Es ist der erste Tag der historischen US-Wahl und der designierte US-Präsident Barack Obama bereitet sich auf seine Amtsübernahme im Weißen Haus vor. Nach seinem Wahlsieg ernannte er ein Übergangsteam, das den Regierungswechsel vorbereiten soll und in dem auch enge Mitarbeiter des früheren demokratischen Präsidenten Bill Clinton vertreten sind. Doch was kann man wirklich von Obamas Regierung erwarten?
Morgenpost Online:
Herr Lunch. Was hat Sie als amerikanischer Politikwissenschaftler am Wahlabend am meisten überrascht?
Bill Lunch:
Für mich war es überraschend, dass die amerikanischen Wähler, viele von ihnen sind weiß, tatsächlich einen Afroamerikaner zum neuen Präsidenten gemacht haben. Ich beobachte die politischen Prozesse in diesem Land schon lange, doch ich hätte nicht gedacht, dass das noch zu meinen Lebzeiten passieren würde.
Morgenpost Online:
Aber die Umfragen hatten einen Sieg Obamas vorausgesagt. Vertrauen sie den Meinungsforschern nicht?
Bill Lunch:
Ich habe durchaus Vertrauen in meine Kollegen. In einem anderen Leben könnte ich glatt selbst ein Meinungsforscher sein. Doch es gab gute Gründe für die Annahme, dass viele weiße Wähler nicht so abstimmen würden, wie sie in Meinungsumfragen angegeben hatten – Stichwort Bradley-Effekt. Ich konnte nicht glauben, dass genügend weiße Wähler für Obama stimmen würden. Nehmen Sie zum Beispiel Oregon: Hier leben nur sehr wenige Schwarze. Doch Obama hat den Staat mit deutlicher Mehrheit gewonnen. Ich sehe die Tatsache, dass er die Präsidentschaftswahl für sich entschieden hat, als großen Schritt nach vorn bei der Überwindung der Rassenproblematik.
Morgenpost Online:
Warum ist es so gekommen? Warum hat Obama gewonnen?
Bill Lunch:
In diesem Jahr hätte auch jeder andere Demokrat gewonnen. Hillary Clinton hätte gewonnen, John Edwards hätte gewonnen. Das Klima war einfach gut für die Demokraten. Mit der Bush-Regierung waren die Amerikaner sehr unglücklich. Sie sehnten sich nach einem Machtwechsel und danach, die Republikaner aus dem höchsten Amt zu verdrängen. Das ist der wichtigste Grund.
Morgenpost Online:
Was spielte sonst noch eine Rolle?
Bill Lunch:
Auf jeden Fall die Wirtschaftskrise. Fannie Mae, Freddie Mac, Lehman Brothers, AIG, dazu die schwierige Lage auf dem Arbeitsmarkt – all das hat vielen Amerikanern eine Heidenangst eingejagt. Und wir wissen, dass seit 1930, wenn nicht nochfrüher, wirtschaftliche Probleme immer das zentrale Thema für die Entscheidung der Wähler waren. Auch das hat den Demokraten in diesem Jahr geholfen. Der Irak-Krieg war ein weiterer Faktor. Viele Wähler fanden einfach, es sei an der Zeit, die andere Partei an die Macht zu bringen, also die Demokraten.
Morgenpost Online:
Heißt das, McCain hatte schlicht nie eine Chance?
Bill Lunch:
Jeder Republikaner hätte bei dieser Wahl Probleme gehabt. Viele hätten sicher ein schlechteres Ergebnis erzielt als McCain. Das heißt aber nicht, dass er keine Fehler gemacht hätte. Seine große Fehlentscheidung war es, nach rechts zu rücken. Er hat seine konservative Seite betont, um bei der republikanischen Basis anzukommen. Das ist eine sehr alte politische Regel: Jeder Kandidat muss sich zuerst die eigene Basis sichern. Dazu gehörte in diesem Fall auch die Entscheidung, Sarah Palin zur Vizekandidatin zu machen. Aber genau damit hat McCain die politische Mitte verschreckt. Palin hat sich in diversen Interviews blamiert und schien einfach nicht gerüstet zu sein für das Amt der Vizepräsidentin. Am Ende hat sie McCain mit Sicherheit einige Prozentpunkte gekostet.
Morgenpost Online:
Als Obamas Wahlsieg feststand, waren im Fernsehen überall Bilder von weinenden Afroamerikanern zusehen, die sich in den Armen lagen. Manche schienen einem Zusammenbruch nahe. Was steckt hinter diesen extremen Emotionen?
