Morgenpost Online : Herr Klitschko, hat die Uefa die richtige Wahl getroffen?

Witali Klitschko : Ganz sicher. Wir hatten eine hervorragende Präsentation und waren mit allen Größen aus Politik und Sport in Cardiff vertreten, um zu dokumentieren, dass es uns ein Herzenswunsch ist, diese große Meisterschaft auszurichten.

Morgenpost Online : Aber weder die Ukraine noch Polen haben jemals solch ein sportpolitisches Großereignis veranstaltet. Was gibt Ihnen die Überzeugung, dass die EM ein Erfolg wird?

Klitschko : Vor uns liegt jetzt ein riesiger Berg Arbeit. Wir werden ihn aber bewältigen, denn wir wollen unser Gesicht nicht verlieren. Die Regierungen stehen geschlossen hinter dem Vorhaben. Jedem ist klar, welche große Chance eine Fußball- EM für ein Land in wirtschaftlicher und Image-mäßiger Hinsicht bietet. Insbesondere für die Ukraine. Mit einer perfekten EM können wir einen riesigen Schritt für die Aufnahme in die Europäische Gemeinschaft machen. Das wollen wir uns nicht entgehen lassen.

Morgenpost Online : Die derzeitige Infrastruktur in beiden Ländern wird aber nicht für die Ausrichtung einer niveauvollen EM genügen. Viele Stadien, Straßen und Bahngleise befinden sich in einem erbärmlichen Zustand. Sind beide Länder den logistischen und organisatorischen Herausforderungen wirklich gewachsen?

Klitschko : Ich habe am Bewerbungskonzept mitgearbeitet und kann als Erkenntnis sagen, dass wir alle möglichen Probleme bedacht haben und sie lösen werden. Es wird verdammt schwer, alles unter einen Hut zu bekommen. Aber im Leben gibt es keine einfachen Aufgaben. Die ersten Vorbereitungen sind in der Ukraine bereits angelaufen. In Donezk und Dnjepropetrowsk wurde mit dem Bau modernster Stadien begonnen. Wir haben noch viereinhalb Jahre Zeit, wir schaffen das.

Morgenpost Online : Die instabile politische Lage gerade in der Ukraine lässt daran aber zweifeln.

Klitschko : Ich glaube, die derzeitige politische Situation stellt kein Risiko dar. Die Ukraine ist ein ganz junges Land. Demzufolge ist es nicht ungewöhnlich, was bei uns passiert. Die demokratischen Umwälzungsprozesse brauchen ihre Zeit. In einigen Monaten werden wir diese Sache gelöst haben. Dazu trägt auch die EM bei. Dadurch werden sich alle an einen Tisch setzen und Kompromisse finden, da bin ich mir sicher. Nelson Mandelas Ausspruch: „Sport has the power to change the world“ wird durch die EM belegt werden. Es wird eine Aufbruchstimmung durch unsere Länder ziehen, der Sport, der Fußball wird die Menschen zusammenführen.

Morgenpost Online : In beiden Ländern hat der Ruf des Fußballs in den vergangenen Jahren enorm gelitten. In Polen wurde ein Netzwerk von Schiebern und Wettbetrügern aufgedeckt, es gab Festnahmen und Verfahren gegen mehr als 50 Schiedsrichter, Funktionäre und Spieler. Der ukrainische Fußball ist fest in der Hand der Oligarchen, die sich der Demokratisierung des Landes seit Jahren widersetzen.

Klitschko : Die so genannten Oligarchen haben mittlerweile begriffen, dass ihr Leben nicht funktioniert nur durch nehmen, sondern dass sie auch geben müssen. Für die Reichen werden die Armen sonst eine zu große Gefahr. Deshalb investieren sie sehr viel in den Sport und werden das für die EM auch bei der Infrastruktur tun.

Morgenpost Online : Problematisch scheint auch Gewährleistung der Sicherheit zu werden. Der Hooliganismus ist in Polen extrem ausgeprägt, fast an jedem Wochenende gibt es bei den Meisterschaftsspielen Ausschreitungen.

Klitschko : In der Ukraine haben wir diese Probleme in dieser verschärften Form nicht. Eine 100-prozentige Garantie für Sicherheit gibt es aber nirgendwo. Wie man das Problem in den Griff bekommen kann, haben wir im Vorjahr bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland erlebt. Davon werden auch wir lernen.

Morgenpost Online : Werden Sie in den EM-Vorbereitungen involviert sein?

Klitschko : Ich denke schon, denn ich möchte das auch. Ich habe sehr viel Einfluss und eine Menge hervorragender Kontakte, die ich nutzen möchte, um die große Aufgabe zu meistern.