Bei den schweren Unruhen in Griechenland sind nach Behördenangaben bislang 34 Menschen verletzt worden. Eine Frau habe eine schwere Kopfverletzung erlitten, hieß es am Sonntag weiter. Fernsehsender berichteten von mindestens fünf weiteren Personen, die in Krankenhäusern behandelt würden. Nach Medienberichten wurden in Athen im Laufe des Tages vier Polizisten und sechs Demonstranten verletzt, mehr als 30 Geschäfte und ein Dutzend Banken gingen in Flammen auf. In Athen nahm die Polizei mindestens 13 Menschen fest, mehrere davon wegen Plünderungen. Die Ausschreitungen dauerten auch am Sonntagabend an.
Auslöser der schwersten Unruhen in Griechenland seit mehr als zwei Jahrzehnten ist der Tod eines 15-Jährigen durch eine Polizeikugel in Athen. Der Jugendliche war am Samstagabend bei Zusammenstößen In der Hauptstadt zwischen Autonomen und Sicherheitskräften ums Leben gekommen. Jugendliche Demonstranten warfen daraufhin Brandsätze, demolierten Autos und Fensterscheiben.
Hunderte Menschen litten unter Atemwegebeschwerden durch Tränengas, das die Polizei massiv einsetzte, um die Randalierer auseinander zu treiben. Demonstranten warfen dutzende Brandflaschen auf die Eingänge von Supermärkten, Banken und Geschäften im Athener Stadtzentrum. Rauchschwaden stiegen in den Himmel. Die Lage hatte sich am Abend zwar leicht entspannt. „Von Entwarnung kann jedoch nicht die Rede sein“, sagte ein Polizeioffizier im Rundfunk.
Rund 1000 Jugendliche hätten sich in den Gebäuden des Polytechnikums im Zentrum Athens verbarrikadiert und warfen immer wieder Brandflaschen auf die Polizei. Die Behörden befürchten, dass sich die Unruhen auch in der Nacht fortsetzen.
Mehrere tausend Autonome und andere Linksgerichtete sowie Mitglieder von Menschenrechtsorganisationen protestierten am Sonntag gegen den tragischen Zwischenfall. „Mörder, Mörder“ skandierten die Demonstranten, als sie sich der Polizeidirektion von Athen an der Alexandras Chaussee näherten, wie das Fernsehen berichtete. Griechische Autonome greifen seit Jahren immer wieder Polizisten an und verüben Brandanschläge auf Banken und Autos im Zentrum Athens.
Zu Zusammenstößen nach dem tödlichen Schuss kam es auch in der zweitgrößten griechischen Stadt Thessaloniki. Hier warfen Demonstranten Brandsätze auf die Polizei, setzten eine Bank in Brand und verwüsteten Geschäfte. Auch in Komotini und Ioannina im Norden des Landes gab es wie auf den Ferieninseln Kreta und Korfu und in der Hafenstadt Patras Ausschreitungen.
Der 37 Jahre alte Polizist, der den tödlichen Schuss abgegeben haben soll, wurde am Sonntag verhaftet. Er sagte aus, er habe lediglich drei Warnschüsse abgefeuert. Einer davon habe den Jugendlichen als Querschläger getroffen. Zuvor habe eine Gruppe Autonomer seinen Streifenwagen, in dem er zusammen mit einem Kollegen gesessen habe, mit Steinen angegriffen.
Nach Darstellung von Augenzeugen soll es jedoch nur zu einer verbalen Auseinandersetzung zwischen den Autonomen und der Besatzung des Polizeiwagens gekommen sein. Anschließend habe der Polizist direkt in die Richtung des Jungen geschossen. „Es war kaltblütiger Mord“, meinte ein Augenzeuge im Radio. Der griechische Staatspräsident Karolos Papoulias übte indirekt Kritik an dem Vorgehen der Polizei. Die Rechtstaatlichkeit sei durch diese Ereignisse verletzt worden.
Die Staatsanwaltschaft wirft dem einen Polizisten Totschlag und dem anderen Beihilfe zum Totschlag vor. Die beiden Beamten wurden nach Polizeiangaben in Untersuchungshaft genommen. Innenminister Prokopis Pavlopoulos wies vorschnelle Schuldzuweisungen zurück und erklärte: „Wir warten auf die gerichtsmedizinischen Ergebnisse.“ Die Verantwortlichen würden zur Rechenschaft gezogen. Ministerpräsident Kostas Karamanlis sprach der Familie des Opfers sein Beileid aus. Ein Rücktrittsangebot des Innenministers lehnte er ab.
dpa/AFP/REUTERS/lha




