Salzige Meeresluft, Kokosnüsse und tropische Wärme prägen Tuvalus Küste. Doch während Palmen im Wind schwanken, überrollen die Wellen immer häufiger die Uferbereiche und bedrohen den Alltag der Menschen.

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„Als tiefliegender Atollstaat ist Tuvalu besonders dem steigenden Meeresspiegel, Sturmfluten und Küstenerosion ausgesetzt“, schreibt Jane McAdam, Asylrechtsexpertin an der University of New South Wales in Sydney. Der höchste Punkt Tuvalus liegt weniger als fünf Meter über dem Meeresspiegel. Klimaforscher sagen voraus, dass bis zum Ende des Jahrhunderts infolge der Klimaerwärmung und steigender Meeresspiegel nichts mehr von Tuvalus palmengesäumten Küsten übrig sein wird.

Premierminister Feleti Teo warnt bereits jetzt vor dramatischen Szenarien: Bis 2050 werde mehr als die Hälfte Tuvalus regelmäßig von Flutwellen überschwemmt, bis 2100 seien es 90 Prozent des Landes.

„Eine interne Umsiedlung in Tuvalu ist keine Option“

Besonders prekär ist die Lage in Fongafale, der größten und bevölkerungsreichsten Insel im Hauptatoll Funafuti, deren landebahnähnlicher Streifen an einigen Stellen nur 20 Meter breit ist. „Versetzen Sie sich in meine Lage als Premierminister von Tuvalu, der über Entwicklung und über Dienstleistungen für die Grundbedürfnisse unserer Bevölkerung nachdenkt und gleichzeitig mit einer sehr konfrontierenden und beunruhigenden Prognose konfrontiert wird“, sagte Teo im Juni auf der Ozeankonferenz der Vereinten Nationen im französischen Nizza.

Bis 2050 werde mehr als die Hälfte Tuvalus regelmäßig von Flutwellen überschwemmt.
Bis 2050 werde mehr als die Hälfte Tuvalus regelmäßig von Flutwellen überschwemmt.© AFP | TORSTEN BLACKWOOD

„Eine interne Umsiedlung in Tuvalu ist keine Option“, betonte er. Es gebe keine Möglichkeit, ins Landesinnere oder auf höher gelegenes Gelände zu ziehen, weil es kein höher gelegenes Gelände gebe.

Tuvala im Pazifik: Klimaflucht nach Australien

Die Verzweiflung wächst – und damit auch die Zahl der Menschen, die dem Untergang entkommen wollen. Vergangene Woche berichtete die Nachrichtenagentur Agence France-Presse, dass innerhalb von vier Tagen 3125 Tuvaluer sich in das Losverfahren für ein spezielles Klimavisum für Australien eingetragen haben – möglich ist dies seit dem 16. Juni.

Zum Hintergrund: Klimagefahr – Deutsche Forscher enträtseln im Südpazifik Tricks unserer Vorfahren

Im Laufe der vergangenen Woche stieg die Zahl weiter rapide an. Bis Freitagvormittag (10 Uhr Ortszeit in Canberra) hatten bereits 4052 Menschen ihr Interesse bekundet, wie ein Sprecher des australischen Innenministeriums in einer E-Mail bestätigte (1124 Registrierungen/4052 einschließlich Familienangehörigen). Damit haben inzwischen rund 40 Prozent der Tuvaluer Interesse an einem Neustart bekundet – bei rund 10.600 Einwohnern.

Doch viele Hoffnungen werden sich nicht erfüllen: Das neue Klimamigrationsabkommen, das Australien 2024 als „das erste Abkommen dieser Art weltweit“ feierte, genehmigt jedes Jahr nur 280 Tuvaluern eine legale Einwanderung. Bis Mitte Juli läuft die Bewerbungsphase, Ende Juli beginnt die Auswahl nach dem Zufallsprinzip.

