US-Wahlkampf

Was die Amerikaner an John McCain fasziniert

| Lesedauer: 8 Minuten
Torsten Krauel

Der Kandidat der Republikaner wurde 1967 über Hanoi abgeschossen, in der Haft gefoltert, fast getötet. Heute ist John McCain 71 Jahre alt, neigt zu Jähzorn und ist angriffslustig. Für die Amerikaner ist er ein Held – genau wie der jugendliche Obama. Der Kampf der beiden um das Präsidentenamt wird hart.

Ein Zellenkamerad im Kriegsgefangenenlager von Hanoi hat beschrieben, wie der junge Pilot John McCain vor 40 Jahren aussah. „Ich habe Tote gesehen, die gesünder aussahen als er.“ McCain wurde am 26.Oktober 1967 über Hanoi abgeschossen. Beim Ausstieg hatte er sich die Beine gebrochen, war in einem Stadtsee gelandet und dort beinahe ertrunken. Passanten zogen ihn heraus, Soldaten stachen am Ufer mit Bajonetten auf ihn ein, dann kam er in ein Hospital.

Nun lag er Ende Dezember in der Zelle und wog 45 Kilo. Sein Haar war schlohweiß, sein Hals „dünn wie bei einem Küken“, ein dünner Arm spießte gebrochen in die Höhe, die dürren gebrochenen Beine hatten flammende Narben. „Seine Augen, das vergesse ich nie, brannten hell“, sagte der Zellenkamerad dem Autor des Buches "Der Gesang der Nachtigall". „Es waren Insektenaugen, wie im KZ. Rausquellend. Ich dachte, die Vietnamesen haben ihn hergebracht, um zu sagen, wir hätten ihn gekillt. Ich gab keinen Pfifferling auf ihn.“



McCain ist nicht George W. Bush


McCain, sagt die Opposition, sei „McBush“. Er werde im Weißen Haus allenfalls die Handtücher austauschen. Das sei seine Idee vom politischen Wechsel. Es irritiert die Demokratische Partei, dass die Sicht nicht Allgemeingut ist. Zwar gibt es Republikaner, die sich wegen Obama „vor einem Berg Probleme“ sehen, wie die Zeitung „Politico“ anonyme Kreise der Partei Bushs zitierte. Doch das Geld beginnt zu fließen.

McCain hat im April 21 Millionen Dollar gesammelt. Zusammen mit Spenden, die an die Partei statt an Kandidaten gehen, liegen die Republikaner derzeit sogar 15 Millionen Dollar vor den Demokraten. Obama sandte deswegen am Wochenende eine Rundmail an seine Unterstützer. In wichtigen Bundesstaaten liegt McCain demoskopisch vor ihm. „Wir haben nur fünf Monate Zeit bis zur Wahl“, sagte ein Helfer Obamas am Tag nach dessen Nominierung mit spürbarer Unruhe. Die Demokraten wissen: McCain ist nicht George W. Bush. Wegen Vietnam.


Er überlebte fünfeinhalb Jahre im Lager, obwohl Hanoi ihn zum Geständnis bewegen wollte, ein „Luftpirat“ zu sein. Man wollte es, weil McCains Vater Chef der Pazifikflotte war. McCains Großvater hatte eine Trägerkampfgruppe gegen Japan geführt, auf dem Schlachtschiff „Missouri“ die Kapitulation miterlebt und war am Tag der Heimkehr im Familienkreis an Erschöpfung gestorben. Hanoi wusste das alles.


Um McCains Aussage zu erzwingen, griff man zu Folter. Die Verhörer ließen ihn tagsüber verprügeln. Nachts wurde der Ruhrkranke an gebrochenen Gliedern krumm auf einen Stuhl gefesselt. Nach sieben Tagen unterschrieb er. „Jeder Mensch hat einen Bruchpunkt. Ich hatte meinen erreicht.“ Nach der Unterschrift knotete McCain in der Zelle sein Hemd ans Fenster. Eine Wache verhinderte den Freitod. Seit der Haft kann er seine Arme nicht mehr heben. Er muss sich kämmen lassen.

Wenn John McCain über Krieg redet, weiß er, wovon er spricht. „Krieg“, sagte er vor vier Wochen, „ist mies ohne Ende. Nur Idioten oder Schwindler reden gefühlig über ihn.“ Gegner sagen, er habe trotzdem ein falsches Bild, denn er habe Vietnam nicht als Infanterist erlebt. McCain glaubt in der Tat, Vietnam sei von der Politik im Stich gelassen worden. Er will aus seiner Sicht verhindern, dass es im Irak genauso komme.



