Der Test ist zu Ende: Nach 54 Tagen endet an diesem Wochenende die zweite Experimentierphase des Systems, das Venedig helfen soll, den Massentourismus besser in den Griff zu bekommen. Zehn Euro für einen Tagesausflug nach Venedig – so viel mussten Kurzbesucher seit Ostern an mehreren Feiertagen und Wochenenden zahlen, um die Altstadt der Lagunenstadt betreten zu dürfen.

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Bereits 2024 war das weltweit einzigartige Modell in kleinerem Umfang erprobt worden: Damals galt das Eintrittsgeld nur an 29 Tagen und lag bei maximal fünf Euro. Wer für 2025 frühzeitig buchte, zahlte weiterhin diesen reduzierten Betrag. Kurzentschlossene mussten hingegen mit zehn Euro rechnen. Ausgenommen vom Eintritt sind unter anderem Einheimische, Kinder und alle Übernachtungsgäste – letztere zahlen ohnehin eine Tourismusabgabe.

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Im Vorjahr wurden nach offiziellen Angaben 485.000 zahlende Besucher gezählt, was Einnahmen von rund 2,4 Millionen Euro brachte. In diesem Jahr könnten es über fünf Millionen Euro sein, verlautete es aus der Gemeinde. Eine offizielle Bilanz und Auswertung der Daten liegt noch nicht vor. Ob das Eintrittssystem auch 2026 wieder greift, ist noch nicht sicher. Die Debatte ist offen.

Tagesticket für Venedig: Stadtrat zieht positive Zwischenbilanz

Trotz teils kontroverser Diskussionen zieht der für den städtischen Haushalt zuständige Stadtrat Michele Zuin eine positive Zwischenbilanz. Über eine Fortsetzung oder Anpassung des Systems soll nun im Frühjahr 2026 entschieden werden – dann unter der Verantwortung der neuen Stadtverwaltung, die Anfang 2026 gewählt werden muss und für die das Thema zu den ersten Punkten auf der Agenda zählen dürfte.

Touristen auf dem Markusplatz: Einzelhändler klagen über schlechte Umsätze.
Touristen auf dem Markusplatz: Einzelhändler klagen über schlechte Umsätze.© Christoph Sator/dpa | Christoph Sator

In diesem Jahr galt die Regelung zunächst täglich von Ostern bis zum ersten Mai-Wochenende und anschließend an den Wochenenden bis Ende Juli jeweils zwischen 8.30 und 16 Uhr. Ob die Maßnahme die Besucherzahlen tatsächlich reduziert hat, ist allerdings noch unklar. Die Kaufleute in der Lagunenstadt bestreiten das vehement. Der Billigtourismus, der Venedig plündere und der Stadt nur wenig Geld hinterlasse, habe sogar zugenommen. „In Venedig kaufen die Touristen nichts mehr. Wir befinden uns in einem Katastrophenzustand“, schlägt Setrak Tokatzian, Juwelier und Präsident der Händlervereinigung Piazza San Marco, Alarm. Der Verband vereint die Inhaber der renommiertesten Geschäfte um den Markusplatz. Gegenüber Medien äußert er deutliche Kritik am ausufernden Massentourismus, der die Lagunenstadt zunehmend belaste, aber kaum wirtschaftlichen Nutzen bringe.

Venedig: „Der Tourismus ist obszön geworden“

„Jeden Tag sehe ich Menschenströme durch die Stadt ziehe, geführt von Reiseveranstaltern. Sie fahren Gondel, steigen in Wassertaxis, hetzen von einem Ort zum anderen. Aber sie kaufen nichts“, so Tokatzian. Der Tourismus sei „obszön“ geworden: „Horden von Menschen mit weißen Armbändern kommen aus den Campingplätzen auf dem Festland. Ich persönlich bin der Meinung, dass es klare Obergrenzen für diese Reisebusse geben sollte, die Touristen vom Festland in die Stadt bringen. Und diesen Leuten würde ich 100 Euro Eintritt abverlangen“, protestiert der Kaufmann.

Besonders stark betroffen sei der Luxussektor, erklärt Tokatzian weiter: „Früher sah man Touristen mit Taschen von Markenläden durch die Gassen gehen, heute fast gar nicht mehr. Auch Hoteliers und Gastronomen berichten von sinkenden Umsätzen. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie Familien sich ein einziges Pastagericht teilen oder gemeinsam ein Getränk bestellen. Selbst Wasser wird nicht mehr gekauft. Stattdessen bilden sich Schlangen an den Trinkbrunnen. Wo ist das gebildete, kulturinteressierte Publikum geblieben, das der Stadt wirklich etwas bringt?“, fragt Tokatzian polemisch.

Auch Hoteliers und Gastronomen berichten von sinkenden Umsätzen in Venedig.
Auch Hoteliers und Gastronomen berichten von sinkenden Umsätzen in Venedig.© Stefan Weißenborn/dpa-tmn | Stefan Weißenborn

Urlaub in Venedig: Touristen kaufen bei illegalen Verkäufern

Ein weiteres Problem sieht Tokatzian im illegalen Straßenhandel: „Tagestouristen kaufen bei Schwarzverkäufern Taubenfutter. Sie betreten keinen Laden, sondern machen Selfies beim Füttern der Tauben. Wir, die legale Kaufleute sind, verkaufen gar nichts mehr, während die illegalen Verkäufer täglich Hunderte Euro schwarz verdienen. Ist das gerecht?“

Wie Tokatzian sehen viele die Lage in Venedig. Kritiker bemängeln die zahlreichen Ausnahmen und das Fehlen klarer Besucherobergrenzen. Befürworter des Eintrittsgeldes betrachten die Tagesgebühr vor allem als symbolischen Schritt, um auf die Zerbrechlichkeit Venedigs hinzuweisen und ein Bewusstsein für nachhaltigen Tourismus zu schaffen. Sie fordern, dass die Maßnahme auch im kommenden Jahr bleibt.