Über Jahrhunderte rankten sich zahlreiche Legenden um die versunkene Stadt Rungholt in der Nordsee. Schriftsteller griffen den Mythos immer wieder auf und schmückten den Untergang mit dramatischen Erzählungen aus. Zufallsfunde aus den vergangenen Jahrhunderten und neuere Forschungsprojekte zeigen, dass es Rungholt wirklich gegeben haben muss. Wissenschaftliche Untersuchungen helfen dabei, eines der bekanntesten historischen Rätsel der Nordseeküste endgültig zu lösen.

Die Legende vom „Atlantis der Nordsee“

Durch mündliche Überlieferungen und zahlreiche Erzählungen hat die Legende von Rungholt über die Jahrhunderte hinweg zahlreiche Veränderungen erfahren. Im Mittelpunkt der Legende steht eine wohlhabende Handelsstadt in der Nordsee, deren Bewohner der Überlieferung zufolge überheblich waren und sich über religiöse Gebote der damaligen Zeit hinwegsetzten. Der Legende nach spielten die Stadtbewohner einem Pfarrer einen Streich, indem sie ihm statt eines Menschen auf dem Sterbebett ein betrunkenes Schwein präsentierten. Anschließend sollen sie ihn zum Trinken gezwungen und dabei einen Abendmahlskelch missbraucht haben. Als der Pfarrer schließlich auch noch geschlagen wurde, floh er aus der Stadt.

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Noch in derselben Nacht wurde Rungholt von einer furchtbaren Flut heimgesucht und versank für immer im Meer. Bis heute hält sich zudem die Erzählung, dass bei ruhiger See und Windstille an manchen Tagen die Glocken der versunkenen Kirchen zu hören seien.

Rungholt: Eine Legende wird wahr

Letztendlich war es wie bei vielen archäologischen Funden der Zufall, der einen Mythos zur Wahrheit werden lassen sollte. Wie GEO berichtet, stieß der Bauer Andreas Busch 1921 bei Ebbe auf Überreste alter Brunnen, Gräben und Warfen. Neben dieser physischen Entdeckung nährten weitere Hinweise die Annahme, das Rungholt wirklich existierte. Dazu zählt eine Karte des Zeichners Johannes Meyer aus dem Jahr 1636, die auf einer älteren Darstellung aus dem Jahr 1240 beruhen soll. In den 1970er Jahren entdeckte ein nordfriesischer Heimatforscher in Hamburg ein Testament aus dem Jahr 1345, das für einen Bürger von Rungholt verfasst worden war.

Neuere Forschungsarbeiten haben diese älteren Funde und Dokumente durch weitere archäologische Funde ergänzt. Ein Forschungsteam des Instituts für Geowissenschaften an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU), des Exzellenzclusters ROOTS an der CAU, des Leibniz-Zentrums für Archäologie am Standort Schleswig (LEIZA-ZBSA), sowie des Archäologischen Landesamtes Schleswig-Holstein (ALSH) entdeckte im Wattenmeer mittelalterliche Wohnhügel, die als Warften bezeichnet werden.

Durch ihre archäologischen Untersuchungen kamen die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass Rungholt ein Siedlungsgebiet von circa zehn Quadratkilometern umfasste und 1000 bis 1300 Einwohner besaß. Geophysikalische förderten zudem einen 40 Meter langen und 15 Meter breiten Grundriss einer Kirche zutage.

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Die „grote Mandränke“: Die Flut war der Untergang

Als historisch gesichert gilt die Zweite Marcellusflut aus dem Jahr 1362, die unter dem Namen „Grote Mandränke“ in die Geschichtsschreibung einging. Anders als es die Legende nahelegt, dürften zu niedrige Deiche und unzureichende Instandhaltungsarbeiten wesentlich zum Untergang Rungholts beigetragen haben. Bereits vor der Flut hatte die Handelsmetropole unter Missernten, Viehseuchen und der Pest gelitten.

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Das Gebiet rund um die Halligen Südfall, Nübel und Nielandt zieht bis heute Menschen an, die nach weiteren Spuren des sogenannten „Atlantis der Nordsee“ suchen. Die versunkene Siedlung wirft noch immer Fragen auf, die Wissenschaftler und Geschichtsinteressierte beschäftigen. Jährlich treffen sich auf Nordstrand Teilnehmer der Rungholttage, um die Geschichte der Stadt zu erforschen und nach Überresten zu suchen, die im Watt und unter Wasser verborgen liegen.