Bei der zweiten Fernsehdebatte des US-Präsidentschaftswahlkampfes hat der Kandidat der Republikaner, John McCain, vor allem mit unhöflichem und verächtlichem Verhalten gegenüber seinem Rivalen Barack Obama auf sich aufmerksam gemacht. Einen Tag nach dem Duell der beiden Rivalen sprach CNN-Moderator Larry King mit Kandidatengattin Michelle Obama über das Verhalten John McCains, den Wahlkampf und ihre Familie.
Larry King: Hat Sie dieses „Der da!“ beleidigt, Michelle?
Michelle Obama: Ehrlich gesagt nicht, nein. Bei diesen Fernsehdebatten achte ich so sehr darauf, was Barack sagt, wie er es sagt. Ich sehe nur die Substanz dessen, was er sagt. Dabei fallen die kleinen Zwischentöne hinten über. Ich schaue in die Gesichter der unentschlossenen Wähler im Raum, versuche herauszufinden, wie sie auf das Gesagte reagieren. Es passiert so vieles gleichzeitig, dass so ein Satz einfach bei mir keine Resonanz findet.
Larry King: Aber die Leute sprechen über diesen Satz.
Obama: Natürlich. Aber so, wie ich das sehe, sind es vorwiegend die Kritiker, die sich darauf stürzen. Die normalen Menschen da draußen sind wegen der aktuellen Wirtschaftslage viel zu nervös und verängstigt, um sich über diese Art Kabbeleien zwischen den Kandidaten zu kümmern. Sie wollen Antworten darauf, wie wir es schaffen können, das Wirtschaftsproblem zu beheben und das Gesundheitssystem zu verbessern. Die Menschen wollen Antworten auf ihre Fragen: Was werden wir mit diesem Krieg tun? Wie soll es mit dem Bildungssystem weitergehen? Und vor allem wollen sie verstehen, wie sehr die Wirtschaftslage tatsächlich ihre ureigene Situation verändert. In den letzten anderthalb Tagen bin ich durch einige Bundesstaaten gereist. Niemand hat sich für diese Sorte Nickeligkeiten zwischen den Kandidaten interessiert.
Larry King: Stimmt es, dass sich die beiden Kandidaten gegenseitig nicht ausstehen können?
Obama: Da kann ich natürlich nur für Barack sprechen: Er hat den größten Respekt für Senator McCain. Das hat er bei so vielen Gelegenheiten gesagt. Dieser harte Kampf zwischen den beiden dauert nun schon so lange. Und manchmal gibt in einer politischen Debatte einfach ein Wort das andere. Aber die Frage ist doch: Wer von den beiden hat die Visionen, die uns weiterbringen?
Larry King: Ihr Ehemann erscheint immer so entspannt und unnahbar. Wird er jemals wütend?
Obama: Ja, wird er. Aber nicht solche Dinge ärgern ihn?
Larry King: Heißt das Nein?
Michelle Obama: Sie konnten es in der Debatte sehen: Er wurde leidenschaftlich, als es um die Krise des Gesundheitssystems ging. Als er darüber sprach, wie seine Mutter an Eierstockkrebs erkrankte. Es machte ihn wütend zu sehen, wie sie sich über ihre Krankenversicherung sorgte und all die Zahlungen, anstatt ihre Kräfte darauf konzentrieren zu können, gesund zu werden. Diese Dinge machen Barack wütend. Nicht das Geplänkel oder was über ihn geredet wird, sondern die Ungerechtigkeit in diesem Land.
Larry King: Wie ist das: Sie und er sind zusammen, schauen fern und sehen einen Werbespot für ihre Gegner, der sie beide richtig übel dastehen lässt.
Obama: Also, dafür müssten wir zunächst einmal zur gleichen Zeit zusammen in einem Raum sein?.
Larry King: Das ist schon sonderbar.
Obama: Wann ist das zum letzten Mal so gewesen? Im Ernst: Glücklicherweise sind wir einfach zu beschäftigt, um uns solche Dinge anzusehen.
Larry King: Sie schauen nicht?!
