Im Westen des Nildeltas, wo heute Felder und Bewässerungskanäle die Landschaft bestimmen, haben Archäologen eine vergessene Arbeitswelt freigelegt. In Kom Al-Ahmar und Kom Wasit stieß ein ägyptisch-italienisches Team der Universität Padua und des Obersten Rates für Altertümer Ägyptens auf Funde, die zunächst unspektakulär wirken: Mauerreste, Tonscherben, Fischgräten.

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Gerade diese unscheinbaren Funde könnten sich jedoch als Schlüssel erweisen. Denn sie erzählen nicht von Palästen und Pracht, sondern davon, wie Menschen im Delta lebten und wirtschafteten. Die Untersuchung des Teams rekonstruiert nun, was an diesem Ort einst produziert und gehandelt wurde – und warum sich ausgerechnet hier der Alltag der Antike so deutlich ablesen lässt.

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Antike Werkstatt im Nildelta: Zentrum für Salzfisch und Handwerk

Im Zentrum der Entdeckung steht ein Industriekomplex, der aus mindestens sechs Räumen bestand. Zwei davon lassen sich nach Einschätzung des Teams relativ eindeutig zuordnen: als Stationen der Fischverarbeitung. Zwischen zerbrochenen Amphoren und alten Tonöfen stießen die Archäologen auf rund 9700 Fischgräten.

In der Veröffentlichung des Forschungsteams heißt es, die Menge spreche für eine Salzfischproduktion im großen Stil. Gesalzener Fisch war damals ein begehrtes Handelsgut: Er hielt lange, ließ sich gut transportieren und konnte weit über die Region hinaus verkauft werden. Das Nildelta war dafür der ideale Standort – ein Knotenpunkt, an dem Waren über Wasserwege schnell Richtung Mittelmeer gelangten.

Doch der Komplex war offenbar mehr als eine Fischstation. In den übrigen Räumen fanden die Forscherinnen und Forscher Werkzeuge aus Metall und Stein sowie kleine Keramikamulette, die vermutlich als Schutzsymbole oder Handelsware dienten. Dazu kamen unfertige Figuren aus Kalkstein. Mohamed Abdel Badi, Leiter der ägyptischen Altertumsbehörde, deutet die Befunde entsprechend: Das Gelände sei „kein Lager“, sondern ein aktiver Werkstattbereich gewesen.

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Griechische Keramik in Ägypten: Früher Fernhandel im Nildelta

Mehr noch: Es spricht einiges dafür, dass dieser Betrieb früher begann, als man es für einen solchen Ort erwarten würde. Zwischen den Funden liegen importierte Amphoren und Fragmente griechischer Keramik. In der Veröffentlichung des Teams heißt es, der Komplex könnte bereits im 5. Jahrhundert v. Chr. genutzt worden sein – also zu einer Zeit, als Griechenland in Ägypten noch nicht politisch das Sagen hatte.

Gerade deshalb ist der Befund so aufschlussreich. Der Platz im westlichen Delta könnte ein frühes Indiz dafür sein, dass Handel und kultureller Austausch längst funktionierten, bevor Alexandria zur großen Drehscheibe der Antike wurde. Wer solche Importgefäße verwendete, war offenbar Teil eines Netzes, das Fischer, Werkstätten und Händler über das Delta hinaus verband – bis hinein in den Mittelmeerraum.

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Römischer Friedhof in Ägypten: Ein Blick auf das Leben und den Tod

Nur wenige Meter neben der Werkstatt stießen die Forscher auf etwas ganz anderes: einen römischen Friedhof, eine sogenannte Nekropole. Die Toten wurden auf unterschiedliche Weise beigesetzt: Manche Menschen wurden schlicht in die Erde gelegt, andere in Keramiksärgen beigesetzt. Kinder fanden sich häufig in großen Amphoren wieder – Gefäßen, die im Alltag für Transport und Vorrat dienten und hier zur letzten Hülle wurden. Aus dieser Vielfalt schließen die Forscher, dass im Delta mehrere Traditionen und wohl auch verschiedene soziale Schichten nebeneinander existierten.

Cristina Mondin, Leiterin des Padua-Teams, berichtet, dass derzeit bioarchäologische Analysen laufen – also naturwissenschaftliche Untersuchungen, bei denen Knochen und Zähne Hinweise auf Ernährung, Alter und Gesundheitszustand geben. Die ersten Ergebnisse, so Mondin, zeichnen ein überraschend positives Bild: Es gebe keine klaren Spuren schwerer Krankheiten oder Verletzungen. Vieles deutet darauf hin, dass die Menschen, die hier bestattet wurden, unter vergleichsweise guten Lebensbedingungen lebten.

Kostbare Funde: Goldene Ohrringe und unversehrte Amphoren

Neben den Knochenfunden sprechen auch die Grabbeigaben eine klare Sprache. Das Team barg Dutzende unversehrte Amphoren, vermutlich Vorrats- oder Transportgefäße, und außerdem ein Paar goldene Ohrringe, das nach Einschätzung der Forscher einem jungen Mädchen gehört haben könnte. Aus solchen Beigaben schließen sie, dass die Region nicht nur von harter Arbeit geprägt war, sondern auch von Handel und einem gewissen Wohlstand – genug, um sich Dinge zu leisten, die über das Notwendige hinausgingen.

Die Stücke wurden zur weiteren Untersuchung und Konservierung in das Ägyptische Museum in Kairo gebracht. Dort sollen sie restauriert und wissenschaftlich ausgewertet werden.

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Mohamed Ismail Khaled, Generalsekretär des Obersten Rates für Altertümer Ägyptens, nennt die Funde „entscheidend für das Verständnis des Alltagslebens im westlichen Delta“. Sie ergänzten, so Khaled, das Wissen über Siedlungsmuster, Handwerksproduktion und Bestattungstraditionen von der späten Pharaonenzeit bis in die frühe islamische Epoche.