Nach wochenlangen Protesten haben Polizei und Forstarbeiter eine mindestens 200 Jahre alte Rotbuche für den Bau der umstrittenen Dresdner Waldschlösschenbrücke gefällt. Ein Sondereinsatzkommando des Landeskriminalamtes rückte in der Nacht gegen 1 Uhr an und holte zehn Aktivisten der Umweltschutzorganisation „Robin Wood“ aus den Ästen. Sie hatten den Baum seit dem 12. Dezember trotz Minusgraden besetzt gehalten. Auch eine Sitzblockade wurde geräumt und etwa 40 Demonstranten vorübergehend in Gewahrsam genommen. Die Proteste dauerten bis zum Mittag an, als der Baum endgültig zerlegt war.

Während Forstarbeiter ab 6 Uhr morgens die Krone der Buche und eine benachbarte Linde Stück um Stück mit Kettensägen zerschnitten, schallten John-Lennon-Klassiker und der Alexandra-Schlager „Mein Freund der Baum ist tot“ über die Baustelle. Sägespäne rieselten auf die Demonstranten, Polizeibeamte und Schaulustige säumten am Vormittag zu Hunderten die gesperrte Bautzener Straße. Es gab immer wieder Pfiffe und Sprechchöre. Viele Passanten trugen sich in Unterschriftenlisten für ein am Montag gestartetes Bürgerbegehren ein, mit dem noch in letzter Minute anstatt der Brücke eine Tunnellösung durchgesetzt werden soll.

In der Nacht waren Polizeibeamte mit Hebebühnen in mehr als 15 Meter Höhe gebracht worden, um die Protestierer loszuschneiden und aus dem Baum herabzuseilen. Zwei Aktivisten hatten sich mit Metallrohren an Ästen festgemacht. Bei der Räumung seien die Beamten teilweise mit rüden Methoden vorgegangen, kritisierte Robin Wood. Menschenleben seien gefährdet worden, monierte Sprecherin Sara-Ann Lampmann. „Der Baum ist ein Symbol für die komplett schräge Verkehrspolitik der Dresdner“, sagte Aktivist Chris Janecka aus New Mexiko (USA) Morgenpost Online. Die halbe Welt lache über das Projekt. „Doch der Kampf geht weiter, der Krieg ist nicht vorbei.“ Auf die Frage, ob es Verletzte gab, sagt Janecka: „Ja, im Herzen.“


In Sichtweite der Buche, die einer Zufahrtsstraße für die Brücke weichen musste, haben Bagger am Flussufer bereits begonnen, den Boden für das Bauwerk zu bereiten. Die seit Anfang der 90-er Jahre geplante, vierspurige Waldschlösschenbrücke soll den innerstädtischen Verkehr entlasten. Sie quert jedoch das sensible Elbtal nahe der berühmten Altstadt-Kulisse. Die Unesco will der Stadt daher den Welterbe-Status aberkennen. Auf Transparenten stand „Milbradt – Totengräber des Welterbes“. Sachsens Ministerpräsident hatte sich lange Zeit für die Brücke stark gemacht. Wie Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass hatte auch Milbradt die Baumbesetzer zwischenzeitlich besucht.

Der Bau des international beachteten, 160-Millionen-Euro-Projekts hatte trotz des Widerstands von Naturschützern und trotz jahrelangen, politischen und juristischen Auseinandersetzungen Mitte November begonnen. Die Stadt Dresden und der Freistaat beharren dabei auf der Umsetzung eines entsprechenden Bürgerentscheids von 2005, bei dem zwei Drittel der Bürger für die Brücke gestimmt hatten. Nach einem Eilentscheid des Oberverwaltungsgerichts Bautzen über mögliche Beeinträchtigungen der seltenen Fledermausart „Kleine Hufeisennase“ wurden die Bauarbeiten gestartet. Die idyllische Flusslandschaft wird damit jedoch an einer seiner schönsten Stellen beeinträchtigt.

Freistaat und Stadt wollen die Unesco nun noch mit einer leicht überarbeiteten Brücken-Anmutung umstimmen. Die Entscheidung soll im Juli fallen.