Seit dem 4.November befindet sich der US-Präsident im Wartestand Barack Obama in der ebenso luxuriösen wie surrealen Lage eines Theaterstars, der von der Loge aus ein Stück mit sich selbst in der Hauptrolle verfolgt. Alle anderen Darsteller spielen und schmeicheln zu ihm hinauf, ignorieren seine Zweitbesetzung auf der Bühne: von Dmitri Medwedjew, der beim G-20-Gipfel in Washington konziliante Töne findet, bis zu Hillary Clinton, die ein Angebot Obamas, seine erste Wahl im US-Außenamt zu sein, überdenkt. Von den Medien, die seine Kühnheit rühmen, Ernst zu machen mit einem „Team der Rivalen“ im Kabinett bis zu Republikanern, die einräumen, Obama zeige bei seinen ersten Ernennungen eine glückliche Hand.


Nicht einmal zwei Wochen nach der Wahl werden Fach- und Kopfnoten vergeben, und Barack Obama kommt gut weg – außer bei der US-Linken. Sie verfolgt enttäuscht, nicht wirklich überrascht, wie der Held großmütige Versöhnungsgesten gegenüber seinen alten Gegnern zeigt: Hillary Clinton zuförderst, die Obama noch vor Monaten wie einen grünen Jungen behandelte, der sich anmaßt, in der Champions League der Politik mitzuspielen.

Mit Joe Lieberman, Senator aus Connecticut, Al Gores Vize-Partner 2000, John McCains Busenfreund und unter Demokraten als „Verräter“ verachtet, will Obama keine Händel haben, erst recht keine Rachegelüste; Rahm Emanuel, seine Wahl als Stabschef im Weißen Haus, gilt als knallharter Pragmatiker, der den Republikanern Respekt abtrotzt und den erstarkten linken Flügel der Demokraten im Kongress beschneiden soll, wenn der zu eitel schlägt; sogar Verteidigungsminister Robert Gates, auch von dem Irakkriegsgegner Obama geschätzt, könnte, so heißt es, womöglich noch ein Jahr im Amt bleiben.

Zu viel der Überparteilichkeit, hört man auf der Linken raunen. Wo bleibe der radikale „Wandel“ Washingtons? Obama dürfe nicht jedes seiner Prinzipien und Versprechen den Nöten der Weltwirtschaftskrise opfern. Mit einem gewissen Recht wird darauf hingewiesen, dass ein großer Teil der Mitarbeiter im Übergang zum 20.Januar an ein „Clinton-Recycling“ erinnert. Rahm Emanuel verdiente sich unter Bill Clinton seinen Ruf, ein begnadeter Manipulator und Verhandler zu sein; Gregory Craig, Obamas Wahl als erster „Kronanwalt“ im Weißen Haus, führte Bill Clintons Verteidigungsteam im Impeachment-Verfahren; Craig diente Obama vor den drei TV-Debatten als Sparringspartner in der Rolle McCains. Das Angebot an Hillary Clinton, seine Außenministerin zu werden, lässt endlich ahnen, dass Obama meint, was er in seiner Siegesrede in Chicago sagte: „Ich werde Euch zuhören, besonders, wenn wir uneins sind.“

Moskau gratulierte Barack Obama am 5.November mit der Drohgebärde, Kurzstreckenraketen in Kaliningrad zu installieren, falls der US-Raketenschirm sich über Polen und Tschechien erstrecke. Erst jetzt lenkte Präsident Dmitri Medwedjew ein; Russland werde nichts unternehmen, bevor nicht Amerika (provozierend) handle. Zwar gebe es eine „Vertrauenskrise“, doch sei er bereit, in einem baldigen Treffen mit Präsident Obama auf eine strategische Partnerschaft hinzuarbeiten. Man sagt, die Teilnehmer des G-20-Gipfels hätten mit Genugtuung bemerkt, dass Barack Obama ihnen nicht die Schau stahl, sondern Bush gewähren ließ und in seiner Loge blieb.

Zu den netten Harmlosigkeiten des Übergangsregimes zählt die Nachricht, Obama müsse nach dem Amtseid spätestens seinen geliebten Blackberry abgeben und seine Sucht bekämpfen wie zuvor seine Nikotinabhängigkeit. Vor allem Sicherheitsgründe erzwängen den Verzicht. Aber auch ein Gesetz, das jede schriftliche oder mündliche Lebensregung eines US-Präsidenten zum (eines Tages) öffentlichen Beweisstück seiner Amtsführung erhebt. Es gab auffällig wenig Witzeleien der Late-Night-Talker über die rituelle Kodenamensgebung des Secret Service: der Präsident wird „Renegade“ sein, seine Gattin Michelle „Renaissance“, die ältere Tochter Malia „Radiance“ und Sasha „Rosebud“, mit Ehrfurcht ausgesprochen von jedem Filmfan seit Orson Welles „Citizen Kane“.

Mehr Spott zog der sieben Seiten und 63 Punkte umfassende Fragebogen für Jobbewerber bei Obama auf sich. Rund 3000 Positionen muss seine Regierung füllen. Sämtliche Einkünfte, Strafzettel (über 50 Dollar), Online-Pseudonyme, Tagebuch-Gewohnheiten, ohne Sozialversicherung beschäftigte Putzfrauen – alles wird bei Bewerbern abgefragt. Die Fragebögen seien blühende Paranoia, sagen manche, hinter der selbst die Bush-Regierung zurückbliebe.