Bill Lunch:
Für Afroamerikaner hat dieser Wahlausgang etwas vollendet. Etwas, nachdem sie sich lange gesehnt haben: Die volle Partizipation, nicht nur am politischen, sondern auch am kulturellen Leben. Viele haben bis zuletzt nicht geglaubt, dass genügend weiße Amerikaner für einen der ihren stimmen würden. Doch es müssen so etwa 45, 46 Prozent der weißen Wähler gewesen sein. Wegen all der schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit konnten sich afroamerikanische Wähler so etwas kaum vorstellen.
Morgenpost Online:
In Europa scheinen viele Menschen zu glauben, dass sich die amerikanische Politik jetzt umgehend ändert. Es scheint fast, dass sie ein völligneues Amerika erwarten, sobald Obama vereidigt ist.
Bill Lunch:
Nun, wer schnelle Veränderungen erwartet, wird enttäuscht werden. Die USA funktionieren anders als die parlamentarischen Systeme Europas. Obamas Regierung wird die Dinge nur langsam ändern können. Wenn ich zum Beispiel an seine Pläne für eine Steuerreform denke – die Umsetzung wird, selbst wenn er hart daran arbeitet, mindestens sechs Monate dauern, vermutlich aber eher neun bis zwölf. Er muss mit dem Kongress zusammenarbeiten, und die Demokraten mögen dort zwar die Mehrheit haben. Das heißt aber nicht, dass sie alle voll und ganz auf Obamas Linie sind. Es wird daher alles viel langsamer vor sich gehen, als die Europäer erwarten.
Morgenpost Online:
Werfen wir einen Blick auf einige der Themen, die in verschiedenen Staaten auf dem Wahlzettel standen. In Arizona, Florida und möglicherweise auch Kalifornien haben die Buerger für ein Verbot von Ehen zwischen Homosexuellen gestimmt. Was sagt das über Amerika aus?
Bill Lunch:
Die religiösen Konservativen sind hierzulande immer noch eine starke Gruppe. Sie stemmen sich gegen die Veränderungen, die die letzten 30 oder 40 Jahre für unser Zusammenleben gebracht haben. Sie haben ein Problem mit den veränderten Beziehungen zwischen den Rassen und zwischen den Geschlechtern. Rassismus, das wissen diese Konservativen, kann man nicht mehr öffentlich kundtun. Doch Feindseligkeit gegenüber Lesben und Schwulen kann man sehr wohl noch öffentlich äußern. Homosexuelle sind sozial nicht voll akzeptiert. Eine größere Gruppe von Menschen – nicht nur die religiösen Konservativen – empfindet einlatentes Unbehagen gegenüber der Lebensweise von Lesben und Schwulen. Und das reicht aus, um solche Abstimmungen wie in Arizona und Florida zu gewinnen. Unsere Gesellschaft schreitet generell voran in Richtung Gleichberechtigung in jeder Hinsicht. Doch es dauert noch eine Weile, bis wir dort ankommen.
Morgenpost Online:
Wie interpretieren Sie in diesem Zusammenhang die Entscheidung der Wähler in Nebraska, die sogenannte "Affirmative Action" zu beenden, also ein Paket von Regeln, dass benachteiligten Gruppen wie Frauen und Schwarzen den Zugang zu Bildung, zum Arbeitsmarkt etc. erleichtern soll?
Bill Lunch: Wie gesagt, es gibt gewisse kleine Gruppen in diesem Land, die sich mit den veränderten Beziehungen zwischen den Rassen nicht abfinden können. Die Regeln der Affirmative Action sind dazu da, die Ungleichheiten zwischen verschiedenen Gruppen, unter anderem zwischen Schwarzen und Weißen, auszugleichen. Nun mag sich niemand hinstellen und sagen: "Ich finde, dass Afroamerikaner nicht gleichberechtigt sein sollten." Stattdessen werden politische Werkzeuge wie die Affirmative Action angegriffen, die dazu da sind, Gleichberechtigung sicherzustellen. Die Leute, die hinter diesen Initiativen stehen, wehren sich gegen den Vorwurf, Rassisten zu sein. Aber die Feindseligkeit gegenüber Schwarzen ist doch sehr deutlich.





























