurse an, auch für Grundschüler. Tochter Sasha könnte den chinesischen Präsidenten Hu Jintao dann im Weißen Haus mit „Ni hao?“ begrüßen. Tochter Malia könnte das auf Russisch für Dmitri Medwedjew tun, denn für die Mittelstufe gibt es Austauschprogramme mit Schulen im britischen York und in Moskau.
Für die schwarzen Töchter des ersten schwarzen Präsidenten gibt es keine Extrawürste. Auch das ist eine politisch wichtige Botschaft für viele Amerikaner, gerade für Konservative, die Obama ja ebenfalls für sich gewinnen möchte. Die ganze Politik der „affirmative action“, der Quotenzuteilung von Ausbildungsplätzen nach der Hautfarbe, gilt solchen Amerikanern als Bevorzugung ohne Nachweis einer Leistung.
Die Erinnerungen sind noch lebendig
Die Erinnerung daran, wie das anfing, ist ebenfalls noch lebendig. Es war das sogenannte „busing“, die Verfrachtung von Schülern aus reichen Vierteln in arme und umgekehrt. Das hatte der Oberste Gerichtshof vor 50 Jahren angeordnet, um die Rassenschranken aufzubrechen. Für weiße Familien war es ein unerhörter Eingriff in ihre Lebenswelt. Sie verbanden das mit schwarzen Kindern, was nicht gut für das Image schwarzer Kinder war. Die Vorurteile waren da, und viele Weiße hielten an ihnen fest. Der Widerstand gegen eine Sozialpolitik im europäischen Sinn kommt aus solchen Erinnerungen.
Aber auch hier gibt es jetzt Sasha und Malia. Jenseits der großen Städte sehen viele Amerikaner zum ersten Mal solche leistungswilligen, erzogenen schwarzen Kinder. Es gibt in den USA natürlich hunderttausende solcher Kinder, aber sie lebten eher verborgen. Der schwarze Mittelstand drängte nicht in die Öffentlichkeit.
Die heile Familie Obama ist das Ergebnis der strengen, zielbewussten Erziehung und Fürsorge ihrer Mutter. Michelle Obama war bis zum Beginn des Wahlkampfs immer für die Töchter da. Ihr Vater weniger. Er hatte seit 1996 Politik im Kopf, und war erst im Landtag seines Heimatstaates Illinois, dann im amerikanischen Oberhaus in Washington aushäusig. Der Landtag liegt 300 Kilometer von Chicago weg, der amerikanische Senat 1400 Kilometer. Barack Obama war unter der Woche selten da.
Deshalb sind Sasha und Malia auch ein sehr sichtbares Zeichen für die Kraft und den Mut schwarzer Mütter. Das ist eine sehr überfällige Ehrenrettung. Das ganze soziale Bild der schwarzen Bevölkerung wird durch Obamas beide Töchter sehr wirksam umgestoßen. Zweifellos hatten beide Obamas durch ihre gute Ausbildung einen enormen Vorteil gegenüber vielen Gettobewohnern in heruntergekommenen Stadtteilen. Aber auch Michelle Obamas Eltern haben sich irgendwann hochgearbeitet und sind aus dem Getto herausgekommen. Der Erfolg ist nun in den Kindern im Weißen Haus zu sehen. Es gibt neue Vorbilder für amerikanische Kinder. Sie eröffnen eine neue Sichtweise auf die Chancen, die Amerika allen Kindern bietet.
Die Medien werden das nicht ausschlachten können, so wie sie wollen. Barack Obama hat betont, die Privatsphäre seiner Kinder schützen zu wollen. Obama hat keinen Zweifel daran gelassen, dass er Zudringlichkeiten von Medien gegen die Töchter scharf ahnden will. Die Reporter der Zeitungen, die diese Regel ignorieren, werden in der „Air Force One“ nicht mehr mitfliegen dürfen.
Die Medien werden das Gebot beachten. Denn die meisten Journalisten und die meisten Amerikaner haben instinktiv erfasst: Die heile Welt der Familie Obama ist neben dem Amtseid ihres Vaters die wichtigste politische Botschaft, die die Familie Obama der Nation zu bieten hat. Es ist wahrscheinlich die wichtigste überhaupt.
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