Im Alten Testament sind sie das erste biologische Massenvernichtungsmittel. Eine Art göttliche Luftwaffe, die der Herr höchstselbst ausgesandt hat, um den ägyptischen Pharao dafür zu strafen, dass er das Volk Israel in Gefangenschaft hält. „Da sprach der Herr zu Mose: Strecke deine Hand über Ägyptenland, dass Heuschrecken auf Ägyptenland kommen und alles auffressen, was im Lande wächst, alles, was der Hagel übriggelassen hat“, heißt es im 2. Buch Mose.

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Orthoptera, wie Heuschrecken wissenschaftlich genannt werden, haben keinen guten Ruf. Im Verlauf der Geschichte kam es immer wieder zu massenhaften Invasionen der Insekten – mit desaströsen Folgen für die Landwirtschaft und den Menschen. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts suchten die Tiere sogar Mitteleuropa heim, fraßen sich durch die Felder und verursachten massive Hungersnöte.

Artikel über die Ukraine – für Sie recherchiert

Heuschreckenplage in der Ukraine: Riesige Insektenschwärme ziehen über das Land

Gegenwärtig sind vor allem Ostafrika und Asien von ähnlichen Problemen betroffen. Seit 2019 wird das Horn von Afrika (Eritrea, Äthiopien, Somalia) regelmäßig von riesigen Heuschreckenschwärmen kahlgefressen. Ein im Januar 2020 über Kenia beobachteter Schwarm von hunderten Millionen Heuschrecken hatte eine Ausdehnung von 2.400 km², was ungefähr der Fläche des Saarlandes entspricht.

Ganz so schlimm ist es im Süden der Ukraine noch nicht. Doch auch in den Regionen Dnipro, Saporischschja, Cherson, Odessa und Winnyzja sind Millionen von Heuschrecken unterwegs und verdunkeln den Himmel, wie unter anderem die „Kyjiw Post“ berichtet. Betroffen sind sowohl ukrainische als auch von Russland besetzte Gebiete. In Videos in den sozialen Medien sind riesige Insektenschwärme zu sehen, die über Dörfer und Felder ziehen. Bauern und Kleingärtner kämpfen mit Spaten und anderem Werkzeug gegen die Tiere an – ein verzweifeltes und wenig erfolgreiches Unterfangen.

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Andrij Pjatnyzkyj, ukrainischer Vize-Regionalchef von Saporischschja, setzt vorerst darauf, die Bevölkerung zu beruhigen. „Ja, das sieht schrecklich aus. Ja, es sind riesige Mengen, der Himmel ist voller Insekten. Aber es besteht keine direkte Gefahr für Menschen“, erklärte Pjatnyzkyj.

Ist Russland schuld an der Heuschreckenplage?

Wadym Tschajkowskyj, Vizedirektor der ukrainischen Lebensmittel- und Verbraucherschutzbehörde, macht derweil Russland für die Heuschreckenplage verantwortlich, spricht gar von einem „Ökozid“ an der Ukraine. Als mögliche Ursache der Insekteninvasion betrachten die ukrainischen Behörden die Sprengung des Kachowka-Staudamms durch russische Truppen im Juni 2023. Das Gebiet, das dadurch trockengelegt wurde, biete den Tieren ideale Bedingungen für ihre Vermehrung, berichtet das Portal „Politico“. Durch die Zerstörung weiterer Infrastruktur könne das ökologische Gleichgewicht nachhaltig gestört werden, heißt es weiter. Es drohe ein langfristiger Dominoeffekt mit noch unabsehbaren Folgen.

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Um das Schlimmste zu verhindern, wenden die Behörden nun die chemische Keule an. In der Region Saporischschja wurden bereits über 6000 Hektar mit Insektiziden behandelt, schreibt die „Kyjiw Post“. Tschajkowskyj versucht derweil zu beruhigen. Noch sei die ukrainische Ernte nicht gefährdet. Die Heuschrecken konzentrierten sich vor allem auf Gebiete entlang des Dnipro und anderer Gewässer, heißt es. Allerdings seien allein in der Region Cherson bereits 27 Quadratkilometer Sonnenblumenfelder vernichtet worden, in der Region Saporischschja 200 Hektar Mais.

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„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, schreibt Friedrich Hölderlin in seinem Gedicht „Patmos“. Was uns zur Bibel zurückbringt. Dort wird die Heuschrecke nämlich nicht nur negativ konnotiert. Johannes der Täufer soll sich in der Wüste von Heuschrecken ernährt haben. Und auf assyrischen Reliefs werden Männer mit Heuschreckenspießen dargestellt. Die Insekten gelten als proteinreich und als Nahrungsquelle der Zukunft. Vielleicht ein kleiner Trost inmitten eines ökologischen Ausnahmezustandes.