Der Schall des Flugzeuges dringt plötzlich ans Ohr, da ist die Maschine auch schon zu sehen. Zweimal kurz hintereinander fallen kleine Leuchtpünktchen herunter. In zwei, drei Kilometern Entfernung ertönen zwei gewaltige Explosionen. Die Ohren sind taub. Danach steigt schwarzer Qualm auf.


Automatisch fällt der Blick auf die Armbanduhr: Es ist 11.44 Uhr hier. Eine russische Maschine vom Typ Su-25 hat unmittelbar in der Nähe des georgischen Dorfes Tirdznisi Bomben auf das abgeworfen, was die russische Militärführung später sicher als militärisches Objekt bezeichnen wird.


Zehn, fünfzehn Minuten zuvor war aus der Richtung, wo die Bomben fielen, Geschützfeuer zu vernehmen gewesen. Präsident Saakaschwili hatte zwar bereits am Sonntag nach dem Rückzug aus Südossetien eine einseitige Waffenruhe verkündet. Doch es ist nicht ausgeschlossen, dass übereifrige Kommandeure sie nicht einhalten.


Tirdznisi liegt knapp 20 Kilometer nördlich der Stalin-Heimatstadt Gori und etwa zehn Kilometer südlich der südossetischen Hauptstadt Zchinwali. Die hatten die Georgier in der vergangenen Woche kurzfristig eingenommen, waren aber von so genannten russischen "Friedenstruppen“ und starken russischen Verbänden aus dem Norden vertrieben worden.

An der Bushaltestelle des Dorfes haben sich an diesem Montagmorgen Dorfbewohner und Flüchtlinge aus den georgischen Dörfern Kurta, Kechi und Arascheni in Südossetien versammelt. Sie besprechen gerade die Möglichkeit, wie sie vielleicht doch wieder zurückgelangen in ihre Dörfer, wo sie nach Ausbruch der Gefechte die Alten, die Kranken und ihren gesamten Besitz zurücklassen mussten.


Vom Krieg gezeichnet, stürzen sie beim Anblick des Kampfflugzeuges in das wacklige Häuschen der Bus-Haltestelle, als könnte das Sperrholz auch nur den geringsten Schutz bieten. Entsetzen in den Gesichtern, als die Detonationen so nahe ertönen.

Eigentlich hatten sie gehofft, durch einen "Korridor“ zwischen den georgischen und russischen Truppen hindurch nach Hause zu kommen, sagt die mütterlich-runde Naira Kachniaschwili. Sie dachte, dass die Kämpfe eingestellt werden, nachdem sich Georgien nach heftigen russischen Angriffen wieder aus dem eigentlich zum georgischen Staatsverband gehörenden Südossetien zurückgezogen hatte. Nach ihrer Erfahrung lassen sie den Versuch zur Heimkehr erst einmal fallen.



Die georgische Regierung veröffentlichte am Montagvormittag eine Aufzählung der Luftangriffe, die die Russen am Sonntag zu verantworten hatten. Aus der Luft wurden die einzig verbliebene Brücke auf dem Ost-West Highway, das Dorf Knolevi, die Stadt Gori, das Dorf Urta in der Nähe von Sugdidi und der obere Teil der Kodori-Schlucht angegriffen. Die Angriffe in der Nacht, unter anderem auf den Hafen von Poti und auf die Umgebung von Tiflis, sowie der Vorfall von Tirdznisi sind noch nicht erfasst.

Beim Angriff auf die Kodori-Schlucht, sagt die georgische Regierung, sei ein russisches Flugzeug abgeschossen worden. Das ist die Ausnahme. In der Regel bewegen sich die russischen Jets, als befänden sie sich in heimatlichen Gefilden. Weder war das Feuer einer Flugabwehr zu hören, noch waren georgische Flugzeuge am Himmel. Russland hat die totale Lufthoheit und nutzt sie nach eigenem Gutdünken. Putin nennt das "das zu Ende Bringen einer Friedenschaffenden Mission“.

In Gori wurde eine Militärbasis bereits mehrfach angegriffen, die Stadt soll gefallen sein. Am Sonnabend kam es zu einem Blutbad unter der Zivilbevölkerung, als Bomben und Raketen in der Nähe stehende Wohnhäuser trafen. "Auch heute morgen haben sie Gori wieder bombardiert“, erzählt der 27-jährige Lewan mit bitterem Lächeln. "Das ist die Handschrift des russischen Präsidenten“, fügt er hinzu. Lewan hat Glück gehabt, bisher jedenfalls. Seine Wohnung blieb verschont, seine Familie lebt.


