Mit knapp einem Meter Körpergröße und einem Gehirn, ähnlich dem eines Schimpansen, wurden die „Hobbits“ von Flores schnell zur Sensation erklärt. Seit man 2003 Überreste der Urmenschen in der Liang-Bua-Höhle auf der indonesischen Insel Flores ausgrub, beschäftigt das Rätsel um ihre Herkunft und ihre Fähigkeiten die Forschergemeinde. Liang Bua wurde zum „El Dorado“ für Paleoanthropologen.

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Als Forschende Homo floresiensis 2004 und 2005 erstmals in der Fachzeitschrift „Nature“ beschrieben, vertraten Wissenschaftler zunächst die These, dass der Urmensch mit Steinwerkzeugen Großtiere jagte und Feuer nutzte. Eine im Juli in „Science Advances“ erschienene neue Untersuchung spricht nun gegen diese Annahme.

Urmensch auf Indonesien: Ein Komodowaran liefert die Antwort

Für die Studie versuchte ein Forscherteam zu klären, wer tatsächlich für die Knochen der ausgestorbenen Zwergelefanten Stegodon florensis insularis gesorgt hatte, die gemeinsam mit „Hobbit“-Überresten und Werkzeugen in der Höhle zum Vorschein kamen. Dazu besuchten die Paläoanthropologen unter der Leitung von Elizabeth Grace Veatch vom National Museum of Natural History der Smithsonian Institution in Washington den Zoo von Atlanta und beobachteten einen Komodowaran namens Rinca beim Verzehr eines Ziegenkörpers.

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Veatch schildert es so: Das Reptil näherte sich vorsichtig, schnupperte am Aas und biss dann in ein Bein, wobei es durch heftige Kopfbewegungen Fleisch losriss und den ersten Bissen hinunterschlang. Die dabei entstandenen Bissspuren digitalisierte das Team mit einem 3-D-Profilometer – einem Verfahren, das Koautor Michael Pante entwickelt hat – und verglich sie mit Markierungen auf den fossilen Stegodon-Gebeinen.

Liang Bua Höhle in Indonesien
Gebeine der in der Liang Bua Höhle in Indonesien entdeckten Fossilien.© Liang Bua Team | Liang Bua Team

Das Ergebnis: Die meisten Kratzer stammten von Komodowaran-Bissen, während Schnittspuren von Werkzeugen eher an weniger fleischigen Stellen sichtbar waren. Daraus folgerten die Autorinnen und Autoren, dass die Stegodons, die etwa 570 Kilogramm wogen und ungefähr 1,5 Meter hoch waren, wahrscheinlich von Komodowaranen getötet wurden. Diese haben ein potentes Gift in ihrem Speichel. Die Hobbits profitierten wohl erst später von den Fleischresten. Für sie war der Verzehr des Fleisches ungefährlich, da das Gift im Verdauungstrakt seine Wirkung verliert.

Jagd des Urmenschen: Auch die Feuer-These bröckelt

Um zu überprüfen, ob die Hobbits mit Feuer umgingen, griff Veatch zu einer unkonventionellen Vergleichsmethode: Rattenknochen. An rund 4500 Nagerknochen aus Eulengewöllen, die den Höhlenboden bedeckten, suchte das Team nach Verbrennungsspuren und blieb dabei erfolglos. Da eine Feuerstelle in der Höhle auch darunterliegende Knochen verkohlt hätte, fanden die Forschenden keine Hinweise darauf, dass Homo floresiensis in Liang Bua Feuer nutzte. Verkohlte Knochenreste tauchten erst in deutlich höheren Schichten auf und dürften von Homo sapiens stammen, der die Höhle erst vor rund 46.000 Jahren nutzte, als es Homo floresiensis schon nicht mehr gab.

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Für Thomas Sutikna, der die Grabungen in Liang Bua seit 2001 betreut, fügen sich die Ergebnisse in ein größeres Bild ein: Zahlreiche bisherige Annahmen über Homo floresiensis, darunter auch die zeitliche Einordnung, hätten sich über die Zeit als fehlerhaft entpuppt – nun auch jene über sein Verhalten. „Wir haben so viel mehr über Homo floresiensis und die verschiedenen damit verbundenen Aspekte erfahren, seit wir die Art erstmals entdeckt haben“, sagte Sutikna. Die Studie trage dazu bei, wesentliche Aspekte des Verhaltens des Urmenschen zu klären. „Dies ist entscheidend, um zu verstehen, wie diese Art über unzählige Generationen hinweg auf Flores lebte.“ 

Verhalten möglicherweise weniger komplex als gedacht

Veatch leitet aus den neuen Erkenntnissen ökologische Implikationen ab: Dass die Urmenschen bis vor 50.000 Jahren isoliert auf ihrer Insel überlebten, ohne jagen zu müssen oder Feuer zu benutzen, spreche Bände über die Rolle, „die diese ‚Hobbits‘ innerhalb eines Inselökosystems spielten“. Das Team vermutet, dass die Spezies mit größeren Raubtieren wie den Komodowaranen um Nahrung konkurrierte, sich aber auch von Insekten und Pflanzen ernährte.

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Damit hatte Homo floresiensis vermutlich weniger komplexe Verhaltensweisen, als zunächst gedacht. Bisher hatte man Verhalten wie die Jagd auf Großtiere oder die Nutzung von Feuer nur mit großhirnigen Homininen in Verbindung gebracht – etwa dem Neandertaler, dem Homo sapiens sowie dem Homo erectus, einem frühen Menschen, der vor etwa 1,9 Millionen bis 110.000 Jahren lebte. Deswegen brachten einige Forscher Homo floresiensis zunächst mit Homo erectus in Verbindung.

Liang Bua Höhle in Indonesien
Blick in die Liang Bua Höhle auf der indonesischen Insel Flores. © Liang Bua Team | Liang Bua Team

Nach Ansicht des Londoner Paläoanthropologen Chris Stringer vom Natural History Museum bekräftigt die neue Studie nun aber eine bisher weniger verbreitete Auffassung. Demnach könnte Homo floresiensis auf einen primitiveren Vorfahren wie Homo habilis oder Australopithecus zurückgehen, wie der nicht an der Studie beteiligte Forscher gegenüber dem US-Sender CNN sagte. Homo habilis ist eine der frühesten bekannten Arten der Gattung Homo. Vertreter der Gattung Australopithecus – darunter das berühmte Fossil „Lucy“ – gingen zwar bereits aufrecht, besaßen jedoch ein Gehirn, das in seiner Größe eher dem eines Menschenaffen entsprach.