Der Finanzsenator Thilo Sarrazin bereut keinesfalls seine Äußerung über hohe Heizkosten. „Sie war wohl abgewogen und in die ferne Zukunft gerichtet“, sagte Sarrazin heute. Der Senator hatte zuvor in der „Rheinischen Post“ erklärt: „Wenn die Energiekosten so hoch sind wie die Mieten, werden sich die Menschen überlegen, ob sie mit einem dicken Pullover nicht auch bei 15 oder 16 Grad Zimmertemperatur vernünftig leben können.“ Sarrazin verband dies mit der Absage, Sozialtarife für Heizung und Strom einzuführen.
Die kritischen Reaktionen auf Sarrazins Pullover-Spruch ließen nicht lange auf sich warten. „Die Sommerhitze scheint ihm nicht gut zu bekommen“, sagte der parlamentarische Geschäftsführer der Berliner CDU-Fraktion, Frank Henkel, über Sarrazin. Bei dem Pullover-Vorschlag handele sich um einen von Sarrazins „üblichen abgehobenen Ratschlägen, die man nicht ernst nehmen kann“. Es gehe darum, die Menschen zu entlasten, sagte Henkel und verwies auf die Wiedereinführung der Pendlerpauschale.
Auch aus der eigenen Partei musste sich Sarrazin Kritik gefallen lassen. „Herr Sarrazin muss sich überlegen, wie er sich im Team präsentieren will, oder ob er als Einzelspieler agieren möchte. Einzelspieler finden sich aber auf der Bank wieder“, sagte der parlamentarische Geschäftsführer der Berliner SPD-Fraktion, Christian Gaebler. Sarrazin solle lieber auf seinen eigenen Baustellen Politik betreiben. „Beim Stellenpool läuft es nicht so doll“, sagte Gaebler. Er sprach indirekt eine Drohung aus. Auch Sarrazin sei bei seinen Vorhaben auf die Unterstützung der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus angewiesen.
Bei der Linkspartei löste die Pullover-Äußerung Empörung aus. „Gegen Sarrazins soziale Kälte helfen auch Pullover nicht“, kritisierte der Parlamentsgeschäftsführer der Linken im Bundestag, Ulrich Maurer. Die Grünen nutzten die Äußerung für eine politische Attacke. „Mit seinem neuen Spruch versucht Sarrazin davon abzulenken, dass er selbst für die größte Energieverschwendung in Berlin verantwortlich ist: Tausende von öffentlichen Gebäuden sind schlecht gedämmt“, sagte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen, Michael Schäfer. „Sarrazin sollte sich mal selber unter die kalte Dusche stellen. Das spart Energie und regt die Durchblutung an.“
Der Vize-Landesgeschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt, Andreas Beckmann-Fellgiebel, sagte Morgenpost Online: „Es geht nicht, dass ein verantwortlicher Politiker so mit den Nöten der Menschen umgeht.“ Der AWO-Geschäftsführer warf Sarrazin mangelnden Respekt vor der Not der Menschen vor. Ludwig Burkardt, Vorstandsmitglied beim Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen sprach von „flapsigen Tipps“, die nicht beim Energiesparen helfen. Niedrige Wohnraumtemperaturen könnten zu Schäden in den Wohnungen führen. Viel wichtiger sei, die energetische Modernisierung von Wohnungen für ALG-II-Bezieher endlich zu vereinfachen.
Mit Interesse wurde in der SPD verfolgt, dass Sarrazin in einem weiteren Interview in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", den Wirtschaftssenator der Linken mit deutlichen Worten lobt. „Harald Wolf war immer ein solider Haushälter“, sagte Sarrazin. Bereitet Sarrazin das Terrain für einen möglichen Nachfolger im Amt des Finanzsenators vor? Denn vom bisherigen Amtsinhaber heißt es, dass er 2009 zur Bundesbank wechseln könnte. Das wäre die Krönung für Sarrazins finanzpolitische Karriere.
Der angedeutete Wechsel in seinem Ressort wurde von einigen in der Koalition schon mal angedacht. Wolf hatte sich vor seiner Zeit als Wirtschaftssenator als strikter Haushälter im Berliner Abgeordnetenhaus ausgezeichnet. Doch die SPD will das bedeutende Finanzressort nicht hergeben. Doch in der SPD-Spitze ist man sich noch über Sarrazins Zukunft unschlüssig. Soll man ihn wegloben zur Bundesbank? „Dann würde er für seine Äußerungen auch noch belohnt“, sagte ein SPD-Funktionär. „Wäre nicht die größere Strafe für Sarrazin, ihn in Berlin auf seinem Posten zu belassen?“





