Tassen klappern, die Espressomaschine zischt. Seit fast 100 Jahren stehen Einheimische und Touristen mit einem Espresso vor sich an dem Tresen des renommierten Cafés „Sant‘ Eustachio“ im Zentrum Roms. In dem Lokal nahe des Pantheons herrscht morgens Hochbetrieb. Der Eigentümer sorgt dafür, dass alles stimmt. Denn für den perfekten Espresso müssen mehrere Faktoren passen: Die Qualität der Bohnen, das Können des Baristas und das Serviergefäß.

Um den Genuss eines Kaffees hat sich in Italien ein ganzes Netz gesellschaftlicher Konventionen und geschmacklicher Variationen gebildet. Schauplatz dieses täglich mehrfach zelebrierten Rituals ist die Bar – ein für Italiener in gewissem Sinne ebenso heiliger Ort wie die Kirche. Doch diese im Ausland beneidete, einzigartige Kaffeekultur zwischen Mailand und Messina scheint in Gefahr zu sein.

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Italien: Steigende Kosten gefährden berühmte Kaffee-Kultur

Es gibt mehrere Faktoren, die das Überleben vieler kleiner Bars, einer Institution in Italien, inzwischen bedrohen: Der Preisanstieg des Rohkaffees, der durch den Klimawandel und andere Faktoren Rekordhöhen erreicht hat, steigende Mieten, vor allem in Kunststädten – und nicht zuletzt, hohe Energie- und Personalkosten, die die Gewinne der Bars schmälern. Allein in Rom haben in den letzten sechs Monaten 176 Bars geschlossen, wie der Gastronomie-Verband FIPE beklagt. In der Region Latium, zu der die italienische Hauptstadt gehört, sind es fast 400.

Italienweit zeigt sich ein ähnlicher Trend. Die Gefahr besteht darin, dass kleine Lokale von großen Kaffeehausketten wie „Starbucks“ ersetzt werden, die bisher im anspruchsvollen Italien nicht wirklich Fuß fassen konnten. Die Fragilität des Sektors, der meist aus kleinen, familiengeführten Bars besteht, zeigt sich auch daran, dass nur etwas mehr als die Hälfte der Betriebe nach fünf Jahren noch offen ist.

Eine Frau sitzt in einem Straßencafé in Rom und genießt ihren Espresso.
Viele familiengeführte Cafés in Italien müssen inzwischen schließen. © picture alliance / robertharding | Ben Pipe

„Der Wettbewerbsdruck in der Branche ist enorm. Auch langjährig etablierte Bars müssen täglich viele Herausforderungen bewältigen, denn Personal-, Strom- und Mietkosten werden immer höher“, klagt Luciano Sbraga, stellvertretender Direktor des FIPE, gegenüber den Medien. Die größte Belastung für die Gastronomen ist vor allem der Personalaufwand, der bis zu 50 Prozent des Umsatzes verschlingt. Weitere 20 Prozent der Einnahmen müssen für die Miete zurückgelegt werden.

Nicht nur hohe Mieten: Inflation macht den Espresso in der Bar unattraktiv

Die hohen Gesamtkosten lassen sich nur schwer mit dem niedrigen Durchschnittspreis für einen Espresso vereinbaren, der trotz steigender Inflation im europäischen Vergleich noch sehr günstig bleibt. „Meiner Meinung nach ist der einzige Ausweg, ein Netzwerk von Lokalen aufzubauen, das eine bestimmte Kaffee-Marke betreibt und Skaleneffekte nutzt“, erklärt Dario Fociani, ehemaliger Inhaber der Bar „Faro“ im Zentrum von Rom.

Die Liberalisierung der Bar-Lizenzen in Rom hat zu einem zähen Konkurrenzkampf um jeden einzelnen Kunden geführt. Und dies bei stagnierendem Konsum. Die zunehmende Inflation trägt zur Folge, dass viele Italiener inzwischen auf den Espresso in der Bar verzichten und stattdessen den billigeren selbstgemachten Kaffee in der Mokka bevorzugen.

Seit 2021 ist der Preis für einen Espresso um 20 Prozent gestiegen, wie der Konsumentenschutzverband Assoutenti berichtet. Dabei gibt es starke regionale Unterschiede zwischen Nord- und Süditalien: Während in Bozen ein Espresso durchschnittlich 1,40 Euro kostet, liegt der nationale Durchschnitt bei 1,20 Euro. Rohe Arabica- oder Robusta-Bohnen werden zu ständig neuen Höchstpreisen gehandelt. Der Börsenpreis für Rohkaffee ist seit 2020 um 247 Prozent gestiegen und hat damit den höchsten Stand seit 1977 erreicht.

Italienischer Kaffee: Hersteller kündigen weitere Preiserhöhungen an

Für Kaffee geben die Italiener jährlich mehr als acht Milliarden Euro aus, das entspricht etwa 392 Euro pro Familie. Kaffee-Kapseln generieren einen jährlichen Umsatz von 595 Millionen Euro, während Mokka-Kaffee 640 Millionen Euro einbringt. Sieben Milliarden Euro entfallen auf das Geschäft mit Espresso, der meist im Stehen in Cafés getrunken wird.

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Cristina Scocchia, Chefin von Illy, einem großen italienischen Hersteller, bereitet die Kunden bereits auf die nächste Preiserhöhung vor. Der Preis für eine Tasse Kaffee werde „in den kommenden Monaten voraussichtlich zwei Euro erreichen, da der Rohstoffpreis von hoher Volatilität und einem bislang nie dagewesenen Aufwärtstrend betroffen ist“, so die Unternehmerin.