Zweiter Weltkrieg

Ein jüdischer Junge als Maskottchen der SS

Die Nazis töteten die Familie des fünfjährigen Alex Kurzem. Als SS-Leute ihn wenig später schnappten, steckten sie ihn in eine Kinderuniform und nahmen ihn als ihr Maskottchen mit an die Front. So überlebte Kurzem den Krieg. Jetzt hat er seine Erinnerungen veröffentlicht.

Foto: tb/RAB/AD / AFP

Alex Kurzem war fünf Jahre alt, als er aus seinem Versteck sah, wie Nazis seine jüdische Familie töteten. Er war gerade sechs Jahre alt, als er zusammen mit anderen Kindern erschossen werden sollte – dann aber gerettet und zum Maskottchen einer SS-Einheit gemacht wurde. Er war 62 Jahre alt, als er über all das zum ersten Mal sprach. Das war vor zehn Jahren – jetzt erscheint das Buch über das unglaubliche Leben des polnischen Jungen.

Dass ein Jude ihr Maskottchen ist, weiß im Lager keiner. Alle denken, er sei ein russisches Waisenkind. Dabei irrt Alex Kurzem nach dem Tod seiner Mutter und seiner Geschwister neun Monate lang durch die Wälder. Er versteckt sich, bis er geschnappt wird. Kurz vor seiner Hinrichtung rettet ihn eine mutige Aktion: Er wirft sich auf die Knie, fragt einen Soldaten: "Bevor Du mich tötest, könntest Du mir vorher noch ein Stück Brot geben?" Dieser ist gerührt. Er packt ihn, steckt ihn in eine Uniform, gibt ihm eine Pistole. Er macht ihn zum Maskottchen der lettischen SS-Einheit.

Ab sofort unterstützt der kleine Alex die Soldaten mit kleinen "Jobs": Er putzt Schuhe, macht Feuer, bringt Wasser. "Meine Hauptaufgabe war es aber, die Soldaten zu unterhalten", heißt es im Buch "The Mascot." Der Junge steht überall im Mittelpunkt. Er ist auf Propagandabildern zu sehen – wie ein kleiner Star. Ein Star, der furchtbare Dinge erlebt. Er wird gezwungen, Kinder mit Schokolade in KZ-Züge zu locken. Er muss zusehen, wie 1600 Juden in einer Synagoge verbrannt werden.

In dem Buch spricht Kurzem über den Hass, den er den Soldaten gegenüber empfand. Er ekelt sich noch heute vor der Brutalität der SS-Männer. Aber er gibt zu: "Ich habe es auch genossen, im Mittelpunkt zu stehen." Und: Das Maskottchen-Dasein rettete ihm sein Leben.

Zwei Jahre später gab der Kommandeur der SS-Einheit den damals achtjährigen Jungen zu einer lettischen Familie. 1949 wanderte der heute 72-Jährige nach Australien aus, gründete eine Familie. Erst 1997 berichtete er seinem Sohn Neil Sands von seiner Geschichte. Der schrieb die Erzählungen seines Vaters auf.

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