Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit hat eine größtenteils weiße Nation einen schwarzen Mann in ihr höchstes Amt gewählt. Und die kulturelle Bedeutung dieser bisher einmaligen Konvergenz von dunkler Haut und ultimativer Macht wird wohl – wenigstens eine Zeit lang – zur nationalen Obsession werden. Tatsächlich wird die Präsidentschaft Obamas für alle Zeit als Allegorie gelesen werden. Schon wir Zeitgenossen sind auf ihre kulturelle Bedeutung genauso gespannt wie auf ihren politischen Stellenwert.
Bedeutet Obamas Erfolg, dass Amerika den Rassismus nun offiziell überwunden hat? Ist das Werk der Bürgerrechtsbewegung endlich insofern vollendet, als der Rassismus als Erklärung schwarzer Erschwernis ausfällt? Können die guten Reverends Jackson und Sharpton sich beruhigt in einem Seebad zur Ruhe setzen? Wird Obamas Sieg die Zwillingsstigmata beseitigen, die schwarze und weiße Amerikaner so lange gequält haben – dass nämlich Schwarze an sich unterlegen und Weiße an sich rassistisch seien? Entlarvt ein schwarzer Mann im Oval Office nicht sowohl die schwarze Unterlegenheit wie den weißen Rassismus als Lüge? Bedeutet es nicht, dass Amerika eine „postethnische“ Gesellschaft ist? Und sollten jene unter uns – weiß oder schwarz –, die nicht für Obama gestimmt haben, nicht stolz sein auf das, was dieser Sieg über unsere Kultur verrät, selbst wenn wir gerade unsere politische Niederlage beklagen?
Auf solche Fragen mit Nein zu antworten ist, als sagte man Nein zu jeglicher Form von Idealismus; es wirkt unreif. Wie könnte ein anständiger Mensch nicht auf all diese Möglichkeiten hoffen oder Amerika die Wahl seines ersten schwarzen Präsidenten nicht hoch anrechnen? Und doch war ein Element von Barack Obamas Erfolg, dass er den Idealismus als politischen Muskel gebrauchte. Sein Talent bestand darin, eine idealisierte Vision eines postethnischen Amerikas zu entwerfen – und diese Vision dann zur Definition politischen Anstands zu machen.
Obamas besonderes Charisma verdankte sich – seit seiner berühmten Parteitagsrede von 2004 – stets eher dem ethnischen Idealismus, den er verkörperte, als seinen politischen Ideen. In der Tat war er politisch nur in dieser Hinsicht wahrhaft originell. Seine Ansichten zur Wirtschaftspolitik verdankten sich den Umverteilungsgrundsätzen eines altmodischen Keynesianimus; seine sozialen Überlegungen waren rec1ycelte „Great Society“. Aber diese politischen Textbausteine wurden durch den träumerischen postethnischen und postideologischen Kitsch aufgefrischt, in die er sie hüllte – den Hauch des „Wandels“.
Politisch funktionierte das für ihn, weil hier eine tief gehende amerikanische Sehnsucht angezapft wurde – die Sehnsucht der Weißen, dem Stigma des Rassismus zu entkommen. Als Präsidentschaftskandidat – der sich einer mehrheitlich weißen Nation zur Wahl stellte – wusste Obama intuitiv, dass er es mit einem stigmatisierten Volk zu tun hatte. Er wusste, dass Weiße als vorurteilsbeladen stigmatisiert waren und dass sie diesen Zustand hassten und sich nach Wegen, das Stigma zu widerlegen, buchstäblich sehnten.
Obama ist, was ich einen „Händler“ genannt habe – ein Schwarzer, der Weißen sagt: „Solange du meine Hautfarbe nicht gegen mich verwendest, werde ich dich nie für einen Rassisten halten.“ Weiße begeistern sich für solche Händler, dankbar für die Unschuldsvermutung, die diese anbieten. Händler lindern ihr Unbehagen, weiß zu sein; Händler werden, weil sie Vertrauen schenken, oft mit einem Nimbus belohnt.
Obamas postethnischer Idealismus versprach den Weißen, was sie hören wollten: Amerika habe den Rassismus so weit eingedämmt, dass er nicht länger ein ernsthaftes Hindernis für den Aufstieg von Schwarzen sei. So von Obama entzückt, wurden die Weißen seine politische Basis. Es war Iowa – zu 95 Prozent weiß –, das ihn zum Mitbewerber machte. Die Schwarzen hingegen wurden ihm erst beschert, als er genug weiße Wähler gewonnen hatte, um als plausibler Kandidat zu gelten.
