Gerade einmal 35 Kilometer Luftlinie trennen die Orte Blatten und Gondo. Beide liegen im Wallis, beide teilen ein schreckliches Schicksal. Wie Blatten wurde auch Gondo von einem Erdrutsch zerstört. Fast 25 Jahre ist das her. Das Dorf wurde wiederaufgebaut, doch die Erinnerung an den 14. Oktober 2000 sitzt in Gondo noch immer tief.

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Roland Squaratti war damals Gemeindepräsident von Gondo. Wenn er die Bilder aus Blatten im Fernsehen sieht, ist die Erinnerung sofort wieder da. Tagelang hatte es Mitte Oktober 2000 in der Zentralschweiz heftig geregnet. Oberhalb des Ortes geriet ein Hang ins Rutschen; eine Lawine aus Schlamm und Geröll fegte eine Schutzmauer hinweg und stürzte zu Tal. Ein Teil von Gondo wurde mitgerissen, darunter das Gemeindehaus, das Squaratti fünf Minuten vorher verlassen hatte. Zehn Häuser wurden weggeschwemmt, 13 Menschen getötet, darunter die beiden Brüder von Squaratti, die als Feuerwehrleute im Einsatz waren.

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Bergrutsch in Gondo: Squaratti flehte im Lokalradio um Hilfe

In der Schweiz blickt man in diesen Tagen nach Blatten, gleichzeitig erinnern sich viele Eidgenossen auch an das Unglück von Gondo. Roland Squaratti ist gerade ein gefragter Mann. Was soll, was kann er den Bewohnern von Blatten sagen? „Eine solche Zerstörung im eigenen Dorf zu erfahren, das ist enorm“, sagt er im Gespräch mit dem Schweizer „Tagesanzeiger“. Das klingt ehrlich, aber auch etwas hilflos. So hilflos wie sein Flehen um Hilfe damals im Radio am 14. Oktober 2000.

Apokalyptisches Bild vom zerstörten Gondo am 15. Oktober 2000.
Apokalyptisches Bild vom zerstörten Gondo am 15. Oktober 2000.© picture-alliance / dpa | picture-alliance / dpa

Mit brechender Stimme mahnte er die Behörden an, Unterstützung zu schicken. Die Menschen müssten weg, mit Hubschraubern, irgendwie. Gondo war nach dem Erdrutsch von der Außenwelt abgeschnitten, die Straßen weggespült oder schwer beschädigt. Die etwa 160 Bewohnerinnen und Bewohner konnten dann doch noch ausgeflogen werden, unter anderem ins nahe Domodossola in Italien.

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Gewaltige Spendenbereitschaft nach der Katastrophe

Bilder von damals zeigen, wie die Gerölllawine durch den Ort pflügte. Der Stockalperturm, das Wahrzeichen von Gondo, wurde völlig zerstört. Mittlerweile hat man den Turm wieder aufgebaut. Ein Hotel und ein Seminarzentrum befinden sich nun darin. In Gondo sagen viele, dass mit der Katastrophe eine neue Zeitrechnung begonnen habe, die alte wurde buchstäblich hinweggefegt. Geholfen hat den Menschen in Gondo und anderen vom Unwetter betroffenen Gemeinden im Wallis und im Tessin die Solidarität und die Hilfsbereitschaft anderer. 74 Millionen Franken an Spenden kamen damals zusammen. Ein großer Teil ging nach Gondo, wo mit dem Geld der Wiederaufbau finanziert werden konnte.

Auch die betroffenen Menschen in Blatten dürfen auf Spenden hoffen. Geld allein heilt freilich keine Wunden, doch ohne es wäre alles noch schlimmer. Wer heute nach Gondo kommt, sieht einen Ort, der frisch und modern aussieht. Aber auch ein wenig leer. Die Einwohnerzahl hat sich seit dem Unglück halbiert. Viele Menschen sind weggezogen oder leben nur noch ein paar Monate im Ort. Für Elsi Jordan war es jedoch nie eine Überlegung, Gondo zu verlassen. „Uns die Heimat wegzunehmen, wäre eine zweite Katastrophe für uns gewesen“, sagte sie dem Schweizer Rundfunk (SRF).

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Erzählen und Erinnern als Therapie

Auch der frühere Gemeindepräsident Squaratti sagt, der Wiederaufbau des Ortes sei nicht nur eine Verpflichtung gegenüber den Lebenden und den Toten gewesen, sondern auch gegenüber den vielen Menschen, die dafür Geld gespendet hätten. Besucher, die nach Gondo kommen, wollen von ihm als Erstes wissen, wie es damals gewesen ist, als der Bergrutsch den Ort zerstörte. Die Leute wollten dieselbe Geschichte immer und immer wieder hören, sagt Squaratti. Für ihn war und ist das Erzählen darüber auch eine Art Therapie, wie er sagt.

Im Restaurant, das ein Verwandter führt, liegt ein Buch mit Bildern von der Katastrophe aus. Die Gäste stürzen sich darauf, fasziniert und betroffen zugleich. Das Buch müsse jedes Jahr ersetzt werden, sagt Sebastian Squaratti, der Wirt. Weil die Seiten vom vielen Blättern herausfielen.