Bildungs-Betrug

Wie Berliner Schüler den Mathe-Test knackten

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Die geheimen Unterlagen für die zentrale Mathematikprüfung wurden nicht ausreichend gesichert: Berlins Bildungsverwaltung hat die Aufgaben teils zusammen mit anderen Tests in schlichten Kartons verschickt - anderswo gehen die Unterlagen einzeln und versiegelt an die Schulen. Mit Kopierern, Handys und Computern vervielfältigten Schüler die Aufgaben, boten sie und auch Lösungen per Internet an.

Die Bildungsverwaltung hat nach Angaben des Pressesprechers der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Peter Sinram, "aus logistischen Gründen" mehrere Klausuren in einem Karton an einige der 346 betroffenen Schulen versandt. Dort wurden die Mathearbeiten schon seit der ersten schriftlichen MSA-Prüfung in Deutsch am 30. Mai aufbewahrt - mehr oder weniger sicher. Vor der Mathematik-Prüfung standen Test in Englisch (30. Mai) und auch Deutsch (4. Juni) an. Die Kartons wurden also geöffnet und blieben auch geöffnet - und an mindestens einer Schule gelang es Schülern, an die Tests heranzukommen. Und zwar nicht nur an den Mathematik-Test: Auch die Aufgaben für Deutsch und Englisch waren nach Angaben von Schülern vor den Prüfungen in Umlauf.

Das Magazin „Spiegel“ berichtet, die Umschläge mit den Klausurblättern, die zusammen mit Deutsch-, Englisch- oder Französischaufgaben knapp zwei Wochen vor der Mathe-Klausur geliefert wurden, seien teilweise nicht versiegelt gewesen. Die Unterlagen seien lediglich mit Klebeband verschlossen gewesen. Nach der Entnahme der Deutsch-Prüfungsbögen sollen sich die Bündel an manchen Schulen schlecht bewacht in Sekretariaten befunden haben. In einer Schule in Reinickendorf sollen die Mathe-Unterlagen sogar auf dem Kopierer herumgelegen haben, wie es hieß. Die von Schülern fabrizierten Handy-Fotos seien auf Schulhöfen und übers Internet verbreitet worden.

relatedlinksMorgenpost Online liegen sowohl Teile der Mathematik-Aufgaben als Digital-Fotos vor wie auch eine digitalisierte Lösung. Die Mathematik-Aufgaben scheinen in der Tat, wie mehrere Schüler gegenüber Morgenpost Online angaben, "Kopien von Kopien" zu sein. Diese Kopien wiederum wurden offenbar mit Scannern in digitale Bilddateien umgewandelt - so konnten sie problemlos etwa per E-Mail weitergegeben werden. Teilweise wurden sie auch verkauft. Schüler gaben gegenüber Morgenpost Online an, es seien bis zu 120 Euro für die Aufgaben verlangt worden. Auch die Aufgaben für die Englisch-Prüfung am 30. Mai und die Deutsch-Prüfung am 4. Juni sollen demnach schon vorab bekannt gewesen sein.

Die Morgenpost Online vorliegende Lösung ist handschriftlich und wurde bei einem Anbieter für Online-Speicherfächer eingestellt. Die Dateien wurden am 10. Juni fabriziert - also einen Tag vor der Matheprüfung. Die Lösungen - handschriftlich mit einem blauen Stift auf Din-A-4-Blätter geschrieben - sind vollständig, ebenso wie die die Aufgaben.

„Warum ist Berlin nicht wie Nordrhein-Westfalen vorgegangen und hat die Klausuren einzeln verschickt?“, fragt Peter Sinram. Der GEW-Pressesprecher betont, der Fehler der Bildungsverwaltung oder einzelner Schulen, die den Schülern die Mathearbeiten zugänglich gemacht haben könnten, dürfe nicht auf Kosten der Schüler ausgebügelt werden.

Zum ersten Mal sind in Deutschland Prüfungsaufgaben vor Beginn der Prüfungen bekannt geworden, bei der MSA-Matheklausur hat es offenbar an 60 Berliner Schulen Unregelmäßigkeiten gegeben. Da der Mittlere Schulabschluss erst seit dem Schuljahr 2005/2006 zentral von den Ländern organisiert wird, ist die Erfahrung mit dem Verfahren noch nicht groß. „Wir werden den Ablauf prüfen und mit anderen vergleichen.“, versprach Kenneth Frisse, Pressesprecher der Bildungsverwaltung. In Internet-Chats haben einige Schüler sogar schon zu gewaltsamem Protest aufgerufen: „Bringt alle Waffen mit, alle“, lautet einer der Sätze, die laut Medienberichten in Chats zu lesen waren.

Tayfun Wiechert, einer der Organisatoren der Protestdemo gegen die Klausur-Wiederholung am Montag vor dem Roten Rathaus distanziert sich von diesen Anstiftungen zur Gewalt. „Um unser Ziel zu erreichen, werden wir ausschließlich mit ruhigen und friedlichen Mitteln protestieren“, sagte der Schüler.

Dem Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) droht jetzt dem "Spiegel" zufolge eine Klagewelle vor dem Verwaltungsgericht. Auf Zöllners Geheiß hin müssen rund 28.000 Schüler die zentrale Mathematikprüfung wiederholen. Gemogelt haben aber offenbar nur wenige Schüler, weswegen die anderen "keine Kollektivschuld hinnehmen wollen", wie der Vorsitzende des Landeselternausschusses, André Schindler, sagte. Betroffene Schüler wollen am Montag vor dem Roten Rathaus in Berlin-Mitte demonstrieren.

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