Wenn Parteien Tagen ist es ein guter Brauch, dass der Bürgermeister der gastgebenden Stadt vorbeischaut und den Delegierten ein paar nette, sein Gemeinwesen in angenehmes Licht tauchende Worte widmet. Das ist auch hier nicht anders – und ist doch anders.


In Neunkirchen, der zweitgrößten Staat des winzigen Saarlandes, hat sich die Linkspartei gut ein Jahr nach ihrer Gründung zu ihrem ersten Parteitag versammelt. Als Oberbürgermeister Fritz Deckert, ein stattlicher Mann, mit seinen Begrüßungsworten anhebt, sitzt unten – bester Laune – sein ehemaliger Ministerpräsent und Parteivorsitzender: Oskar Lafontaine. Das könnte durchaus etwas Frivoles, zumindest Spannungsreiches haben. Hat es aber nicht.


Der Sozialdemokrat spricht zu den Abtrünnigen wie zu lieben Familienmitgliedern, man ist ganz unter sich. Aller Groll gegen Lafontaine, der mit seinem abrupten Politikausstieg der Saar-SPD bei der Landtagswahl 1999 die Regierungsmacht genommen hatte, ist verflogen. Schmunzelnd erinnert er daran, dass man sich hier im Bürgerhaus schon öfter getroffen habe – etwa 1987, als beide hier im Saal dem DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker lauschten, der bei seinem ersten und einzigen Besuch der Bundesrepublik auch seine Heimatstadt besuchte.


Ansonsten aber müssen die DDR und ihr Erbe, die PDS, draußen bleiben. Die Linkspartei, deren stärkste Bataillone im Osten der Republik stehen, verzichtet hier, ganz im Westen, auf Grußworte und Präsenz. Hier soll alles autochthon, saarländisch, heimisch, selbst gemacht wirken. Man will nicht der verlängerte Arm einer Ostpartei, sondern der bessere Teil der saarländischen Sozialdemokratie sein. Der Teil, der am guten Alten festhält.


Während die Linkspartei anderswo im Westen Deutschlands vor allem alte und neue Sektierer anzieht, kommen hier die etwa 150 Delegierten eher aus der Mitte des herkömmlichen sozialdemokratischen Milieus. Das Durchschnittsalter liegt bei 50 Jahren, viel graue Haare, viele graue Menschen, Gewerkschaftskultur, kaum Männer mit Pferdeschwänzen, dafür viele, die sichtlich mitten im Vereins- und Arbeitsleben dieser mit Wohlstand nicht mehr gesegneten Region stehen. Gestrickt wird hier nicht, auch fehlen die Tagesordnungschaoten: Alles geht zügig und diszipliniert voran. Der Oberbürgermeister fühlt sich hier wie zu Hause – etwa 80 Prozent der Anwesenden, sagt er, kenne er persönlich.

Alles ist hier auf einen ausgerichtet: auf Lafontaine. Ihm zuliebe wird kurzerhand die Tagesordnung geändert – es wird gar nicht der Versuch unternommen, den Charakter der Ein-Mann-Schau zu verbergen. Als der Vorsitzende der Linkspartei kurz nach 12 Uhr die Brille abnimmt, einen Schritt vom Rednerpult zurücktritt und zu seiner genau einstündigen Grundsatzrede ansetzt, gerät diese wie viele seiner Reden zuvor zu einer grundsätzlichen Abrechnung nicht nur mit der Bundesregierung, sondern mit allen anderen Parteien. Man kennt inzwischen den Sound: Überall lauert der Verrat der „Hartz-IV-Parteien“, überall sitzen „depperte und dämliche“ Politiker, die nichts begriffen haben und nichts begreifen wollen.


