Der Eurovision Song Contest ist laut, bunt, manchmal schrill und oft völlig überdreht. Wer ihn deshalb nicht ernst nimmt, verpasst vielleicht den Punkt – und wer ihn zu ernst nimmt, übrigens auch. In einer Zeit, in der politische Gräben tiefer werden, leistet der ESC etwas, wofür europäische Institutionen sich sonst sehr viel mehr anstrengen müssen: Er erzeugt Verbundenheit durch gemeinsames Erleben. Millionen Menschen, dieselbe Show zur selben Zeit. Das Alberne ist dabei kein Versehen, sondern Programm – eine Ästhetik, die sich die Freiheit nimmt, nicht cool sein zu müssen.
- Meinung: Deutschland muss aus Bulgariens ESC-Triumph lernen
- „Bangaranga“: Kurioses ESC-Video zeigt, was TV-Zuschauer nicht sahen
- Showkritik: Deutschland brennt beim ESC nur auf Sparflamme
- Überblick: Das ESC-Ergebnis – Wer hat wie viele Punkte bekommen?
- Porträt: Das ist ESC-Siegerin Dara aus Bulgarien
ESC bringt Vielfalt der Sprachen und queere Kultur ins Rampenlicht
Das klingt banal. Ist es aber nicht unbedingt. Allein in diesem Jahr singen 16 der 25 Finalisten in ihrer Landessprache. Wann haben Sie zuletzt einen Popsong auf Finnisch gehört? Der ESC schafft Sichtbarkeit für Kulturen und Sprachen, die im globalen Musikmarkt keine Bühne haben, und kreiert somit ein grundlegendes europäisches Kulturspektakel.

Der Wettbewerb ist seit Jahrzehnten auch eine Bühne für queere Kultur, und das nicht als Randnotiz. Auf der ESC-Bühne gehört sie zur Mitte des Abends. In Ländern, in denen queeres Leben gesellschaftlich oder rechtlich unter Druck steht, sehen Millionen Menschen, dass diese Lebensrealitäten existieren, bejubelt werden, und gewinnen können.
Natürlich hat der ESC Widersprüche. Er ist kommerziell, pseudoneutral und manchmal schlicht absurd. Aber er ist auch eines der wenigen Formate, in denen Europa noch als gemeinsamer Raum erfahrbar wird – nicht als bürokratisches Konstrukt, sondern als Ort, an dem Länder, die sich politisch kaum noch in die Augen schauen, trotzdem füreinander abstimmen.