Natürlich ist es wahr, dass das weiße Amerika in den vergangenen 40 Jahren enorme Fortschritte darin gemacht hat, den Rassismus zu zügeln. Beispielsweise glaube ich, dass Colin Powell womöglich zum Präsidenten gewählt worden wäre, wäre er 1996 gegen einen eher schwachen Bill Clinton angetreten. Eben weil Amerika in ethnischen Fragen so dramatische Fortschritte gemacht hat, reiben sich die Weißen ja so am Stigma des Rassismus. Daher glaube ich, dass die Weißen weniger Wandel von Obama wollen als vielmehr den Beleg für einen Wandel, der bereits stattgefunden hat. Zuallererst wollen sie ihn als Beweis, Bestätigung und Anerkennung im Weißen Haus.
Doch in alldem steckt ein innerer Widerspruch. Wenn Weiße – insbesondere die jüngere Generation – stolz Obama unterstützen, weil er postethnisch ist, wird die Rasse unbeabsichtigt zu ihrem vorrangigen Motiv. Sie denken und handeln ethnisch, nicht postethnisch. Eine solche postethnische Gesellschaft ist der Trick eines Händlers: Er bringt Weiße, die von der eigenen ethnischen Unschuld träumen, dazu, aus ethnischen Motiven heraus zu agieren.
Wer wirklich postethnisch denkt hingegen, mit dem könnte man nicht handeln, ihn würde weder die Zurschaustellung noch die Dokumentation seiner ethnischen Unschuld interessieren. Die Einschätzung Obamas durch eine solche Person wäre eher politisch als kulturell bestimmt.
Gewiss hat nicht dieser Handel allein zu Obamas Sieg geführt. Er war ein talentierter Wahlkämpfer. Er äußerte sich zu vielen Themen beruhigend deutlich – für einen Präsidenten eine Qualität, nach der sich die Amerikaner mittlerweile verzehren. Und in den letzten Wochen wurde er von den wirtschaftlichen Schrecken, die das Land heimsuchen, deutlich begünstigt. Doch es war die spezifische kulturelle Manipulation des ethnischen Handels, die ihn überhaupt auf die politische Tanzfläche brachte. Sie überhöhte ihn als Kandidaten und könnte ihn sehr wohl auch als Präsidenten überhöhen.
Nichts deutet darauf hin, dass Obama Amerika zu einer wahrhaft postethnischen Gesellschaft machen wird. Seine Art Wahlkampf zeigte ihn als Optimierer des Status quo, nicht als Revolutionär. Kulturell und ethnisch wird Amerika nach Obama wohl da stehen, wo er es vorfand.
Doch was ist mit den schwarzen Amerikanern? Wird Obamas Präsidentschaft uns endlich über die jahrhundertealte Kluft der Entfremdung zu der Erkenntnis führen, dass Amerika wirklich unsere Heimat ist? Könnte dieser Meilenstein dem schwarzen Amerika nicht einen neuen Nationalstolz bescheren? Und wäre nicht allein das revolutionär?
Wie die meisten Amerikaner würde ich liebend gern erleben, wie eine Präsidentschaft Obamas die Dinge in diese Richtung stupst. Realität jedoch ist die tief greifende Ungleichheit zwischen schwarzen und weißen Amerikanern, die auch im leuchtenden Schein einer Präsidentschaft Obamas fortbestehen wird. Die schwarze Illegitimitätsrate bleibt bei 70 Prozent. Beim School Assessment Test (einem universitären Aufnahmeverfahren, d. Red.) schnitten die Schwarzen im Jahr 2000 schlechter ab als noch 1990. 55 Prozent aller bundesstaatlichen Häftlinge sind schwarz, obwohl wir nur 13 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Auch akademisch bleibt eine Kluft, obwohl es eine schwarze Mittelklasse gibt. Aufgrund dieser Ungleichheit werden Schwarze auch weiterhin der Unterlegenheit und Weiße weiterhin des Rassismus bezichtigt werden, ungeachtet des Melaningrads in der Präsidentenhaut.
Unter der Folter des ethnischen Konflikts spuckt Amerika periodisch ein neues Vertrauen auf einen Idealismus aus, der uns „zu überwinden“ helfe – Amerikas liebster Begriff. Dazu braucht es nur die richtige Inspiration, ein heldenhaftes Vorbild, eine Symbolik der Hoffnung, einen neuen Möglichkeitssinn. Es ist eine kulturelle Gewohnheit Amerikas, die ethnischen Spannungen auszuhalten, indem es periodisch auf kleinen Inseln frischer Hoffnung landet. Doch eine wahre Reform gibt es erst, wenn die Menschen von ihrem Leid erschöpft sind. Dann schert es sie nicht, wer Präsident ist. Präsidenten folgen der Kultur; sie gehen ihr nicht voran. Ich hoffe auf einen kompetenten Präsidenten.
Der Autor ist einer der bekanntesten konservativen Intellektuellen Amerikas. Der Sohn eines schwarzen Vaters und einer weißen Mutter ist Soziologe an der Stanford University.
Übersetzung von Wieland Freund




