In der Gohrischheide in Sachsen kommt es Ende Juni zu einem verheerenden Waldbrand, bei dem über 2000 Hektar Waldfläche vernichtet werden. In Thüringen schlagen sich wenig später knapp zwei Wochen lang Flammen durch ein Waldgebiet auf der Saalfelder Höhe. Während viele sich durch technische Neuerungen wie Drohnen oder künstliche Intelligenz (KI) Lösungen für Deutschlands Waldbrandproblem erhoffen, sehen Experten das Problem und auch die Lösungen woanders.

Jeden 2. Sonntag
Ein FUNKE Liebe
Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Laut Johann Georg Goldammer, Feuerökologe von der Arbeitsgruppe Feuerökologie und dem Global Fire Monitoring Center in Freiburg, ist die Frage nach technischen Neuerungen zur Bekämpfung von Wildfeuern nicht der zentrale Knackpunkt: „Wenn wir uns auf das Löschen von Feuern fokussieren, dann laufen wir dem Problem nur hinterher. Wir müssen uns stattdessen vor das Problem stellen.“
Lesen Sie auch
Waldbrand bekämpfen: Experte mit klarer Forderung für deutschen Wald
Goldammer hält sogenannte Waldbrandschutzkorridore für sinnvoll. „Das sind offene, lichte Wälder, die natürlich gestaltet werden, ohne, dass alle Bäume dafür entfernt werden müssen“, sagt der Feuerökologe. Wenn es zu einem Brand kommen, würden sich die Flammen in einem Schutzkorridor von selbst auslaufen oder können von dort aus leichter eingefangen und bekämpft werden.

Statt auf technische Innovationen könnte man auch eine wissenschaftlich erprobte Methode zurückgreifen, findet Goldammer: das kontrollierte Brennen. Dabei werden gezielt Feuer gelegt, die dann kontrolliert, überwacht und anschließend gelöscht werden. „Dadurch werden die Wälder quasi immer wieder aufgeräumt und es gibt weniger Brennmaterial, das dann den Wildfeuern zur Verfügung steht“, erklärt Goldammer.
Die Methode habe sich international bewährt, auch in Ökosystemen, die dem deutschen ähnlich sind. Hierzulande wird die Methode bereits auf Heideflächen angewandt, erklärt Goldammer. „Das wurde in Deutschland salonfähig gemacht, aber beim Wald sind wir noch etwas zurückhaltend.“
Waldbrände: Wo modernste Technik helfen kann und wo nicht
Auch Feuerwehrmann Ulrich Cimolino sieht die aktuellen Innovationen im Verhältnis zu anderen Problemen eher als zweitrangig. „Die frühe Meldung und Erkennung von Wald- und Vegetationsbränden funktioniert meist auch so, wie es jetzt ist“, sagt Cimolino. Er leitet den Arbeitskreis Waldbrand im Deutschen Feuerwehrverband und ist seit über 40 Jahren im aktiven Einsatzdienst bei der Feuerwehr. 2014 promovierte er zum Thema Waldbrände. Weitere Neuerungen für die Früherkennung bräuchte es deswegen gar nicht zwingend, eher den Ausbau vorhandener Technik, die schon im Einsatz sei.
- BND: Klimawandel eines der größten Sicherheitsrisiken für Deutschland
- Google Earth: Diese Funktion zeigt die Klimakrise im Zeitraffer
- Studie: Golfstrom könnte früher als gedacht kollabieren
- Interaktiv: Ist das Wetter noch normal? Der tägliche Klima-Check
- Interaktiver Klima-Globus: Wo unsere Erde unbewohnbar wird
In Brandenburg beispielsweise werden Kamerasysteme für die Früherkennung von Wald- und Vegetationsbränden genutzt. Dieses beobachtet von einer erhöhten Position aus die umliegenden Gebiete und verschickt eine Meldung, sobald sie Rauch erkennt. „Das funktioniert überall dort am besten, wo es ebenerdig ist“, erklärt der gebürtige Bayer. Das Problem: „Je hügeliger und zerklüftet die Landschaft, desto mehr Kameras braucht man. Das System eignet sich also nicht für alle Gegenden optimal.“
Experte: Feuerwehrleute brauchen Weiterbildung für Waldbrände
Eigens für das Erkennen von Feuer entwickelte Drohnensysteme, wie das vom Start-up Dryad Networks, hält Cimolino nur für bedingt sinnvoll. „Wie viele Drohnen sollen denn bei einem Waldgebiet von 50 Quadratkilometer fliegen?“ Außerdem sei dabei auch der Umgang mit dem restlichen Flugverkehr, wie Rettungshubschraubern, kritisch. „Das sind alles tolle Ideen, aber was draußen tatsächlich funktioniert, ist etwas anders.“

„Das Hauptthema hier in Deutschland ist die Ausbildung der Feuerwehrkräfte“, erklärt Cimolino. „Wir haben keine strukturierte Ausbildung wie in anderen europäischen Ländern“, sagt Cimolino. „Es gibt in ganz Deutschland in keiner einzigen Feuerwehrdienstvorschrift eine einzige Zeile zum Löschen von Vegetationsbränden.“ Viele Kameradinnen und Kameraden wüssten gar nicht genau, worauf es bei den Bränden genau ankommt, selbst wenn man modernste Technik zur Auswahl hätte. „Schon ein bis zwei Tage Weiterbildung zu dem Thema könnte einen riesigen Unterschied machen.“
Munition im Wald: Das macht die Waldbrand-Bekämpfung so schwierig
Dazu kommt laut Cimolino ein weiteres Problem: Deutschland ist übersät mit Munitionsaltlasten. Auf zahlreichen ehemaligen Schießübungsplätzen und Kriegsschauplätzen finden sich noch Kampfmittel, die den Einsatzkräften gefährlich werden können. Aufgrund des Sicherheitsabstandes von bis zu einem Kilometer, der dort eingehalten werden muss, seien nur wenige technische Hilfsmittel bei der Brandbekämpfung sinnvoll. Löschflugzeuge, von denen es in Deutschland aktuell gar keine gibt, und Hubschrauber mit Wasser wären zu weit weg von den Flammen, um die Löscharbeiten sinnvoll voranzutreiben.

Um Feuer innerhalb eines Gefahrengebiets zu löschen, wird in Brandenburg derzeit schon ein unbemanntes Fahrzeug eingesetzt, berichtet Cimolino. Dieses Fahrzeug kann ferngesteuert in ein munitionsbelastetes Gebiet gefahren werden und dort mit einem Löscharm Wasser verteilen.
„Aber das ist ein Tropfen auf dem heißen Stein“, meint der Waldbrandexperte. „Wir bräuchten 15 bis 20 solcher Dinger in ganz Deutschland und müssten uns dann bei den Einsätzen gut koordinieren und zusammenarbeiten.“ Am besten sei es, wenn die Munitionsaltlasten erstens verlässlich auf allen Waldbrandkarten gekennzeichnet wären und dann zweitens nach und nach geräumt werden würden, meint Cimolino.