Obgleich sich Lafontaine in seiner Anmutung eine Spur seines alten Frecher-Junge-Charmes bewahrt hat, steht ihm inzwischen doch nur noch die martialische Rhetorik zur Verfügung, die nicht immer sehr weit von jener Rhetorik entfernt ist, demzufolge oben nur Verbrecher sitzen. Er sagt: „Die ganze Reformpolitik der letzten Jahre war ein einiger Schwindel, ein Betrug am Volk.“ Und er bietet ein einfaches Heilsversprechen an: Das alles muss eingerissen, muss zurückgenommen werden, der Staat muss instand gesetzt, gestärkt und wieder zu einer großen Arbeitsplatzbeschaffungsagentur gemacht werden.


Das alles kommt beim Publikum so leidlich an: Man kennt das, ohne wirklich daran zu glauben – man weiß schon, dass man hier auch auf einer religiösen Veranstaltung ist. Doch etwas anderes elektrisiert die Leute: der klar wie nie zuvor formulierte Machtanspruch Lafontaines. Gleich zu Anfang sagt er klipp und klar, er wolle (wieder) Ministerpräsident des Saarlandes werden. Und es wird ganz still, als er das gegen Ende seiner Tour d’horizont präzisiert: Man werde nach der Wahl mit der SPD auf Augenhöhe verhandeln.


Und das heiße: „Wer der Stärkere ist, der stellt den Ministerpräsidenten. Das ist eine conditio sine qua non.“ Nun erst ist der Jubel wirklich groß. Jeder im Saal weiß: Der blasse saarländische SPD-Chef Heiko Maas, der Rot-Rot nicht ausschließt, hat sich eben erst nach längerem Zögern dazu durchgerungen, eine wie auch immer geartete Beteiligung Lafontaines an einer zukünftigen Landesregierung nach der Landtagswahl im Herbst 2009 kategorisch auszuschließen.


Schnelle Lacher holt sich Lafontaine immer wieder, indem er den christdemokratischen Ministerpräsidenten Peter Müller herabsetzt: als „das Müllerchen“, als „diesen Winkeladvokaten“, als einen Versager, der nur auf seinem Sessel hocke. Dahinter stehen aber nicht nur Ranküne und ein Spiel mit den niederen Instinkten des Publikums, es steht dahinter auch ein schlaues Kalkül. Die nun fast zehn Jahre Regierung Müller sollen wie ein unbedeutendes Interregnum, wie eine kleine Witzphase der Geschichte erscheinen.


Häufig nimmt er, weit ausgreifend, das schlichte Wort „wir“ in den Mund – und meint damit viel mehr als die Versammelten, viel mehr als die saarländische Linkspartei. Er spricht gewissermaßen in der Rolle des ehemaligen und des künftigen Ministerpräsidenten: Oskar war, Oskar ist, Oskar wird sein. Es ist ein einfacher, aber ein erfolgreicher Trick: Die Linkspartei, die im aggressiven Bruch mit den anderen Parteien entstanden ist und fast überall in der Republik – freiwillig oder nicht – vor den Türen der Macht steht, inszeniert sich hier als Partei der Macht und der Rückkehr zum guten Alten, das unmittelbar bevorsteht.


Man muss nur die segensreiche Politik des einstigen Ministerpräsidenten fortsetzen. Im Grunde ist man fast schon an der Macht. Einer der zahlreichen Umfragen zufolge kommen SPD und Linkspartei zusammen zurzeit auf 45 Prozent, während es die CDU nur auf 43 Prozent bringt und FDP und Grüne an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern würden. Schon wäre sie da, die rot-rote Mehrheit – und die Linke müsste es nur noch von 19 auf etwa 23 Prozent bringen, um vor den Sozialdemokraten zu liegen. Diese Gewichtsverschiebung innerhalb der Familie, hofft man hier, sollte doch möglich sein.


Über dem Bürgerhaus in der Adolf-Kolping-Straße thront die Marienkirche, in der – kaum hat Lafontaine seine Rede beendet – eine Hochzeit mit allem Kleine-Leute-Prunk vergangener katholischer Zeiten beginnt. Neunkirchen, dessen Bewohner sich „Neinkeijer“ nennen, hat einen strammen Strukturwandel hinter sich. Die Gegend barg einmal eine große Zukunft.