Guran blieb von seiner Habe nur ein georgischer Trinkbecher


Auch Guran, ein 60-jähriger Rentner, hatte Glück im Unglück. Beinahe schon lächelnd dreht er versonnen ein georgisches Trinkhorn in seinen Händen. "Das ist alles, was von meiner Wohnung übrig geblieben ist. Alles andere ist verbrannt. Ich war glücklicherweise nicht zu Hause, ich bin eben erst von einem Besuch bei Verwandten zurückgekommen.“

Doch mehr als 30 seiner Nachbarn starben, noch mehr wurden verletzt. "Hier, schauen Sie!“ Lewan zeigt auf einen verkohlten Haufen Schrott. "Ein junger Mann wollte seine schwangere Frau gerade ins Krankhaus bringen, als das Auto getroffen wurde. Sie verbrannten beide da drin.“

Im internationalen Sprachgebrauch hat sich bei der Berichterstattung über die Krisenherde dieser Welt das Wort "Kollateralschaden“ eingebürgert für derlei Fälle, wenn das Militär irrtümlich, statt Ziele des Gegners zu treffen, Zivilisten umbringt. Angesichts der Zerstörungen, der ausgebrannten Häuser und der vielen Opfer klingt eine solche Umschreibung nur noch zynisch.


Schon bei der Rückfahrt nach Tiflis, nahm der Strom derer, die die gleiche Route wählten, deutlich zu. Nur etwas mehr als zwanzig Kilometer von russischen Panzern entfernt, fühlen sich die Einwohner von Gori zunehmend bedroht. Tatsächlich stehen die Tanks schon an der Grenze. Roman, ein Georgier, der zu Fuß aus Zchinwali geflohen ist und als Anhalter mitfährt, bestätigt: "Ja, in Eretvi stehen russische Panzer!“


Am Straßenrand steht getarntes georgisches Militär


Das am Straßenrand überall getarnt wartende georgische Militär, wozu auch die Haubitzen gehören, die Zchinwali beschossen haben, macht nicht den Eindruck, als würde es einem entschlossen geführten Vorstoß widerstehen können. Die Menschen fühlen das und fliehen.

Schon am Sonntagabend an der Grenze zwischen Aserbaidschan und Georgien spielten sich Flüchtlingstumulte ab. Hunderte wollten raus aus Georgien, rein in ein Land, in dem kein Krieg tobt. Aserbaidschanische Grenzsoldaten, die Kalaschnikow vor der Brust, drängten den Ansturm zurück in einem engen, von Drahtzäunen abgesperrten Durchlass.


Ein hoffnungsvolles Geraune setzte immer dann ein, wenn der Grenzoffizier mit einem Bündel Pässe in der Hand auftauchte und weitere Namen vorlas. Die Glücklichen, die aufgerufen wurden, eilten flink hinein ins gelobte Land, das für sie Aserbaidschan hieß.

Wer die andere Richtung nahm, hatte keine Probleme. Keine Schlange Wartender drängte sich dort, nur wenige wollten in das Land, über dem der Luftkrieg tobt. Und das dennoch auf den ersten Blick so unbetroffen aussieht. Am Abend ist Tiflis hell erleuchtet. Alle reden von den Bombern, niemand von Verdunkelung. Auf der zentralen Straße, der Rustaweli-Avenue, drängen sich Anhänger von Präsident Saakaschwili, die gegen die russischen Luftangriffe protestieren. Das Auto kommt nur im Schritttempo voran.

Dieser Protest wird auch von Saakaschwilis politischen Gegnern geteilt. Russland hat seine letzten Sympathien hier verspielt. Doch Georgi, der sein Fahrzeug geschickt und unter Umgehung aller Regeln durch die Menge lenkt, bleibt wütend auf seinen Präsidenten. "Das hätte Mischa nicht machen dürfen“, schimpft er.


Er wusste doch, dass er nicht gegen Südosseten kämpfen wird, sondern dass er es mit den Russen zu tun bekommt. Und überhaupt – was will er da? Haben wir etwa zu wenig Land?“ Geteilt wird diese Meinung gegenwärtig allerdings nur von wenigen in Georgien.