Ihre weißen Haare wehen im Wind, als sie auf der Tragfläche des Doppeldeckers steht, festgeschnallt mit schwarzen Trägern. Eine rotumrandete Brille schützt ihre Augen. Gleich wird Betty Bromage mit dem Flugzeug abheben und dabei noch immer auf den Flügeln im Wind stehen: Wingwalking nennt sich das, eine waghalsige Angelegenheit. Betty Bromage ist 97 Jahre alt.

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Auf die Frage eines TV-Reporters, ob sie nervös sei, sagt die Britin vor dem Start: „Nein, ich bin kein nervöser Mensch. Was auch immer geschehen wird, wird geschehen.“ Dann hebt das blau-weiß lackierte Flugzeug ab und steigt hinauf in die Lüfte.
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Über der Landebahn des Flugplatzes Rendcomb in der Nähe von Cirencester ist der Doppeldecker gut zu sehen. Und zu hören. Der Motor knattert. Dann macht das Flugzeug eine Rolle, anschließend einen Looping. Betty Bromage steht auf dem Flügel, als sei sie dort festgeschraubt. Man kann nur ahnen, welche Kräfte an dem Körper der Britin zerren. Sie muss Geschwindigkeiten von bis zu 150 Kilometern pro Stunde aushalten. Die Zuschauer auf dem Flugfeld jubeln.
Weltrekord: Betty Bromage sammelt Spenden beim Flügelwalk
Für Betty Bromage aus Cheltenham ist der Flug nichts Neues. Schon fünfmal zuvor ist sie auf der Oberfläche eines Flugzeugflügels befestigt worden, um dort im Stehen zu fliegen. Beim ersten Mal war sie 87. Sie ist die alte und neue Weltrekordlerin. Nie war eine Flügelwalkerin älter. Als sie nach dem mehr als fünfminütigen Flug gelandet ist, bekommt sie eine Urkunde überreicht.
Die Mitarbeiter des Cheltenham General Hospitals, die sich den Flug ansehen, wirken beinahe sprachlos. Sie stehen dort in einer Gruppe, viele halten sich die Hände vor den Mund. Mit ihrer Flug-Aktion sammelt Betty Bromage Geld für die Klinik. „Die Spenden werden für Ausrüstung verwendet. Und sie werden für Patienten und Mitarbeiter einen echten Unterschied machen“, sagt Mitarbeiterin Imogen Sims dem Fernsehsender BBC. „Wir sind so dankbar.“

Im August 2025 hatte Betty Bromage noch selbst in der Klinik Cheltenham gelegen, um die Folgen eines Schlaganfalls auszukurieren. „Ich wurde im Krankenhaus so gut behandelt. Der Schlaganfall beeinflusst noch immer meine Sprache, aber ansonsten geht es mir gut“, sagt sie der BBC. Der Schlaganfall ist nicht ihre erste ernsthafte Erkrankung. In ihren Sechzigern hatte die Mutter und Großmutter ein Rückenleiden. Für drei Monate war sie an den Rollstuhl gefesselt.
Motivationsspruch begleitet die Ex-Krankenschwester
In ihrer Karriere als Krankenschwester habe sie einen Spruch über ihrem Bett gelesen, der sie ihr Leben lang geprägt habe, erzählt Bromage der BBC: „Wir durchlaufen diese Welt nur ein einziges Mal“, zitiert sie den Spruch. „Alles Gute, das wir tun können, jede Freundlichkeit, die wir zeigen können, sollten wir jetzt tun und zeigen, denn wir werden diesen Weg nicht noch einmal gehen.“
Schon bei ihrem ersten Wingwalk vor etwa zehn Jahren habe sie sich das zu Herzen genommen und sich auch dabei nicht sagen lassen, dass sie für eine solche Aktion zu alt sei. „Die Worte ‚kann nicht‘ gehören nicht zu meinem Wortschatz“, sagt sie. „Ich war 87, als ich vom Wingwalking gehört habe. Und ich habe gedacht: Lass es uns einfach mal versuchen.“

Ohne Aktionen wie diese würde Bromage das Leben schnell langweilig, erzählt die Britin. „Wenn man alt wird, kann man nicht mehr alles machen. Ich kann nicht Autofahren, und ich sehe nicht besonders gut. Das frustriert mich schnell. Deshalb möchte ich die Dinge tun, die ich noch tun kann.“ Sie weigere sich, von Einschränkungen ihr Leben bestimmen zu lassen.
Betty Bromage schließt weiteren Flug auf Flugzeugflügel nicht aus
Steve Bangs, Chef jenes Unternehmens, das die Einrichtung für betreutes Wohnen betreibt, in der Bromage heute lebt, beschreibt die 97-Jährige vor dem Rekordflug als „wahrhaft inspirierende Persönlichkeit“. Sie sei der lebende Beweis dafür, dass es im Alter um neue Erfahrungen gehen sollte. „Und dass das Alter kein Hindernis für Abenteuer ist.“
Gegenüber der TV-Morgensendung „Good Morning Britain“ schloss die 97-Jährige auch nicht aus, in Zukunft noch einmal auf einen Flugzeugflügel zu steigen, um zu fliegen. „Wenn ich in ein paar Jahren noch da bin, könnten wir es noch einmal versuchen.“ Wovor sollte sie noch Angst haben? „Das einzige Problem ist, auf den Flügel zu kommen, weil ich ziemlich klein bin. Sobald man oben ist, ist es kein Problem mehr. Auf dem Jahrmarkt ist es viel schlimmer.“
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Auch den Weltrekord als ältester männlicher Wingwalker hält übrigens ein Brite: Harry Heasman, ein Veteran des Zweiten Weltkriegs. Er stellte die Bestmarke als 98-Jähriger im Mai auf. Laut der Website von Guinness World Records bezeichnete Heasman den Flug als „das unglaublichste Erlebnis meines Lebens“. Und auch er nutzte die Gelegenheit, um Geld für den guten Zweck zu sammeln – für eine Stiftung für krebskranke Kinder.