Obama: Ich habe schlichtweg keine Zeit zum Fernsehen. Wenn ich mit meinem Tag fertig bin und nach Hause gehe, ist es halb zehn oder zehn Uhr abends. Mein Kopf fällt automatisch aufs Kopfkissen. Selbst wenn ich versuche, fern zu sehen, kann ich meine Augen nicht länger als eine Minute offen halten. Und Barack schaut sich ausschließlich Sport an. Wir versuchen wirklich, wenn wir schon die Gelegenheit dazu haben, abzuschalten. Raus zu kommen aus dem Trubel. Damit wir uns während der Kampagne auf die Sorgen der Wähler konzentrieren können.
Larry King: Gefällt es Ihnen, Wahlkampf zu machen?
Obama: Ja, ja doch. Ich mag es mehr als ich mir anfangs vorstellen konnte. In der Maske erzählte ich jemandem, dass Wahlkampf für alle schwierig sein muss, die menschenscheu sind. Aber interessanterweise schöpfen sowohl ich, als auch Barack und die Mädchen eine Menge Kraft aus anderen Menschen. Wenn ich müde bin, und da raus gehe und all die Leute sehe, hinter den Absperrseilen, von ihnen umarmt werde? Und diese vielen Kinder, die so engagiert sind, wie ich es nie zuvor erlebt habe. Das gibt uns beiden eine Menge Energie.
Larry King: Sind die Mädchen involviert?
Obama: Nein
Larry King: Eine Zehnjährige könnte es aber sein.
Obama: Na klar, sie wissen, was passiert, aber involviert? Ich glaube, wir haben es so hinbekommen, dass sie nicht involviert sind, dass sie ihrem Leben nachgehen können, Tag für Tag. Wenn ich also zur Tür hereinkomme, erzählt mir also meine zehnjährige Tochter Malia von der ersten Minute an, wie ihr Schultag war, was wir am Samstag machen werden und ob wir nicht endlich die Halloween-Verkleidung kaufen können. Und das, Larry, ist genau das, was ich möchte. Barack kommt damit klar, aber sie ist ein Kind und es könnte hart für sie werden. Ich möchte, dass beide, Malia und Sasha, sich auf ihr Leben konzentrieren.
Larry King:
Hat die Wirtschaftskrise die Obamas auch getroffen?
Obama: Wir sind gesegnet.
Larry King: Sie haben nichts verloren?
Obama: Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht. Wir hatten schlichtweg keine Zeit, um uns um unsere finanzielle Situation zu kümmern. Wir sind doch die ganze Zeit draußen im Wahlkampf.
Larry King: Glauben Sie denn, dass Sie etwas verloren haben?
Obama: Wahrscheinlich. Ich glaube, da ist niemand ohne Verluste raus gegangen. Unsere Nachbarn, Freunde, die Familienmitglieder, alle sind beunruhigt. Wir leben in einer sehr heterogenen Gemeinschaft. Manche unserer Nachbarn sind seit langem arbeitslos. Was wir beobachten ist, dass die fern geglaubte Wall Street schon seit langer Zeit einer unserer Nachbarn ist. Menschen haben ihre Arbeit verloren, ganze Industriegebiete sind kaputt gegangen. Ich arbeite in einem Krankenhaus, das als Lehreinrichtung gilt. Unsere Notaufnahme ist proppenvoll mit Menschen, die keine Versicherung haben. Und das geht schon eine Weile so. Im Vergleich dazu sind wir gesegnet. Diese Unsicherheit für so viele Menschen, das macht Barack wütend.
Larry King: Wenn jemand Ihren Mann in Verbindung zu Terroristen bringt, das regt sie doch auf, würde ich denken.
Obama: Das ist Teil der Politik.
Larry King: Das perlt an Ihnen ab?
