Die Entscheidung ist noch nicht gefallen. Doch die Kenntnis der Gepflogenheiten in der vom rechtsnationalistischen Demagogen Wladimir Schirinowski diktatorisch geführten LDPR lässt – auch ohne das Abstimmungsergebnis zu kennen – die Behauptung zu: Die Delegierten des LDPR-Parteikongresses setzten Andrej Lugowoi, der in Großbritannien gesuchte mutmaßliche Mörder des Ex-KGB-Angehörigen Alexander Litwinenko, am Montag auf Listenplatz zwei für die russischen Parlamentswahlen im Dezember.
"Gute Vervollständigung der personellen Zusammensetzung"
Schirinowski bezeichnete die Kandidatur des Mannes, der im dringenden Verdacht steht, den Putin-Kritiker Litwinenko mit radioaktivem Polonium-210 vergiftet zu haben, allen Ernstes als „gute Vervollständigung der personellen Zusammensetzung“ der Kandidatenliste für die Duma-Wahl. Auf der steht Schirinowski selbst ganz oben, Platz drei ist seinem Sohn Igor Lebedjew vorbehalten.
Lugowoi spiele eine herausragende Rolle im „historischen Kampf“ mit Großbritannien, sagte der LDPR-Chef gestern auf dem Parteikongress und ereiferte sich über die Forderung der Briten, die russische Verfassung zu ändern, um Lugowoi ausliefern zu können. „Auf diese Frechheit antworten wir: Wir mischen uns nicht in die Angelegenheiten anderer Länder und erlauben es niemandem, sich in die Angelegenheit Russlands einzumischen“, tönte Schirinowski, dabei vergessend, dass die Ermordung eines britischen Staatsbürgers auf britischem Territorium eine der wohl übelsten Einmischungen in innere Angelegenheiten darstellt.
Schirinowski: Großbritannien ist der Hauptfeind Russlands
Seinen Delegierten erklärte er indes ausführlich, dass Großbritannien der Hauptfeind Russlands und dass der gesamte Westen nur hinter dem russischen Öl her sei. Zu diesem Zweck, „um den Planeten zu erschrecken“, sei der 11.September inszeniert worden: „Es gibt keinen Bin Laden.“ Die großen westlichen Länder würden die Welt mit drei Dingen in Atem halten: „Das sind die islamische Welt, Russland und China“.
Die Kandidatur Lugowois für die Liberal-Demokratische Partei Russlands, die allerdings weder liberal noch demokratisch ist, sei von einem „gegenseitigen Wunsch“ getragen, sagte Schirinowski. Tatsächlich haben beide ein erhöhtes Interesse daran. Lugowoi, der aufgrund der Stimmung in der russischen Führung und der Verfassungslage sicher sein kann, dass er nicht an Großbritannien ausgeliefert wird, möchte wohl auch das kleinste Risiko ausschließen, dass ihm nicht vielleicht doch noch der Prozess in seiner Heimat gemacht wird. Parlamentarische Immunität könnte da hilfreich sein. Moskauer Medien schließen indes auch nicht aus, dass der Mordverdächtige seine gegenwärtige, wenn auch äußerst zweifelhafte Popularität zu persönlichen, bisher nicht bekannten Zwecken nutzen will.
Für Schirinowski ist der Schulterschluss mit Lugowoi ein ebenso perfider wie geschickter Schachzug. Er weiß, dass die jüngsten Differenzen mit Großbritannien über die Rolle Lugowois im Fall Litwinenko von vielen seiner Landsleute als Angriff auf Russland aufgefasst wurden. Selbst Präsident Putin bestärkte sie darin, indem er den Briten vollmundig empfahl, sie mögen „ihre Gehirne austauschen“. Folgerichtig sprachen sich in jüngsten Umfragen 53 Prozent der Russen gegen eine Auslieferung aus. 17 Prozent glauben, mit der Ermordung Litwinenkos sollte Russland kompromittiert werden. Die Zahl der antiwestlich eingestellten Russen ist sogar noch größer und im Wachsen begriffen. Mit ihnen rechnet der Nationalist.
Schirinowski braucht sie dringend. Bislang liegt seine Partei noch deutlich unter der Sieben-Prozent-Grenze, die es zu überwinden gilt. Sollte der LDPR das mithilfe Lugowois gelingen, hätten es Russlands Partnerparlamente demnächst mit einer Duma zu tun, in der ein steckbrieflich gesuchter Mordverdächtiger sitzt.





