Das Maß ist voll. "Jetzt reicht es aber." "Thilo Sarrazin ist nicht mehr tragbar": Solch markige Worte haben Berliner Sozialdemokraten schon öfter gesprochen, um ihren Unmut auszudrücken über ihren eigenen Finanzsenator im rot-roten Senat der Hauptstadt.


Schließlich hat Sarrazin immer wieder Freund und Feind, Beamte und Bürger mit provokanten Aussagen auf die Palme getrieben. Aber diesmal ist die Lage für Klaus Wowereits Kassenwart ernster als bei früheren Aufwallungen. Wichtige Repräsentanten der Parteilinken fordern seinen Rücktritt.


Sarrazin hat sich an einem sozialdemokratischen Mantra vergangen: Den Mindestlohn von 7,50 Euro stellte er infrage, als er in einem Interview feststellte, er würde für fünf Euro pro Stunde „jederzeit“ arbeiten gehen. „Das wären 40 Euro pro Tag“, rechnete der Herr der Berliner Haushaltszahlen vor.


Die SPD-Basis, die in Berlin mehrheitlich der Parteilinken zuneigt, hat zeitnah die Chance, ihr Mütchen zu kühlen an dem ungeliebten Senator. Am Sonnabend steht ein turbulenter Landesparteitag ins Haus, mit Streit über kommunalpolitische Fragen und Flügelkämpfen vor den Vorstandswahlen. Und mit dem Thema Sarrazin.


Die Lage ist dermaßen ernst, dass der Doktor der Ökonomie zurückrudern musste. Sarrazin ließ seine Sprecherin erklären, er bedauere seine Aussage, es sei nicht seine Absicht gewesen, seiner Partei zu schaden. Er wolle künftig bei seinen Äußerungen mehr Augenmaß und mehr Sensibilität für die Befindlichkeiten der Partei an den Tag legen. Ungewöhnliche Töne für einen Dickkopf wie Sarrazin.


Zuletzt hatte der stolze Spross einer Hugenottenfamilie weniger Rücksichten genommen. In einer Fernsehsendung hatte der 63-Jährige mit dem Dreiklang „Dumm, dümmer, PDS“ den Koalitionspartner angefeindet. „Und darauf bin ich eigentlich recht stolz“, legte er im Abgeordnetenhaus unter dem Kopfschütteln der Linken nach.


Bei allen verbalen Kanten, die SPD kann auf Thilo Sarrazins Fachkenntnisse und seine Reputation nicht verzichten. Für Wowereit und Landeschef Michael Müller steht die Glaubwürdigkeit des Berliner Konsolidierungskurses auf dem Spiel, der innerhalb und außerhalb der Hauptstadt stets mit der Person des knorrigen Schnurbartträgers verbunden ist. Schon sticheln die oppositionellen Grünen, die SPD solle sich zur weiteren Gesundung der Finanzen bekennen – ob mit oder ohne Sarrazin.

Sarrazin hat den Berliner Haushalt fest im Griff

Dessen Verdienste um die Finanzen der Schuldenhauptstadt sind unbestritten. Berlin erwirtschaftet seit 2006 einen Haushaltsüberschuss. Die öffentlichen Unternehmen hievte Sarrazin in die schwarzen Zahlen. Die vor wenigen Jahren noch von der Pleite bedrohte Landesbank schlug Sarrazin zu einem rekordverdächtigen Preis an den Sparkassenverband los.


Aber immer wieder drängen seine Sprüche diese Bilanz in den Hintergrund: Schon 2002 erklärte er im Landesparlament, natürlich sei sein soeben aufgestellter erster Landeshaushalt mit damals noch enormer Neuverschuldung „objektiv verfassungswidrig“. Das wusste zwar jeder, aber sagen durfte man so etwas eben nicht. Es ist diese Ehrlichkeit, die Sarrazin zu einem der am meisten geschätzten, aber auch am meisten gehassten Landespolitiker der Hauptstadt macht.


Politische Korrektheit ist seine Sache nicht. Ein gemeinsames Land mit Brandenburg, Ziel Berliner Politik, bezeichnete Sarrazin 2005 als „eine Stadt Berlin mit angeschlossener landwirtschaftlicher Fläche“. Kürzlich tat er kund, „er sei fast erleichtert, wenn einer ein bisschen schwarzarbeitet, ehe er im 20. Stock sitzt und den ganzen Tag nur fernsieht“.


Und im Februar bewies Sarrazin im Selbstversuch, dass man sich mit dem Hartz-IV-Regelsatz von 347 Euro sehr wohl gesund ernähren könne. Untergewicht sei ja wohl das geringste Problem von Hartz-IV-Empfängern, stellte er fest. Dass er dafür aus seiner Partei und von den Linken Prügel bezog, ertrug Sarrazin. „Aber in der Sache habe ich recht“, beharrte er damals.


Jetzt musste er dagegen den Kotau vor den Parteilinken machen. Das dürfte dem selbstbewussten Ökonomen schwer gefallen sein. Denn ein Sarrazin zieht nicht gern zurück. Aus dem Vorstand der DB Netz AG schied er im Streit mit Bahn-Chef Hartmut Mehdorn. Und bei der Treuhand-Liegenschaftsgesellschaft wurde sein Vertrag nicht verlängert, weil er sich mit Finanzminister Theo Waigel nicht über die Strategie einigen konnte.


In Berlin will Sarrazin als Sanierer der Stadt Geschichte machen. Um das zu schaffen, muss er noch ein paar Jahre den Daumen auf den Ausgaben halten. Aber die Luft wird dünner für Sarrazin, auch wegen der neu entflammten Ausgabenlust in der SPD und der Linken. Und so hält sich das Gerücht, Sarrazin könnte 2009 in den Vorstand der Bundesbank wechseln.