Frank-Walter Steinmeier ist der Kandidat der SPD. In der Erwartung der Medien und in der Erwartung der Mehrheit der Deutschen, die diese Haltung wiederholt in Umfragen deutlich machten, war er es schon lange. Er war Kandidat, ob er es wollte oder nicht und unabhängig davon, dass er heute offiziell von der Parteispitze ausgerufen wird. Nun glauben jedoch einige, die Entscheidung für den populären Außenminister Steinmeier bedeute zugleich eine Niederlage oder sogar das baldige politische Aus für den SPD-Vorsitzenden und rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck, dem es nach den ungeschriebenen Gesetzen der Parteiendemokratie eigentlich obläge, die Kanzlerin bei der Bundestagswahl im kommenden Jahr herauszufordern. In der auf die Kandidatenfrage stark verengten Sicht mag dies vielleicht so erscheinen. Bei genauerer Betrachtung allerdings ist eine solche Entwicklung wenig wahrscheinlich. Und zwangsläufig ist sie schon gar nicht.
Denn mit der neuen Rolle, die Steinmeier für die SPD einnimmt, wandelt sich erstens die öffentliche Wahrnehmung der SPD. Als Spitzenkandidat bei der Bundestagswahl muss Steinmeier das Zugpferd der Partei geben. Aus diesem Grund wird in dieser Phase die gesamte politische Agenda auf ihn zugeschnitten. Er rückt ins innenpolitische Rampenlicht, sogar der Parteivorsitzende tritt dann hinter den Spitzenkandidaten zurück und steht in dem bald beginnenden Wahlkampf im Schatten seines Stellvertreters in der Parteihierarchie. So führt die neue Rollenverteilung für Steinmeier zu einem gefühlten Zugewinn an Bedeutung, für Beck hingegen zu einem gefühlten Bedeutungsverlust.
Statt Beck wird man künftig Steinmeier fragen, warum er duldet, dass die hessische Parteichefin Andrea Ypsilanti gegen seinen Willen um der Macht willen mit den Linkspopulisten paktiert. Steinmeier muss erklären, warum er selbst die Linke verteufelt und doch nicht verhindern kann, dass womöglich im Saarland und in Thüringen weitere rot-rote Regierungen entstehen. Auf der Suche nach dem Schuldigen wird man immer zuerst auf ihn schauen und erst dann auf Beck. Derart geschützt und endlich einmal befreit von der penetranten Beobachtung durch die Öffentlichkeit kann Beck im Schatten des Kandidaten seine persönliche politische Zukunft organisieren. Und am Ende ist er vielleicht mächtiger und einflussreicher, als Steinmeier es je sein wird.
Es gibt gute Argumente dafür, dass Beck Mainz verlässt, für den Bundestag kandidiert und dort das Amt des Fraktionsvorsitzenden übernimmt. Unabhängig davon, wie die Bundestagswahl ausgeht, wäre er als Partei- und Fraktionschef endgültig der mächtigste Mann der SPD. Bleiben die Sozialdemokraten auch über 2009 hinaus in der Regierungsverantwortung, könnte er unmittelbar Einfluss auf die Regierungsgeschäfte nehmen. Landet die Partei in der Opposition, wäre er zweifellos ihre wichtigste Stimme – und Steinmeier als Wahlverlierer Geschichte.