Ein amerikanischer Held


Wie Obama schreibt McCain gern Bücher. 1999 würdigte er in „Faith of my Fathers“ („Meiner Väter Gottvertrauen“) seine Offiziersfamilie. Es folgten Titel wie „Was Kämpfen lohnt“, „Courage zählt: Wege zu einem tapferen Leben“ oder „Charakter und Vorsehung: Inspirierendes, der Jugend zur Kenntnis und Älteren zur Erinnerung“. Das klingt nach Biedermeier. Aber Amerika ist jenseits von New York und Kalifornien unbefangen biedermeierlich.

Obama ist ein jugendlicher Held ohne Narben. McCain ist narbenübersät – sichtbar, denn er hatte Hautkrebs im Gesicht, und unsichtbar. Er hat eine Scheidung, etliche Amouren und einen schlimmen Korruptionsskandal hinter sich, der 1989 seine Karriere fast beendet hätte. McCain sagt: Ich habe aus allem gelernt. Wenn Obama ihn als „amerikanischen Helden“ würdigt (mit „Antworten von gestern“, fügt er hinzu), bekommen Frauen im Publikum einen nachdenklichen Blick. McCain gilt als jähzornig, aber es gibt so viele Männer, die im Alltag wegen Kleinigkeiten ausrasten. McCain wurde gefoltert.


Er ist in der Tat jähzornig. Das Magazin „Newsweek“ schilderte eine Szene im Hotel „Bayerischer Hof“ in München. 2006 trafen sich dort McCain und sein Senatskollege Joe Lieberman mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Es ging offenbar um Weißrussland. Steinmeier übte diplomatische Vorsicht. Plötzlich „lief McCain rot an, erhob sich halb und rief: ,Ich bin doch nicht hier, um mir solchen Mist erzählen zu lassen'“, schilderte es ein Augenzeuge dem Magazin. Lieberman habe eingeworfen: „John, das war ein Übersetzungsproblem.“ Deutsche Besucher haben ihn auch anders erlebt. Gut informiert, bedachtsam, bedächtig. Aber sein heiseres Lachen verrät vulkanische Schichten.

2000 bewarb er sich gegen George W. Bush um das Weiße Haus. Ihm wurde übel mitgespielt. McCain ist in Gütertrennung mit einer Multimillionärin verheiratet. Beide haben ein dunkelhäutiges Mädchen aus Bangladesch adoptiert. Vor acht Jahren streuten deshalb Gegner, er habe „mit einer Schwarzen ein uneheliches Kind“. McCain verdächtigte Bush. Er war so aufgebracht, dass er ihn nicht wählte. 2004 soll er erwogen haben, mit John Kerry gegen Bush anzutreten, sagen Demokraten. McCain bestreitet das, denn es schadet ihm bei Konservativen. Es nützt ihm aber in der Mitte. Deshalb bestreitet er es nur undeutlich.



Demokraten sind nervös


Vielen gilt er wegen Irak als altersstarr. Indes, er hat das Ohr Arnold Schwarzeneggers und des Demokraten Ted Kennedy. Er ist für Umweltschutz und Frauenrechte. Er fährt manchmal einen absurden politischen Zickzackkurs und gab zu, von Wirtschaft nicht viel zu verstehen (dafür holte er sich Carly Fiorina, früher Chefin des Computerkonzerns Hewlett Packard). In Washington wohnt er in einem kleinen Appartement am Flugplatz, statt im teuren Georgetown. Seine Frau stellt ihm einen Jet.

Die Demokraten lachen öffentlich über die Idee, McCain könne gewinnen. Nervös sind sie dennoch. McCain gilt als überparteilich, das kommt an. 2004 entschärfte er im Kongress einen verbissenen Streit um die Ernennung von Bundesrichtern. Mit Ted Kennedy entwarf er eine liberale Einwanderungsreform, mit dem Linksliberalen Russ Feingold reformierte er die Wahlkampffinanzierung, mit Bush verhinderte er aggressive Gesetze gegen China oder gegen die Flaggenverbrennung – Themen, die die Republikaner gespalten hätten. Um den rechten Flügel eindämmen zu können, ließ McCain sich 2004 öffentlich von Bush umarmen.

Gemessen am Zustand der Republikaner stehe er ganz gut da, sagte McCain am Freitag. Es riecht nach einem Erdrutschsieg Obamas. Doch wer wie McCain 1968 physisch am Rand des Todes stand und im Sommer 2007 politisch, den können Umfragen nicht mehr erschüttern.

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