70 Jahre Pogromnacht

Am Ende überwältigte die Trauer Charlotte Knobloch

70 Jahre ist es her, seit Juden in Deutschland bei der sogenannten Reichskristallnacht Opfer brutaler Attacken und Gewalt wurden. Doch immer noch löst das Gedenken an diesen dunklen Tag in der deutschen Geschichte Trauer aus. Bei der Gedenkfeier in der Synagoge Rykestraße flossen viele Tränen.

Am Ende überwältigt die Trauer Charlotte Knobloch. Ein Schluchzen bricht aus ihr heraus. Mühsam nur kommt der Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland ihr letzter Satz über die Lippen. Es ist eine Botschaft an junge Menschen, in Anlehnung an ein Zitat des Auschwitz-Überlebenden Henrik Mandelbaum: „Ich bitte Euch um alles auf der Welt, lasst Euch von niemandem einreden, wen Ihr zu lieben und wen Ihr zu hassen habt.“ Tiefe Stille herrscht in der vor zwei Jahren wiedereröffneten Berliner Synagoge Rykestraße, als die 76-Jährige vom Rednerpult hinabsteigt.

Respekt vor dem großen Gefühl lässt auch die wenigen applaudierenden Hände erstarren. Der Liedermacher und Berliner Ehrenbürger Wolf Biermann etwa, sonst um einen Kommentar selten verlegen, scheint völlig in seinem Sitz zu versinken.

Die zentrale Gedenkveranstaltung des Zentralrats und der Bundesregierung zum 70. Jahrestag der Pogromnacht vom 9. November 1938 hatte am Sonntag in einer Rede Knoblochs ihren berührendsten Moment. Die Münchnerin schilderte den Zuhörern, unter ihnen auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), wie sie als kleines Mädchen jene Schreckensnacht erlebte, in der Nazis in Deutschland und Österreich Synagogen in Brand steckten, jüdische Geschäfte plünderten und zehntausende Menschen verschleppten.

An der Hand ihres Vaters, eines Rechtsanwaltes, sei sie durch ihre Heimatstadt getaumelt, die so plötzlich ihre Heimat nicht mehr gewesen sei, vorbei an zerstörten Geschäften und der Rauchsäule über der Synagoge, vorbei auch an tatenlosen Zuschauern – an „teilnahmslosen „Gaffern“, entfuhr es Knobloch.

Knoblochs Vater erhielt eine Warnung

Ihr Vater habe damals eine Warnung erhalten, dass etwas im Gange sei. Durch einen Anruf habe er dann erfahren, dass SA-Schläger auch schon in seiner Anwaltskanzlei warteten. Als Vater und Tochter zu einem Freund der Familie gingen, hätten sie gesehen, wie Schergen den Freund gerade mit blutendem Kopf in ein Auto stießen. Sie sahen ihn niemals wieder.

„Das kleine Mädchen verstand nichts und verstand doch alles“, sagte die 76-Jährige. „Die Tränen damals begleiteten mich ein ganzes Leben“ – wie wohl alle ihrer Generation, die den Mord an den europäischen Juden überlebten.

Knobloch erinnerte sich auch daran, dass sich ihr Vater bei der Anwaltskammer darum bemühte, seine Zulassung als Rechtsanwalt, die ihm als Jude entzogen worden war, zurück zu erhalten. Er sei mit seinen Auszeichnungen als Soldat im Ersten Weltkrieg hingegangen. „Sie haben ihn ausgelacht“, sagte Knobloch. Die Bitternis ihrer Erinnerung war am Sonntag auch noch auf dem letzten der gut 1200 Plätze in der Synagoge Rykestraße zu spüren.

Die Rede der Zentralrats-Präsidentin ließ aufscheinen, wie tief sich Menschen in der Seele verletzt fühlen können, wenn Politiker, Ökonomen oder andere, die mit drastischen Vergleichen ein Achtungssignal setzen wollen, aus ihrer Sicht achtlos mit Nazi- Vergleichen hantieren.

Knobloch kritisierte Ministerpräsident Wulff

In wenigen dürren Worten, die aber ihre Wut umso mehr herauskehrten, ging Knobloch vor den vielen geladenen Gästen aus Politik und Gesellschaft nochmals auf Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) ein, auch ohne seinen Namen zu nennen. Der CDU-Politiker hatte in einer Fernsehsendung massive Kritik an hohen Managergehältern mit einer „Pogromstimmung“ verglichen. „Dieses mangelnde Geschichtsbewusstsein ist nicht hinzunehmen“, sagte die Zentralratspräsidentin.

Wulff entschuldigte sich später für den Vergleich. Doch der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan Kramer, ärgert sich weiterhin. Da ließen Politiker so viele Bildungsprogramme zum Nationalsozialismus für Schüler erarbeiten. Selbst aber hätten Leute wie Wulff immer noch nicht verstanden, was sie anrichten, wenn sie mit solchen Begriffen spielen, sagte Kramer.

Auch 2000 Berliner haben am Sonntag an einen Gedenkweg zur Erinnerung an die antisemitische Pogromnacht teilgenommen. Unter dem Motto „Zeit vergeht – Verantwortung nicht“ liefen die Teilnehmer, darunter auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), am Nachmittag vom Roten Rathaus über den Berliner Dom und die St. Hedwigs- Kathedrale zur Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße. „Sich der Verantwortung zu stellen, sich zu erinnern und nicht zu vergessen, ist eine Aufgabe, der wir uns heute stellen“, sagte Wowereit.

Zum Gedenkweg hatten die beiden großen Kirchen in Berlin aufgerufen. Auch die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind, nahm daran teil. Mit dem Gedenkweg „wollen Christen an die Opfer der Schoah erinnern und für die Schuld der Kirchen Verantwortung übernehmen“, betonten der Bischof und EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber und der katholische Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky.