Besonders hoch schlugen die Emotionen in Polen, dessen Mannschaften jüngst mit spannenden Ereignissen reich gesegnet waren (Finaleteilnahme in Hand- und Volleyball und im Vorjahr das Ausscheiden aus der Fußball-WM durch Niederlage gegen Deutschland). Tränen zeigt man in Polen in der Öffentlichkeit kaum, zu Freudentränen sehen die Bürger mit ihrer fatalistischen Grundstimmung ohnehin nie Anlass, doch gestern überboten sich die Internetnutzer mit Bekenntnissen wie "Ich bin 25 und weine vor Freude", "Ich bin 40 und habe auch geweint" oder, so lautet die einschlägige Redewendung, "Ich heule wie ein Biber."

Die ukrainischen Chatter waren zurückhaltender. "Hurrra! Da können wir uns etwas von der Politik erholen!" schrieb einer von ihnen. Beide Länder, Polen wie die Ukraine, durchleben derzeit Turbulenzen, die man als akute Regierungskrisen umschreiben könnte. Umso größer war die Freude, dass der Vertreter Russlands bei der UEFA-Entscheidung pragmatisch gehandelt und für die polnisch-ukrainische Bewerbung gestimmt hatte, obwohl Moskau jede Annäherung der zweit- und der drittgrößten Nation des früheren Ostblocks mit Argwohn sieht.

„Wir widmen die Euro-2012 der Einigung Europas“

Dafür werteten die beiden Staatsoberhäupter, die im britischen Cardiff für ihre Länder geworben hatten, die Chance der EM als eine eminent politische. "Wir widmen die Euro-2012 der Einigung Europas", sagte der ukrainische Präsident Juschtschenko, der sein Land bekanntlich am liebsten 2016 in der EU sähe. Die Europameisterschaft gebe beiden Ländern die Chance, die Schönheit ihrer Städte und zugleich "slawische Gastfreundschaft" zu demonstrieren. "Man wird uns in der Welt besser kennen, unsere Möglichkeiten werden wachsen." Der Präsident des ukrainischen Fußballverbands, der Oligarch Hryhoryj Surkis, verglich das Jahr 2012 mit der Erlangung der Unabhängigkeit der Ukraine 1991, Polens Ex-Fußballtrainer Antoni Piechniczek gar mit dem EU-Beitritt seines Landes. Der Warschauer Aktienindex WIG-20 sprang auf einen historischen Höchststand.

Hatte nicht Polens Präsident Lech Kaczynski in Cardiff auf historische Gerechtigkeit gepocht? "Welche Veranstaltung dieser Größe hat bisher in Ostmitteleuropa stattgefunden?", fragte er die Entscheidungsträger der UEFA. "Man hat mir keine nennen können." Kaczynski nahm den Mund wie immer sehr voll und fügte hinzu: "Wir sollten uns jetzt auf die Olympiade einstellen. 2020, vielleicht 2024." Freilich gibt es über die Entscheidung nicht nur Genugtuung. Die jüngst aufgedeckte Korruption im polnischen Fußball ist da nur ein Schlagwort. Kaczynski meinte dazu seelenruhig: "Die Reinigung muss weitergehen." Und Polens Fußball-Hooligans sind nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, auch wenn deren Bedeutung vor der WM 2006 von deutschen Zeitungen maßlos übertrieben worden war.

Vor allem die organisatorische Unerfahrenheit der Ukrainer mit internationalen Massenveranstaltungen könnte sich negativ auswirken. Diese in vieler Hinsicht "verspätete" Nation war auf der Expo in Hannover die einzige, die ihren Pavillon zur Eröffnung nicht fertiggestellt hatte. Vor einigen Jahren beklagten sich die Teilnehmerinnen einer in Kiew abgehaltenen internationalen Miss-Wahl bitter über Organisation und Unterbringung. Doch etwa seit der "orangenen Revolution" ist die Ukraine aus dem postsowjetischen Schattenreich herausgetreten: Der Eurovisionswettbewerb und schließlich die erste Fußball-WM-Teilnahme 2006 waren Meilensteine auf diesem Weg.

Fußball-EM schlägt Brücken zwischen beiden Staaten

Auch wenn der lange Marsch der Ukraine in die EU noch mindestens ein Jahrzehnt dauern dürfte und ein Nato-Beitritt derzeit unwahrscheinlich ist: Die Fußball-EM schlägt Brücken zum EU- und Nato-Mitglied Polen. Sie ist die Krönung einer Annäherung und Aussöhnung, welche schon die postkommunistischen Präsidenten Kwasniewski und Kutschma betrieben hatten. 2003 hatten beide die von Kiew initiierte EM-Bewerbung unterstützt. Die Nachbarschaft von 38 Millionen Polen und 48 Millionen Ukrainern war voller Konflikte und weist entfernt Parallelen zur deutsch-polnischen Nachbarschaft auf. In der Regel waren die Ukrainer, die fast nie einen eigenen Staat hatten, die schwächere Seite. Der erste Weltkrieg brachte heftige Kämpfe um umstrittene Gebiete, vor allem um die Stadt Lemberg (Lwiw, demnächst EM-Austragungsort). Bis 1939 war die Ukraine geteilt: teils polnisch, teils sowjetisch. Im Zweiten Weltkrieg ermordeten ukrainische Partisanen zehntausende polnischer Zivilisten. Die Festlegung der Grenze 1945 am Bug zog auf beiden Seiten die Vertreibung von Hunderttausenden nach sich. Heute gibt es keinen ernstzunehmenden Grenzrevisionismus, doch auf beiden Seiten Vorurteile und in Polen Zehntausende ukrainischer Schwarzarbeiter. Doch es gibt auch das starke Gefühl einer Schicksalsgemeinschaft, die 2012 ihr wohl fröhlichstes Kapitel erleben wird.