40 Prozent der Tuvaluer haben ihr Interesse an einem Neustart in Australien bekundet – bei rund 10.600 Einwohnern.
40 Prozent der Tuvaluer haben ihr Interesse an einem Neustart in Australien bekundet – bei rund 10.600 Einwohnern.© AFP | TORSTEN BLACKWOOD

Hilfsangebot mit Hintergedanken

Die australische Regierung hatte die sogenannte Falepili-Union mit Tuvalu unterzeichnet, auch um Chinas wachsenden Einfluss im Pazifik zurückzudrängen. Im Gegenzug für das Visaprogramm erhielt Australien ein Mitspracherecht bei Tuvalus Verteidigungsabkommen mit Drittstaaten – ein Preis, den manche in Tuvalu kritisch sehen.

Premierminister Anthony Albanese verteidigte das Abkommen mit den Worten: „Es zeigt unseren pazifischen Partnern, dass sie sich auf Australien als vertrauenswürdigen und aufrichtigen Partner verlassen können.“ Tatsächlich bescheinigen Fachleute Australien mittlerweile nach Neuseeland die engste Migrationsbeziehung zu Tuvalu. Inhaber des neuen Visums erhalten sofortigen Zugang zu Bildung, zum staatlichen Gesundheitssystem Medicare, zur National Disability Insurance Scheme – einem Sozialprogramm für Menschen mit Behinderung – zu Steuervergünstigungen und Kinderbetreuungszuschüssen.

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Klimavisum ein zweischneidiges Schwert

Trotzdem bedeutet es für Tuvalu einen dramatischen Aderlass. Es gibt Befürchtungen, dass gerade junge, gut ausgebildete Menschen ihre Heimat verlassen – und damit auch das Wissen und die Kraft, die ein Wiederaufbau oder eine Anpassung an den Klimawandel bräuchten. Jane McAdam ist eine derjenigen, die die Entwicklung durchaus zwiespältig sieht. Sie weist darauf hin, dass Verwandte im Ausland Tuvalu zwar stärken könnten, etwa indem sie Familien bei der Finanzierung von Regenwassertanks, kleinen Booten oder besseren Kommunikationsmöglichkeiten helfen. „Überweisungen können auch in Bildung oder den Aufbau sozialen Kapitals investiert werden, was langfristig sehr wertvoll ist“, erklärte McAdam.

Gleichzeitig warnt sie jedoch, dass ein gewisses Mindestmaß an qualifizierten Arbeitskräften und Know-how in Tuvalu verbleiben müsse. Würden zu wenige Menschen bleiben, drohe der Entwicklung das Fundament wegzubrechen. Die Regierung von Tuvalu reagierte nicht auf Fragen angesichts des Massenansturms auf das australische Visumsangebot.

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Tuvalu versinkt und mit ihm jahrhundertealte Geschichten und Bräuche

Tuvalus Premierminister Feleti Teo versuchte zuletzt jedoch, der Bevölkerung Mut zu machen. Bei der feierlichen Eröffnung der ersten Geldautomaten auf Funafuti präsentierte er im April stolz die Geräte, umgeben von lokalen Würdenträgern und einem riesigen Schokoladenkuchen. „Ein bedeutender Meilenstein“ sei diese Installation, sagte Teo damals – in einem Land, das zugleich ums nackte Überleben kämpft.

Doch trotz solcher Fortschritte bleibt die Bedrohung allgegenwärtig. Nicht umsonst ging 2021 ein symbolträchtiges Bild um die Welt: So stand der damalige Außenminister Simon Kofe bei einer Rede vor den Vereinten Nationen knietief im Wasser. Es war ein Hilferuf an die Weltgemeinschaft: Tuvalu versinkt und mit ihm jahrhundertealte Geschichten und Bräuche.

Um letztere selbst im Falle eines verschwindenden physischen Territoriums zu erhalten, warb Tuvalus frühere Generalstaatsanwältin Eselealofa Apinelu 2022 bereits für einen digitalen Zwilling. Mit dieser Vision soll zumindest ein Teil des Erbes überdauern: Dieses virtuelle Abbild von Tuvalu soll Kultur, Werte und Geschichte des Landes für die Nachwelt speichern.