Als der junge, schon damals an Technik und Innovation interessierte Goethe im Jahre 1770, von Straßburg kommend, mit ein paar Bekannten die Gegend bereiste, nahm – wie er 40 Jahre später in „Dichtung und Wahrheit“ schrieb – staunend Kenntnis von den Steinkohlegruben und den fauchenden, Feuer speienden Hütten, die er ein „Wunder“ nannte. Er sah hier, in diesem so „felsig waldigen Lande“, eine lichte Zukunft aufziehen. Diese kam, und sie erlebte ihren Höhepunkt in der großen Montanzeit Mitte des vergangenen Jahrhunderts, die dem Saarland sein heutiges Gepräge gab: in jener eigentümlichen Mischung aus ländlicher Verstocktheit, auf alte Lebenswelten wenig Rücksicht nehmender Industrialisierung und Zersiedelung der Städte und Dörfer.


Heute sind die Wunden, die das geschlagen hat, überall in Neunkirchen und Umgebung zu sehen: aufgegebene Geschäfte, Billigläden, tote Fenster, ein paar verfallende Häuser und kaum Menschen auf den Straßen. Die Kohlegruben, die einmal die Grundlage von Auskömmlichkeit und bescheidenem Wohlstand waren, werden bald im ganzen Saarland geschlossen sein. Das geißelt Lafontaine, drinnen im Bürgerhaus, als einen Verrat, als einen „Verstoß gegen unsere Kultur“. Wer das gutheißt, wie „das Müllerchen“, der „hat sich an unserer Tradition versündigt“.


Dass die Gruben nicht bleiben werden, weiß jeder im Saal. Dennoch hören sie alle es gerne, wenn Lafontaine die Rettung des Bergbaus in Aussicht stellt. Hier im Bürgerhaus, das architektonisch den Geist der versammlungsfreudigen 70er-Jahre atmet, ist man vor der Wirklichkeit vor den Türen geschützt und behütet. Hier lebt die alte Bundesrepublik fort: Was war, soll bleiben. Warum? Weil wir es wollen. Und wenn es nicht mehr geht? Es muss gehen. Die Versammlung ist von entwaffnender Verstocktheit.


Und was will Lafontaine? Will er der Wanderprediger bleiben, den er seit Jahren gibt? Will er wirklich zurück in die Staatskanzlei in Saarbrücken? Seine neuen Freunde und seine alten Freunde, die ihm nun nicht mehr über den Weg trauen, haben ihre Zweifel. Der Oberbürgermeister mutmaßt, er sehe seine Kandidatur womöglich als eine Art Opfergang, als Wiedergutmachung für den Schaden, den er 1999 angerichtet hat. Aber keiner, mit dem man redet, mag sich wirklich vorstellen, dass er das alte Amt anstrebt.


Einer, der ihn sehr lange kennt, der in der SPD einmal eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat und der Lafontaine inzwischen einen Überzeugungskern abspricht, sieht es ziemlich prosaisch: Der Spieler, der sich in seiner Villa bei Saarlouis langweilt, werde das bundespolitische Klavier in Berlin dem kleinen saarländischen Instrument gewiss vorziehen. Dafür spricht einiges: Lafontaine bewegt sich auf diesem Parteitag, der ihn mit 92,4 Prozent der Stimmen zum Spitzenkandidaten wählt, fast wie ein Fremder. Er muss hier nicht kämpfen, er muss nur eine Rede abliefern und sich wählen lassen. Auch wenn er gerne in den lauten Ton am Rande des Brüllens verfällt: Es fehlt ihm die Leidenschaft. Er ist ein alleiniger Vorsitzender mit Parteianhang. Er ist sich seiner sicher. Und wirkt doch seltsam, wie fehl am Platz.