Bewegende Erinnerungen

Holocaust-Überlebender erzählt von den Pogromen 1938

Kein Applaus, aber stilles Innehalten aller Teilnehmer nach der ergreifenden Rede des Publizisten und Holocaust-Überlebenden Ernst Cramer: Zu einer Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der Pogrome kamen am Abend mehrere Hundert Menschen ins Jüdische Gemeindehaus an der Fasanenstraße.

Foto: DDP / AP

Ernst Cramer, Vorsitzender der Axel-Springer-Stiftung, appellierte, die sechs Millionen ermordete Juden nicht zu vergessen. Er selbst denke besonders an seine Mutter, seinen Vater und an seinen jüngeren Bruder, deren Spur er vergeblich versucht habe zu finden. Sie waren in den Passionstagen vor Ostern 1942 deportiert worden.

Zuvor hatte der heute 95-Jährige auf der Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der Pogrome in Berlin über seine Deportation in das Konzentrationslager Buchenwald im November 1938 und die dortigen Zustände berichtet. In bewegenden Worten erinnerte er daran, was heute vor 70 Jahren geschah, jede Einzelheit habe er in seinem Gedächtnis bewahrt: „Wir waren in einer Unterführung im Bahnhof Weimar. Wenn ich von ,wir' spreche, meine ich meine Freunde aus einem landwirtschaftlichen Umschulungslager, die mit mir verhaftet wurden, und einige Hundert schlesischer Juden, die alle nachts unter SA-Bewachung in einem Eisenbahnzug hierher gekommen waren.“ Am Abend zuvor waren er und die anderen Verhafteten aus ganz Schlesien zu einem Güterzug gebracht worden. „Ein merkwürdiger, geisterhafter Zug schleppte sich durch das regennasse, neblige Breslau. Jeder Reihe von Inhaftierten folgten etliche Bewacher, die teils in verschiedenen Uniformen, teils in Straßenkleidung waren und Knüppel, Bajonette und andere Schlaginstrumente bei sich hatten. Die Straßen wurden gesäumt von gaffenden Zuschauern, die sich meist nicht schweigsam verhielten, sondern uns verhöhnten.“ Der 9. November in der deutschen Geschichte sei „ein vertrackter Tag, ein Tag der Hoffnung und Freude, aber auch ein Tag der übelsten Verbrechen und Missetaten“. Mit Freude erinnere er sich an den 9. November 1918. „Damals – ich ging noch nicht einmal zur Schule – erfuhr ich, dass mein Vater bald ohne Uniform heimkommen würde, denn der Kaiser habe abgedankt, und der Krieg sei so gut wie vorüber.“ Mit noch viel größerer Begeisterung erinnere er sich an den 9. November 1989: „Als damals die Mauer fiel, war einer meiner Träume Wirklichkeit geworden.“

Die Novemberpogrome von 1938, die im Volksmund verharmlosend als „Reichskristallnacht“ weiterlebten, seien lediglich das Vorspiel und die Hauptprobe zum Holocaust gewesen. Zwar hätten auch in seiner Familie in jener Nacht die „Horden gewütet“, doch seien die materiellen Verluste fast unwichtig, wenn er an das spätere Schicksal seiner Familie denke.

Cramer hatte Deutschland 1939 verlassen dürfen und war über Holland und England in die USA ausgewandert.

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