Obama: Wissen Sie, diese Themen sind vorher schon hochgekommen. Aber worüber ich bei Obama stolz bin ist der Ton, in dem er über die Dinge redet. Es ist diese Vorstellung, dass wir unterschiedlicher Meinung sein können ohne unangenehm zu werden. Das möchte er mit seinem Wahlkampf erreichen. Die Vorstellung, dass wir in diesem Land auch bei fundamentalen Fragen anderer Meinung sein können, dass wir das aber tun, ohne einander zu dämonisieren. Weil wir uns in harten Zeiten befinden. Und was wir am Niedergang der Wirtschaft sehen ist: Wenn wir fallen, fallen wir alle. Und wenn wir wieder aufsteigen, steigen wir alle auf. Und egal ob wir Republikaner, Demokraten oder Unabhängige sind, schwarz oder weiß, heterosexuell oder homosexuell, wir sitzen alle im selben Boot. Und das ist der Ton, der mir gefällt. Und ich glaube, das ist es, was die Amerikaner in ihren gewählten Vertretern sehen wollen.
Larry King: Was bedeutet es für Sie, dass Sarah Palin sich gleichzeitig um das Amt des Vizepräsidenten bewirbt, viele Kinder hat, eine gute Mutter ist und alle Bälle gleichzeitig in der Luft hält?
Obama: Ich denke, sie ist ein hervorragendes Beispiel für die verschiedenen Rollen, die Frauen spielen können und spielen sollten. Ich bin eine Mutter mit Kindern und ich hatte eine Karriere und musste das ausbalancieren. Sie tut öffentlich das, was so viele Frauen allein und privat machen. Worum wir kämpfen ist, sicherzustellen, dass alle Frauen die Wahl haben, die Sarah Palin und ich haben. Diese Entscheidungen zu treffen, ohne die eigenen Familien zu beschädigen. Während ich durch das Land fahre habe ich viele Unterhaltungen mit arbeitenden Müttern und viele finden, dass sie diesen Balanceakt machen müssen, aber sie tun es ohne Unterstützung. Sie leben in Gemeinden, in denen die Jobs rar geworden sind. Deshalb mussten Familienmitglieder wegziehen, was bedeutet, dass sie sich nicht mehr auf ihre Mütter stützen können und andere informelle Strukturen. Sie haben keinen Zugang zu anständiger Kinderbetreuung. Sie machen sich über die Gesundheitsversicherung sorgen. Was ich und Sarah Palin also besitzen und was alle Frauen verdienen sind Entscheidungsfreiheit und die Ressourcen, um ihre Entscheidungen funktionstüchtig zu machen. Ich denke, darum müssen wir kämpfen.
Larry King: Und Senator Obama teilt diese Ansicht?
Obama: Absolut. Barack ist mit starken Frauen aufgewachsen. Er hat mich beobachtet. Er wuchs in einem Haushalt auf, in dem seine Großmutter die wichtigste Ernährer war. Er sah, wie sie sich bemühte, die ganze Familie zu unterstützen. Sah, wie sie sich von einer Banksekretärin in eine Leitungsposition hocharbeitete. Seine Mutter war alleinerziehend und er sah, wie sie mit vielem zu kämpfen hatte. Er kennt die Kämpfe also, die Frauen durchstehen müssen und er weiß, dass es da Ungleichheit gibt. Dass wir immer noch ein Land sind mit Einkommensungleichheit, Frauen verdienen immer noch nur 79 Cent für jeden Dollar, den ein Mann im selben Job verdient. Und hier müssen wir was bewegen. Wir müssen Frauen Einkommen geben, die sie brauchen, so dass sie, wenn sie sich dafür entscheiden zu arbeiten, auch in der Lage sind, ihre Familien zu ernähren, so wie ich das kann und Sarah Palin auch.
Larry King: Cindy McCain hat über Ihren Mann gesagt, dass Barack die schmutzigste Wahlkampagne der amerikanischen Geschichte führt. Und nun sagen Sie mir, dass Sie das kalt lässt.
Obama: Die Reaktion ist einfach: Diese Aussage ist nicht wahr. Und wenn etwas nicht wahr ist, dann nimmt man es sich nicht zu Herzen, sondern geht darüber hinweg. Ich bin so stolz auf Barack, wie er diesen Wahlkampf führt. Er ist einer der klügsten Männer, die ich kenne. Und eine seiner vielen Begabungen hat er in der Debatte gezeigt: Barack kann sehr komplexe Themen für die Menschen verständlich machen, ohne dabei respektlos oder herablassend zu sein. Barack hat einen anderen Charakter. Deshalb ist die Aussage von Cindy McCain nicht wahr.
Larry King: Es tut Ihnen nicht weh?
Obama: Nein. Meine Mutter hat mir beigebracht, Unwahrheiten einfach zu übergehen. Menschen können viele Dinge sagen, aber man selber muss wissen, wer man ist und was man kann. Das sind die Werte, mit denen ich und Barack groß geworden sind.
Larry King: Die Wahl hat eine historische Bedeutung: Wir bekommen entweder einen schwarzen Präsident oder eine Frau als Vizepräsidentin. Die Welt wird nicht mehr die gleiche sein.
Obama: Stimmt genau. Dies war ein wundervolles Jahr. Meine zehnjährige Tochter hat es perfekt zusammengefasst. Am Morgen nachdem Baracks Nominierung klar war, erklärte ich Malia, was passiert war: Weißt du, sagte ich, dass das das erste Mal ist, dass ein Afro-Amerikaner als Präsidentschaftskandidat nominiert wurde? Sie sagte: Ja, klar. Das ist eine große Sache. Aber falls Hillary Clinton gewonnen hätte, wäre es das auch gewesen. Malia sagte das ohne mit der Wimper zu zucken. Sie begründete es damit, dass Frauen schließlich lange Zeit kein Wahlrecht hatten und das sei ebenfalls ungerecht gewesen. So weit sind wir schon gekommen. Es ist wundervoll, dass die jungen Menschen diese Dinge passieren sehen, dass sie mit einer anderen Realität aufwachsen, als wir sie hatten.
Larry King: Sind Sie glücklich darüber, wie Hillary Clinton Ihren Mann unterstützt?
Obama: Sie ist phänomenal. Vom Augenblick der Entscheidung an war sie nur noch herzlich und offen. Ich habe sie angerufen, mit ihr gesprochen. Sie gab mir Ratschläge wegen der Kinder. Sie ist eine tolle Unterstützerin und eine Frau mit Charakter.
Larry King: Fürchten Sie sich vor einem Anti-Schwarzen-Ruck?
Obama: Die Möglichkeit ist in aller Munde. Aber in diesem Wahlkampf ist sie nur eine theoretische Möglichkeit. Das Land hat sich weiterentwickelt, Barack Obama ist der Kandidat der Demokraten. Hätte es einen Anti-Schwarzen-Ruck gegeben, Barack wäre nicht Kandidat geworden.
Larry King: Überwältigt Sie der Gedanke, in naher Zukunft vielleicht die First Lady zu sein?
Obama:
Es ist nicht so sehr Überwältigung. Eher die lange Liste der Aufgaben, die auf jemanden in dieser Position zukommen. Glücklicherweise bin ich ein Multi-Tasking-Talent. Und ich denke darüber nach, was es für eine große Chance bedeuten würde, was ich Sinnvolles in dieser Rolle erreichen könnte. Auf meinen Reisen durch das Land habe ich viele Frauen getroffen, die sich und ihre Familien gerade so über Wasser halten. Diesen Frauen möchte ich gern die Sicherheit geben, dass kommende Gesetze ihnen etwas bringen. Ein anderer Bereich sind die Familien unserer Soldaten. Wenn sie aus einem Einsatz wiederkommen, dann sollen sie alles haben, was sie brauchen und bislang nicht haben: Gesundheitsvorsorge und psychologische Betreuung. Wir müssen sicherstellen, dass ihre Familien noch intakt sind, ihre Häuser noch da. Sie müssen sich sicher sein können, dass sie Jobs haben bei ihrer Heimkehr, eine Versicherung und die Aussicht auf Fortbildung. Um diese Dinge würde ich mich kümmern falls mir die Ehre zuteil wird.
Larry King:
Steigt Ihre Nervosität, je näher der Wahltag kommt?
Obama: In diesem Punkt ist es einfach ganz wunderbar, so beschäftigt zu sein. Wir haben schlichtweg keine Zeit dafür, nervös oder ängstlich zu werden. Und ohnehin geht es nicht nur um diesen einen Tag im November. Damit fängt es gerade erst an.
Aus dem Amerikanischen von Clemens Wergin und Nina Mareen Spranz. Quelle: CNN International/ Larry King Live.





